Misstrauen gilt in der Psychologie als Gegensatz des Vertrauens und ist daher vor allem durch den Gegensatz zu diesem wesentlichen Aspekt bei der Entwicklung einer Persönlichkeit definiert. Misstrauen wie Vertrauen entwickeln sich dynamisch und kontextbezogen, wobei Misstrauen vor allem im Rahmen anhaltend bedrohlicher Interaktion und Kommunikation entsteht. Misstrauen entsteht immer dann, wenn es einem Menschen nicht gelungen ist, eine Bedrohung nachhaltig abzuwenden, denn dann verbleibt ein Gefühl von misstrauischer Angst, d. h., in zahlreichen Situationen werden potentielle Bedrohungen dann deutlicher wahrgenommen. Je früher im Leben solche Erfahrungen von Situationen gemacht werden, in denen man Bedrohungen nicht abwenden konnte bzw. je existentieller diese waren, desto stärker wird das entstandene Misstrauen später generalisiert auch auf andere Situationen und ähnliche Objekte übertragen.

Misstrauen ist somit auch ein Gefühl, das Menschen ebenso wie Vertrauen selbst in sich erzeugen. Wenn Menschen generell misstrauisch sind, dann suchen sie im Verhalten und den Worten anderer nach Beweisen dafür, dass diese schaden wollen, sodass Misstrauen dazu führt, dass man viele schlechte Erfahrungen mit anderen macht und sich so immer wieder in seinem Misstrauen bestätigt fühlt (selbsterfüllende Prophezeiung). Ein generelles Misstrauen gegenüber allen Menschen ist immer auch ein Zeichen von mangelndem Selbstvertrauen, denn man traut sich nicht zu, mit einer möglichen Enttäuschung richtig umzugehen. Wenn man nun grundsätzlich allen Menschen gegenüber chronisch misstrauisch ist, dann verhindert dieses Misstrauen, engere zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen. Letztlich geht es bei Vertrauen und Misstrauen auch immer um Kontrolle und Kontrollverlust.

Misstrauen ist wie Vertrauen bzw. Urvertrauen vor allem aus Sicht der Psychoanalyse das Resultat der frühkindlichen Mutter-Kind-Beziehung, wobei Versagungen, Drohungen und das Erleben von Unzuverlässigkeit den Aufbau von Misstrauen bei Kindern fördern können. Das aus diesem Verhalten der Bezugspersonen resultierende Misstrauen bleibt für viele Menschen die gesamte Lebensspanne über bedeutsam, wobei mangelndes Urvertrauen auch als eine zentrale Ursache für neurotische Entwicklungen der Persönlichkeit darstellt. In der Perspektive der Entwicklungspsychologie entsteht das Urvertrauen aus der Erfahrung, dass zwischen der Welt und den persönlichen Bedürfnissen Übereinstimmung herrscht. In dieser Phase entsteht jene Grundhaltung, die sich durch das ganze weitere Leben zieht. Ein Neugeborenes ist darauf angewiesen, dass es versorgt wird. Diese Erfahrungen führen zu einem Vertrauen gegenüber der Mutter, dem Vater und anderen Bezugspersonnen. Neben dem Erleben des Vertrauens wird auch früh Misstrauen erlebt, in dem z. B. die Mutter beginnt, nicht nur für das Baby da zu sein, d. h., sie lässt das Kind alleine, um den Haushalt zu führen usw. Diese Zeiten, in den das Neugeborene alleine ist, fördern sein Misstrauen, wobei es wichtig ist, dass ein Kind neben Vertrauen auch ein gewisses Maß Misstrauen kennenlernt, wobei entscheidend für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist, dass sich das Vertrauen stärker entwickelt. Siehe dazu Achtmonatsangst und Fremdeln.

Misstrauen ist letztlich aber auch eine Art Schutzmechanismus, der Betroffene vor einer Verletzung durch eine andere Person schützen soll. Oft tritt dieses Gefühl aber auch dann erst ein, wenn der mensch bereits verletzt und sein Vertrauen missbraucht wurde. Lernt man einen neuen Menschen kennen, stellt sich immer die Frage, ob man diesem vertrauen kann. Entscheidet man sich für das Vertrauen, macht man sich dadurch verletzlich und angreifbar, da dem Gegenüber die eigenen Gefühle und Gedanken offenbart werden und darauf vertraut wird, dass dieser gut mit diesen umgeht. Wird das Vertrauen aber nun von diesem Menschen verletzt, beginnt man, sich körperlich und emotional von ihm zu distanzieren, es kommen Fragen auf, warum die Person so gehandelt hat und was zu diesem Vertrauensbruch geführt hat. Solche Vermutungen über die Beweggründe der anderen Menschen kann ein Gedankenkarussell über die eigene Vergangenheit und Zukunft aktivieren, woraus möglicherweise ein nicht enden wollender Teufelskreis des Misstrauens entsteht: Vermeidung und die Distanzierung von emotionaler Nähe führen zu einem stetigen Anstieg von Misstrauen gegenüber dem Umfeld, das nur schwer wieder abzustellen ist. Vor allem in der Partnerschaft ist Misstrauen ein zentrales Thema, da die Gefühle der Partner füreinander keinen bestimmten Vorgaben folgen und es zu einem Zwiespalt zwischen Gefühlen der Liebe und des Misstrauens kommen kann.

Literatur

Stangl, W. (2012). Phasen der psychosozialen Entwicklung nach Erik Homburger Erikson. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungErikson.shtml (12-03-16).
https://praxistipps.focus.de/misstrauen-diese-psychologie-steckt-dahinter_129799 (21-03-12)


Weitere Seiten zum Thema