Psychopathie

Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Psychopathen gelten als furchtlos, impulsiv, gefühlskalt und manipulativ, und waren oft schon in ihrer Kindheit wenig empfänglich für Bestrafung durch Eltern oder Lehrer.

Die Psychopathie ist wenig erforscht, auch wenn WissenschaftlerInnen ihre Aufmerksamkeit immer wieder auf Extremfälle und Straftäter gerichtet haben. Das ist insofern nicht verwunderlich, als der Anteil der Psychopathen unter Häftlingen etwa bei zwanzig Prozent liegt, wobei diese  etwa dreimal so häufig rückfällig werden wie andere. Nach Ansicht von Niels Birbaumer, der Gehirne von psychopathischen Straftätern untersuchte, zeigen Psychopathen nachweislich weniger Angst, d. h., dass jene Gehirnareale, die mit Angst zu tun haben, bei Psychopathen wenig aktiv sind. Durch die fehlende Angst fürchten vermutlich kriminelle Psychopathen die Folgen ihrer Taten nicht und haben weniger Schuldgefühle, denn auch Gefühle wie Reue entstehen durch Angst vor Bestrafung. Auch die Regionen im limbischen System, in dem Gefühle verarbeitet werden, sind bei Psychopathen insgesamt weniger aktiv. Bei Psychopathen ist vermutlich auch die Suche nach Belohnung sehr stark ausgeprägt, was sich experimentell in übertriebenen Dopamin-Reaktionen zeigt. Man vermutet aber auch, dass bei kriminellen Psychopathen jener Teil des Gehirns beeinträchtigt ist, der sie aus den Konsequenzen ihrer Taten lernen ließe. Psychopathen können sich vermutlich zwar kurzfristig anpassen, sind aber langfristig nicht in der Lage, aus Fehlern zu lernen.

In einer Studie wurden verurteilte Psychopathen untersucht und mit anderen Menschen verglichen. Beiden zeigte man Videos, in denen etwa eine Hand eine andere Hand streichelt oder einen Finger greift und umknickt. Im Gehirn der Kontrollgruppe spiegelte sich wider, was in einer Person passiert, die Zuneigung oder Schmerz empfindet, während sich bei den Psychopathen im Gehirn wenig Aktivitäten zeigten. Dieser Unterschied verschwand jedoch, wenn die ProbandInnen aufgefordert wurden, mit den Videos mitzufühlen. Vermutlich haben auch Psychopathen die Fähigkeit, mit anderen Menschen mitzufühlen, aber sie setzen sie offenbar nur dann ein, wenn es ihnen etwas nützt.

Hervey Cleckley beschrieb Menschen mit psychopathischer Persönlichkeit und stellte fehlende Reue angesichts grausamer Taten, rücksichtloses Verhalten gegenüber Mitmenschen und die kunstvolle Fähigkeit, andere charmant um den Finger zu wickeln, als wesentliche Eigenschaften fest. Robert Hare (s. u.) entwickelte eine Checkliste zur Erkennung von Psychopathie, wobei sich bei deren Anwendung zeigte, dass Menschen mit psychopathischen Eigenschaften auch in führenden Positionen zu finden sind, etwa als Unternehmensleiter,  Anwälte oder Chirurgen, was offensichtlich daran liegt, dass Menschen mit wenig Emotionen erfolgreicher sein können. Menschen mit psychopathologischer Neigung haben nicht nur weniger Angst, sondern treten meist sehr selbstsicher auf, stehen gerne im Mittelpunkt und haben weniger die Befürchtung, dass andere Menschen sie ablehnen. Solche Eigenschaften sind im wirtschaftlichen Alltag durchaus vorteilhaft. Dazu sind im Gegensatz Menschen, die sehr wenige psychopathische Merkmale aufweisen, eher ängstlich, unsicher und zurückhaltend sind. In einer schwedischen Langzeitstudie (Obschonka et al., 2013) wurden etwa eintausend Sechstklässler eines Jahrgangs 37 Jahre lang begleitet, wobei vor allem moralische Einstellungen und die Häufigkeit der Regelverstöße und Gesetzesbrüche interessierten. Es zeigte sich, dass spätere Unternehmensgründer in ihrer Jugend eine deutlich höhere Tendenz zu antisozialem Verhalten hatten, d. h., sie schwänzten die Schule, hielten sich nicht an die Verbote der Eltern oder schwindelten bei Prüfungen. Als Teenager griffen sie eher zu Drogen als spätere Angestellte und so mancher zukünftige Unternehmer ließ in Geschäften etwas mitgehen. Allerdings haben sich die frühen antisozialen Tendenzen vor allem auf geringere Vergehen beschränkt, denn kriminelle Karrieren schlugen die späteren Unternehmensgründer nicht häufiger ein als andere Jugendliche. Sobald sie im Berufsleben standen, unterschied sich ihr soziales Verhalten kaum mehr von jenem der Nicht-Gründer. Zwar sehen die Autoren der Studie das Vorurteil, Unternehmer seien antisozial und nur auf ihren eigenen Nutzen bedacht, durch die Ergebnisse nicht bestätigt, allerdings müssten Gründer oft viel riskieren, d. h., es gebe eine Nähe zu Nonkonformismus, wobei dieser Mut zum Risiko im regelwidrigen Verhalten seine Begründung in der rebellischen Jugend haben könnte. Widerspenstigkeit und das Infragestellen von Grenzen kann offenbar zu einer Grundlage für produktiven und sozialverträglichen Unternehmergeist werden.

Man vermutet, dass es eine genetische Veranlagung für Psychopathie gibt, denn typische psychopathologische Verhaltensweisen finden sich bereits bei Kindern, wobei diese ihren MitschülerInnenn gegenüber gleichgültig und kaltherzig, besonders aggressiv und grausam sind, indem sie etwa Tiere quälen. Bei Psychopathien sind bestimmte Gehirnareale für Mitgefühl und Impulskontrolle unterentwickelt. Eine genetische Veranlagung bedeutet jedoch nicht, dass diese Eigenschaften unveränderbar sind, wobei eine problematische Kindheit die Psychopathie meist verstärkt. Männliche Psychopathen haben oft schon als Jugendliche zahlreiche Vorstrafen und sind teilweise offen aggressiv, während Mädchen weniger auffallen, begehen eher Bagatelldelikte oder verhalten eher antisozial, indem sie Gerüchte streuen. Psychopathie ist bei Frauen insgesamt seltener und weniger stark ausgeprägt.

Als Psychopathen bezeichnet man ganz allgemein demnach Menschen, die schwer gestört sind, fortwährend gesellschaftliche Regeln verletzen, häufig Straftaten begehen und über gering ausgeprägte soziale Emotionen wie Mitgefühl oder Reue verfügen. Psychopathen sind auf den ersten Blick mitunter charmant unauffällig und verstehen es, oberflächliche Beziehungen herzustellen. Dabei sind sie mitunter sehr manipulativ, um ihre Ziele zu erreichen. Oft mangelt es Psychopathen an langfristigen Zielen, sie sind impulsiv und verantwortungslos. Psychopathie geht häufig mit antisozialen Verhaltensweisen einher, so dass begleitend oft die Diagnose der dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörung gestellt wird.

Übrigens zeigen Psychopathen und Soziopathen oft das gleiche Verhalten, denn sie respektieren keine Gesetze oder sozialen Normen, erkennen anderen das Recht auf Selbstbestimmung ab, tendieren zu manipulativem und gewalttätigem Verhalten und zeigen dabei keine Schuld- oder Reuegefühle. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass Soziopathen durchaus Gefühle besitzen, diese jedoch nicht unter Kontrolle haben. Besonders Angst und Wut entgleiten ihnen, denn sie sind irritierbar, fühlen sich ausgegrenzt, beleidigt oder falsch behandelt, und tendieren in solchen Situationen zu impulsivem und aggressivem Verhalten, sodass sie oft am Rande der Gesellschaft leben, keinen Beruf und keine Partnerschaft haben. Zwar wünschen sich Soziopathen engere Bindungen zu anderen Menschen, doch gelingt es ihnen durch ihre Reizbarkeit nur selten, diese aufzubauen und über längere Zeit aufrechtzuerhalten. Die Ursachen liegen häufig in der frühen Kindheit und sind das Ergebnis gewalttätiger oder verarmter Beziehungen, d. h., diese Menschen haben nie gelernt ihre Gefühle zu regulieren. Psychopathen hingegen sind äußerst charmant, chronische Lügner und verfügen auf den ersten Blick über eine große soziale Kompetenz, wobei es ihnen durch ihre manipulative Art schnell gelingt, das Vertrauen anderer Menschen zu gewinnen, obwohl es ihnen an Mitgefühl oder authentischen Bindungen zu anderen Menschen fehlt. Psychopathen sind meist gut in die Gesellschaft integriert, haben einen Beruf, Partner und Kinder.

Die Psychopathie-Checkliste von Robert D. Hare wird als eines von mehreren Instrumenten für die Begutachtung von Straftätern eingesetzt, wobei in einigen amerikanischen Bundesstaaten das Ergebnis dieses Tests sogar über die Anwendung der Todesstrafe entscheidet. Die Psychopathie-Checkliste von Hare unterscheidet zwei Dimensionen der Psychopathie:
Dimension 1: ausnützerisch
trickreich sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme
erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl
pathologisches Lügen (Pseudologie)
betrügerisch-manipulatives Verhalten
Mangel an Gewissensbissen oder Schuldbewusstsein
oberflächliche Gefühle
Gefühlskälte, Mangel an Empathie
mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen
Dimension 2: impulsiv
Stimulationsbedürfnis (Erlebnishunger), ständiges Gefühl der Langeweile
parasitärer Lebensstil
unzureichende Verhaltenskontrolle
frühere Verhaltensauffälligkeiten
Fehlen von realistischen, langfristigen Zielen
Impulsivität
Verantwortungslosigkeit
Jugendkriminalität
Verstoß gegen Bewährungsauflagen bei bedingter Haftentlassung
Hinzu kommen häufig Promiskuität, viele kurzzeitige ehe(ähn)liche Beziehungen und polytrope (vielgestaltige) Kriminalität.

Zur Begriffsverwendung Psychopath

Der Begriff Psychopath besaß früher einen wertenden Charakter, denn so sprach der deutsche Psychiater Julius Ludwig August gegen Ende des 19. Jahrhunderts von psychopathischen Minderwertigkeiten, und nach Kurt Schneider waren Psychopathen abnorme Persönlichkeiten, die eine Extremvariante einer bestimmten Wesensart darstellen, die mit Leidensdruck für die Betroffenen bzw. die Umwelt verbunden ist, wobei er zwischen verschiedenen Psychopathie-Typen wie dem depressiven, dem gemütlosen oder dem fanatischen Typus unterschied. Das Konzept des Psychopathen wurde in der Folge durch das der Persönlichkeitsstörungen ersetzt, aber in den 1990er Jahren im angloamerikanischen Sprachraum wieder aufgegriffen, ist aber nicht deckungsgleich mit früheren Darstellungen eines Psychopathen (siehe oben).

Quellen
Obschonka, M., Andersson, H., Silbereisen, R. K., & Sverke, M. (2013). Rule-breaking, crime, and entrepreneurship: A replication and extension study with 37-year longitudinal data. Journal of Vocational Behavior. DOI: 10.1016/j.jvb.2013.06.007
http://de.wikipedia.org/wiki/Psychopathie (11-01-02)


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