Feinmotorik

Feinmotorik bezeichnet die gezielte und koordinierte Bewegung, die vor allem in der Handgeschicklichkeit zum Ausdruck kommt, wobei auch all jene Koordinationsprozesse dazu gehören, die die Muskeln des Mundes, der Augen und des Gesichtes einbeziehen. Der  Handgeschicklichkeit  werden  verschiedene  Teilbereiche  zugeordnet  wie  Hand-  und  Fingerkraft, Hand- und Fingergeschicklichkeit, visomotorische Koordination (Auge-Hand-Koordination), Zielgenauigkeit und exakte Einzelbewegungen eines Körperteiles. Die Entwicklung der Handgeschicklichkeit geht in der Regel mit der Gesamtentwicklung einher, wobei die Phasen individuell unterschiedlich sind, da jedes Kind individuelle Erfahrungen mit seinem Körper und allen Sinnessystemen macht, um seine jeweils spezifische Welt im wahrsten Sinn des Wortes zu begreifen. Die Mundmotorik mit Lippen- und Zungenbewegungen ermöglichen einem Kind das Artikulieren von Lauten, das Blasen und das Saugen, wobei die Mundbeweglichkeit eine angemessene Atemströmung unterstützt. Die Gesichtsmotorik spielt eine wichtige Rolle im nonverbalen Kommunikationsprozess, denn über Mimik und Grimassen kommuniziert ein Kleinkind mit seiner Umwelt und bereichert im weiteren Verlauf der Entwicklung die verbale Kommunikation, da sie die Stimmungen, Bedürfnisse und Gefühle verdeutlicht und unterstreicht. Eine wachsende Augenmuskelkontrolle ermöglicht einem Kind u.a. Objekte zu fixieren und bei ruhiger Kopfhaltung sich bewegende Objekte zu verfolgen, wobei diese Fähigkeiten wichtige Voraussetzungen für das Lesen- und Schreibenlernen bilden.
Die Entwicklung der Feinmotorik aus der Perspektive der Psychologie umfasst somit die Bewegungsabläufe der Hand-Finger-Koordination, aber auch die Fuß-, Zehen-, Gesichts-, Augen- und Mundmotorik eines Kindes. Im Gegensatz zu Störungen der Grobmotorik sind Störungen der Feinmotorik oft schwer erkennbar. So werden manche Störungen der Feinmotorik, die die Hand betreffen, oftmals erst bei Schuleintritt bemerkt, wenn Probleme beim Schreibenlernen oder Zeichnen im Unterricht auftreten. So können unter anderem Störungen der Graphomotorik vorliegen, die die Schreibbewegungen umfasst.
In den meisten Testverfahren zur frühkindlichen Entwicklung spielt die motorische Entwicklung  eine große Rolle, wobei meist die motorische Entwicklung eigenständig erhoben und mit einem separaten Entwicklungsscore versehen wird, auch wenn die mentalen bzw. geistigen Leistungen in dieser frühen Lebensspanne eng mit motorischen Entwicklungsschritten verknüpft sind. In der folgenden Liste finden sich durchschnittliche Leistungen eines Kindes, die im Einzelfall auch abweichen können.

  • Hand-Mund-Koordination 0-3 Monate
  • Auge-Hand-Koordination 0-3 Monate
  • Beide Hände zusammenführen 1-5 Monate
  • Objekt ergreifen, das hingehalten wird 2-5 Monate
  • Greifen nach Objekt außer Reichweite 5-7 Monate
  • Objekt zwischen beiden Händen transferieren 5-9 Monate
  • Objekt sicher mit Händen manipulieren 7-13 Monate
  • Hände zusammen klatschen 7-12 Monate
  • Zwei Objekte zusammen schlagen 7-12 Monate
  • Scherengriff 6-10 Monate
  • Pinzettengriff 9-13 Monate
  • Aus Tasse trinken 10-15 Monate
  • Löffel sicher benutzen 13-21 Monate
  • Stift halten und damit kritzeln 12-21 Monate
  • Kleidungsstücke ausziehen 14-21 Monate
  • Zwei Objekte (Klötze) stapeln 12-19 Monate
  • Vier Objekte (Klötze) stapeln 16-23 Monate
  • Kleidungsstücke anziehen 22-33 Monate
  • Grobe Reißverschlüsse öffnen und schließen 24-37 Monate
  • Vertikale Linie zeichnen 24-37 Monate
  • Knöpfe zumachen ab 34 Monate

Neuronale Basis der Feinmotorik ist eine Rückkopplungsschleife

Bewegung als zentrale Fähigkeit von Mensch und Tier ist ein hochkomplexes Zusammenspiel von Gehirn, Nerven und Muskeln, wobei insbesondere die Bewegung der Arme und Hände eine Koordinationsleistung mit höchster Präzision darstellt. Unaufhörlich sendet das Gehirn über das Rückenmark dazu Befehle an die Muskeln, um verschiedenste Bewegungen auszuführen. Dieser Informationsstrom erreicht vom Gehirn aus Interneuronen im Rückenmark, die dann diese Befehle über eine weitere Verschaltung zu Motoneuronen an Muskeln weiterleiten. Neuronal betrachtet senden viele Nervenzellen im Rückenmark ihre Befehle aber nicht nur in Richtung Muskulatur, sondern gleichzeitig über ein hochorganisiertes Netzwerk auch zurück an das Gehirn. Dieser doppelte Informationsfluss ist die Grundlage des Nervensystems für präziseste Bewegungen von Armen und Händen.

WissenschaftlerInnen (Pivetta et al. , 2014) konnten bei Mäusen zeigen, dass viele Interneuronen im Rückenmark die Befehle nicht nur via Motoneuronen an den jeweiligen Muskel, sondern zeitgleich auch noch eine Kopie dieser Information zurück ins Gehirn schicken. Der Befehl zur Muskelbewegung wird also in zwei Richtungen verschickt. In die eine Richtung, um im Muskel die gewünschte Kontraktion auszulösen. In die andere Richtung, um das Gehirn zu informieren, dass der Befehl auch tatsächlich Richtung Muskulatur geschickt wird. Obwohl die Information der Interneuronen zur Ausführung der Bewegung beim Eintreffen auf Motoneuronen im Gehirn zusammengeführt wird, wird diese Information in einem Kern des Gehirnstamms nach Funktion aufgeteilt, wobei die Informationen funktionell unterschiedlicher Typen von Interneuronen in verschiedene Areale dieses Kerns fließen. Es gibt somit eine funktionelle Trennung im Gehirnstamm, dass Informationen von Interneuronen des Rückenmarks, die etwa die Links-Rechts-Koordination einer Bewegung beeinflussen, im Gehirn an einer anderen Stelle gesammelt werden, als diejenigen von Interneuronen, die etwa die Geschwindigkeit einer Bewegung beeinflussen.

Diese überaus präzise Rückkoppelung gewährleistet zu jeder Millisekunde, dass die Befehle richtig übermittelt werden und die gewünschte Folgebewegung über die Signale, die vom Rückenmark ans Gehirn zurück geschickt werden, bereits mit dem Gehirn koordiniert und angepasst wird. Interessanterweise gilt diese Art des Informationsflusses ins Gehirn nur für die Steuerung der Arme, nicht aber für die Beine, was beweisen könnte, dass dieser Informationsweg vor allem für die Feinmotorik wichtig ist, denn im Vergleich zum Bein müssen die Bewegungen eines Armes und insbesondere der Hände um ein Vielfaches präziser sein. Solch höchste Präzision kann der Körper offensichtlich nur durch konstanten rückgekoppelten Informationsfluss gewährleisten.

Literatur
Pauen, Sabina & Vonderlin, Eva (2007). Entwicklungsdiagnostik in den ersten drei Lebensjahren. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.
Pivetta, Chiara, Esposito, Maria Soledad,  Sigrist, Markus &  Arber, Silvia (2014).
Motor-Circuit Communication Matrix from Spinal Cord to Brainstem Neurons Revealed by Developmental Origin. Cell, 156, 537-548.

 




Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017