Prosopagnosie – Gesichtsblindheit

Prosopagnosie oder Gesichtsblindheit (face blindness) ist eine Wahrnehmungsstörung und bezeichnet die Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken bzw. die Identität einer bekannten Person an Hand ihres Gesichtes zu erkennen, wobei es sich um eine Erkenntnisschwäche handelt, bei der die Mustererkennung von Gesichtern anders verläuft als sonst. Davon betroffene Menschen sehen Gesichter tatsächlich anders, d.h., sie können das Alter abschätzen, auch Stimmungen und Gefühle, aber sie können den Menschen nicht wiedererkennen. Sobald Menschen aus deren Blickfeld verschwinden, sind Gesichter für sie ein leeres weißes Feld, an dem sie sich dann nicht mehr orientieren können. Die angeborene Prosopagnosie betrifft ausschließlich die visuelle Verarbeitung der Betroffenen und hat nichts mit einer Verhaltensstörung zu tun, wobei sie als Erwachsenen mehr oder weniger ein ganz normales Leben führen, da sie gelernt haben, diese Schwäche zu kompensieren. Bei Kinder wird oft fälschlicherweise Autismus diagnostiziert (s.u.), denn im Kindergarten fühlen sie sich unsicher, da ihnen die anderen Kinder unbekannt vorkommen. Sie wissen einfach nicht, wen sie vor sich haben, denn erst, wenn sie einen Spielgefährten an dessen Stimme erkennen oder die Erzieher sagen, um welches Kind es sich handelt, fällt das Unbehagen von ihnen ab und sie können sich am Spiel beteiligen.

Das Wort Prosopagnosie setzt sich zusammen aus den griechischischen Wörtern Prosopon (Gesicht) und Agnosia (Nichterkennen). Betroffenen können zwar sehen, dass ein Gesicht aus Augen, Nase und Mund besteht, können sogar die Attraktivität beurteilen und Emotionen darin erkennen, wenn aber das Gesicht einer Person zugeordnet werden muss, scheitern sie daran. Erste Berichte über das Nichterkennen von Gesichtern stammen aus der Antike. Der Begriff Gesichtsblindheit (face blindness) stammt von Bill Choisser, der selbst von Geburt an Prosopagnostiker ist und seine Erfahrungen mit anderen Gesichtsblinden teilt. Zu den bekannten von Prosopagnosie betroffenen Menschen zählt unter anderem Jane Goodall, die von ihren Problemen bei der Wiedererkennung bekannter Personen berichtete. Es gibt seltene Fälle, bei denen die Gesichtsblindheit von alleine verschwindet, doch die angeborene Variante, die sich allmählich weiterentwickelt, stellt eine lebenslange Beeinträchtigung dar. Auch ist noch wenig über den genetischen Hintergrund und seine Auswirkungen auf die Prozesse im Gehirn bekannt, sodass keine ursächliche Therapie für Prosopagnosie nicht gibt.

Prosopagnosie kommt in verschiedenen Formen vor: als apperzeptive, assoziative (amnestische) und kongenitale Prosopagnosie. 1947 berichtete Joachim Bodamer über drei Patienten, die nach einer Gehirnverletzung außer Stande waren, das Pflegepersonal und zum Teil auch die eigenen Verwandten wiederzuerkennen. Prosopagnosie beruht entweder auf der Mutation eines Gens oder auf einer erworbenen Schädigung von bestimmten Neuronen im Gehirn. Zu 99 Prozent ist der Defekt angeboren, nur bei wenigen entsteht nach einem Schlaganfall ein ähnliches Defizit. Man geht heute davon aus, dass ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung unter dieser Teilleistungsstörung in unterschiedlicher Ausprägung leiden, die damit etwa so häufig ist wie die Lese-Rechtschreib-Schwäche. Die angeborene Prosopagnosie ist unheilbar, das Ausmaß einer später erworbenen nach einem Unfall, einer Tumorerkrankung oder einem Schlaganfall – die sehr selten ist, da das Zusammenspiel ganz bestimmter Hirnareale gestört sein muss – hängt vom Umfang der Läsion des Gehirngewebes ab, denn einige erkennen sich sogar nicht mehr selber im Spiegel, andere können kaum unterscheiden, ob sie ein Männer- oder Frauengesicht sehen.

Durch eine Prosopagnosie können sich vor allem im sozialen Bereich Probleme ergeben, denn im Alltag ist es wichtig, sein Gegenüber zu erkennen. Besonders die kongenitale Prosopagnosie kann in jungen Jahren mit sozialer Ausgrenzung einhergehen, da Kinder keine Kontakte zu Gleichaltrigen knüpfen, ihre Spielkameraden nicht wiedererkennen oder Angst haben, sich von der Mutter zu entfernen, da sie fürchten, diese nicht wiederzufinden. In der Regel entwickeln Menschen mit angeborener Gesichtsblindheit frühzeitig Strategien, um Bekannte zu erkennen, ohne deren Gesicht einordnen zu können. Eine erworbene Prosopagnosie bereitet den Betroffenen große Probleme, da sie ganz plötzlich den Partner, nahe Verwandte und Freunde sowie Arbeitskollegen nicht mehr wiedererkennen.


Bei mehreren Gelegenheiten habe ich mich dafür entschuldigt,
dass ich fast in einen großen, bärtigen Mann hineingelaufen bin,
und dann habe ich bemerkt, dass ich das selbst im Spiegel bin.
Oliver Sacks

Um Menschen, die man kennt, zu identifizieren, arbeitet das Gehirn holistisch, wobei einzelne Merkmale eines Gesichts und der Prozess des Erkennens nicht trennbar sind, sondern parallel ablaufen. Man nimmt an, dass bei den Betroffenen kein Mittelwert eines Gesichtes zur Wiedererkennung gespeichert wird. Da die Gesichtserkennung in der Entwicklung eines jungen Menschen erst mit zehn oder zwölf Jahren richtig funktioniert und gegen Mitte zwanzig auf ihrem Höhepunkt ist, fällt diese Schwäche bei Kindern und Jugendlichen oft gar nicht auf. Meist fallen Prosopagnostiker auch später im Alltag nicht auf, denn sie haben ja seit ihrer Kindheit bewusst und unbewusst Strategien entwickelt, um mit diesem Defizit zu leben, d.h.,  sie prägen sich Menschen an Hand ihrer Stimme, ihres Ganges oder an anderen Merkmalen wie einem Muttermal, einer schiefen Nase, dem Geruch, einer Brille oder einem Haarschnitt ein. Bei gesichtsblinden Kindern wurden früher oft autistische Störungen vermutet, denn schon von klein auf bleiben sie häufig immer an der Seite der Mutter, möglicherweise aus Angst, sie später nicht mehr wiedererkennen zu können. Später sehen Prosopagnostiker dem Gesprächspartner selten in die Augen, denn Gesichter sind ihnen nicht wichtig.

Anmerkung: Menschen mit Gesichtsblindheit sind allerdings in der Lage, Emoticons richtig zu interpretieren, da Prosopagnosie ja nicht bedeutet, dass Menschen die Form eines Gesichts nicht erkennen können, sondern sie können nur keinen Menschen an dessen Gesichtsmerkmalen wiedererkennen.

Übrigens rührte Oliver Sacks krankhafte Schüchternheit vermutlich nicht von einem Ödipuskomplex her, wie sein Therapeut glaubte, sondern sie hing eher damit zusammen, dass er unter Prosopagnosie litt. Manchmal entschuldigte er sich daher bei dem großen, bärtigen Mann, in den er beinahe hineingelaufen wäre, und begriff erst einen Moment später, dass er mit seinem Ebenbild im Spiegel sprach.  Er schreibt dazu: „Ich vermeide Konferenzen, Partys und große Menschenansammlungen, so gut ich kann, weil ich weiß, dass sie zu Ängstlichkeit und peinlichen Situationen führen werden. Ich scheitere nicht nur daran, Leute wiederzuerkennen, die ich gut kenne – ich begrüße auch Wildfremde, als wären sie alte Freunde“.

Linkempfehlung: Cambridge Face Memory Test (http://www.faceblind.org/facetests/fgcfmt/fgcfmt_intro.php) Im Laufe dieses Tests werden verschiedene Gesichter präsentiert, die man sich einprägen und anschließend wiedererkennen soll.

Hinweis: Der Arzt, Neurowissenschaftler und Filmemacher porträtiert 2020 in seinem DokumentarfilmLost in face – Die Welt mit Carlottas Augen“ die Künstlerin Carlotta. Carlotta kann keine Gesichter erkennen, nicht einmal ihr eigenes, wobei diese schließlich in der Kunst, der Natur und dem Umgang mit Tieren auf ihrer langen Suche schließlich einen Zugang zum eigenen Gesicht und gleichzeitig den Weg zu ihren Mitmenschen findet. In seinem Film wandert Riedl durch Carlottas Sphären voll anthropomorpher Tiere, luzider Träume und holpriger Irrwege.
Link zum Trailer: https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/lost-in-face-die-welt-mit-carlottas-augen-2020

Literatur

http://de.wikipedia.org/wiki/Prosopagnosie (10-11-21)
Sacks, O. (1987). Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte.


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