Zum Inhalt springen

Während viele Säugetiere schon wenige Stunden nach der Geburt in der Lage sind, aufzustehen, brauchen Menschenkinder in der Regel ein ganzes Jahr, bis sie ihre ersten selbständigen Schritte machen. Zunächst geht es darum, sich abzustützen und das eigene Körpergewicht in unterschiedlichen Positionen zu halten, oder sich rollend, robbend und krabbelnd auf dem Boden fortzubewegen. Im zweiten und dritten Lebensjahr steht dann das Rückwärtsgehen, Treppensteigen, Hüpfen und Springen, Werfen und Fangen auf dem Programm, bis das Kleinkind schließlich mobil und mit vollem Körpereinsatz auf Entdeckungstour gehen kann.

Die Grobmotorik umfasst in der Entwicklung eines Kindes dabei die Bewegungsfunktionen des Körpers, die der Gesamtbewegung dienen, also das Kopfheben, das Greifen, das Krabbeln, das Laufen, das Gehen, das Springen, während man als  Feinmotorik die Bewegungsabläufe der Hand-Finger-Koordination, aber auch Fuß-, Zehen-, Gesichts-, Augen- und Mundmotorik bezeichnet. Innerhalb der ersten Lebensjahre kann jedes normal entwickelte dreijährige Kind rollen, kriechen, stehen, laufen, balancieren, hüpfen und werfen. Dafür muss es seine Muskulatur kräftigen und verschiedene Bewegungsabläufe einüben, wobei Reifung und Erfahrung dabei eng zusammen hängen.

Bei der Grobmotorik spielen vor allem ein gut entwickeltes Gleichgewicht, die Körperwahrnehmung und eine ausreichende Muskelspannung eine zentrale Rolle. Das hängt übrigens weniger damit zusammen, dass Kinder so viel Kraft für diese Tätigkeiten brauchten als vielmehr damit, dass sie wissen müssen, wie genau die Bewegung verschiedener Körperteile aufeinander abgestimmt werden soll. Grobmotorik erfordert demnach Kraft und Erfahrung.


Für Eltern: Man kann Kinder zwar unterstützen, sich neue Fähigkeiten anzueignen, aber jede Hilfe wird nur dann effektiv sein, wenn das Förderangebot zur rechten Zeit kommt. Laufübungen werden ein Kind im Alter von fünf Monaten nicht dazu bringen, alleine zu gehen, während die gleichen Übungen ein paar Monate später vielleicht effektiv sind. Auch das freie Sitzen kann das Kind nicht zu jeder beliebigen Zeit lernen, sondern erst, wenn die Rückenmuskulatur stark genug dafür ist. Startet man zu früh, kann das sogar schädliche Folgen haben, d. h., es geht darum, für jeden Entwicklungsstand die passenden Herausforderungen zu finden. In Bezug auf die Grobmotorik lässt sich das Entwicklungstempo nur bedingt beeinflussen, sodass es nicht sinnvoll ist, die Fähigkeiten eines einzelnen Kindes ständig mit Normtabellen zu vergleichen oder zu viel Training durchzuführen, wobei jedes Kind  sein eigenes Tempo hat. In der folgenden Liste finden sich durchschnittliche Leistungen eines Kindes, die im Einzelfall auch abweichen können:

  • Kann Kopfbewegungen kontrollieren 0-4 Monate
  • Kann auf dem Bauch liegend den Brustkorb aufrichten 2-7 Monate
  • Kann sich im Liegen umdrehen 3-7 Monate
  • Kann ohne Unterstützung aufrecht sitzen 6-9 Monate
  • Kann sich selber aufsetzen 7-12 Monate
  • Kann mit Unterstützung stehen 7-10 Monate
  • Kann robben 6-11 Monate
  • Kann kriechen 7-12 Monate
  • Kann sich alleine zum Stand hochziehen 7-12 Monate
  • Geht an Möbeln entlang 9-12 Monate
  • Kann frei stehen 10-14 Monate
  • Kann frei gehen 11-16 Monate
  • Kann sich bücken und wieder aufrichten 12-16 Monate
  • Kann rückwärts laufen 14-19 Monate
  • Kann Treppen steigen 14-21 Monate
  • Kann Ball mit Fuß kicken 14-21 Monate
  • Wirft Ball über Hand 14-22 Monate
  • Fängt Ball mit Armen 22-36 Monate
  • Steht auf einem Bein 22-36 Monate
  • Hüpft auf der Stelle 22-36 Monate
  • Hüpft von einer Stufe 24-36 Monate
  • Fährt Dreirad 24-36 Monate

Beispiel Kopfkontrolle: Der Kopf von Babys ist groß und schwer, wenn man ihn ins Verhältnis zum gesamten Körper setzt. Ihn zu heben, kostet viel Kraft. Es ist daher eine enorme Leistung, wenn es einem Baby erstmals gelingt, den Kopf selbstständig von der Unterlage zu lösen und oben zu halten. Warum sollte es diese Anstrengung auf sich nehmen? Ein kleines Baby verbringt zunächst viel Zeit in Bauchlage. Hier sind seine Möglichkeiten, die Umwelt neugierig zu erkunden, eingeschränkt. Es wird schnell langweilig. Wenn man nicht immer auf die gleiche Seite schauen möchte oder sich vom rechten auf das linke Ohr legen will, muss man erst lernen, den Kopf zu heben. Kinder, denen das gelingt, sind normalerweise auch in der Lage, den Kopf nicht nach hinten fallen zu lassen, wenn man sie an den Händen von der Rückenlage zum Sitzen hochzieht. Für beides braucht man eine kräftige Nacken- und Rückenmuskulatur. Als Erwachsener kann man das Baby unterstützen, indem man Anreize dafür schafft, den Kopf von der Unterlage zu lösen, etwa mit der  Stimme zu locken oder interessante Spielzeuge so auf eine Unterlage legen, dass das Baby sie nur sehen kann, wenn es den Kopf anhebt. Das macht am meisten Sinn, wenn das Kind schon von selbst mit dem Abstützen begonnen hat. Dann ist der beste Zeitpunkt, es zusätzlich zu ermutigen. Möchte man das Kind fördern, Kopfkontrolle zu erwerben, dann wartet man am besten, bis es sich in Bauchlage bereits gut aufstützen kann, denn das ist ein Zeichen dafür, dass die Nackenmuskulatur bereits kräftig genug ist, den Kopf zu halten. Diese Fähigkeit erfordert viel Muskelarbeit des Oberkörpers, denn neben dem Nacken sind auch die Schultern, die Arme und der untere Rücken beteiligt. Die Hände und Handgelenke halten das Gewicht des Oberkörpers, gleichzeitig steigt die Beweglichkeit des Kopfes, der nun flexibel in jede Richtung gewendet werden kann. Übrigens: Den Kopf von einem Kissen zu heben, ist viel schwerer als von einer Decke oder Matratze.


Im Gegensatz zur Feinmotorik sind Störungen der Grobmotorik leichter erkennbar, etwa weil Kinder stolpern oder Probleme beim Erlernen grobmotorischer Bewegungsabläufe wie Treppen steigen, Schwimmen oder Rad fahren haben. Zugleich führen diese aber oft zu einer mehr oder weniger starken Bewegungseinschränkung der betroffenen Kinder. Es wird vermutet, dass bei Babys, die einen grobmotorischen Entwicklungsschritt auslassen, später eher ein motorisches Problem auftritt.


Die Gangmuster depressiver Menschen sind unter anderem durch eine langsamere Gehgeschwindigkeit und durch weniger starke Auf- und Abbewegungen des Oberkörpers gekennzeichnet. Diese Menschen neigen auch zum Schlurfen, während sich gesunde Menschen beim Gehen eher abstoßen. Außerdem hat man bei depressiven Menschen eine zusammengesunkene Körperhaltung, weniger Armschwingungen, dafür aber stärkere seitliche Schwankungen festgestellt. Diese gehen also weniger zentriert, sondern schwanken eher nach rechts und links. Man hat auch untersucht, wie sich Gangbilder auf das Gedächtnis auswirken. Depressive neigen dazu, sich negative Informationen zu merken, nicht-depressive dagegen positive Informationen. Bei einer Studie mit psychisch gesunden Menschen hat man gefunden: Menschen, die sozusagen depressiv gehen, behalten eher negative Informationen als Leute, die sich fröhlicher bewegen. Wenn man gezielt dynamischer geht, behält man also eher positive Dinge im Gedächtnis.
Quelle: Johannes Michalak in einem Interview in der Augsburger Allgemeinen vom 8. September 2020.

Literatur

Pauen, Sabina & Vonderlin, Eva (2007). Entwicklungsdiagnostik in den ersten drei Lebensjahren. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.
Pauen, Sabina (2018). Vom Baby zum Kleinkind. Beobachtung, Begleitung und Förderung in den ersten Jahren. Berlin und Heidelberg: Springer.
https://www.spektrum.de/leseprobe/vom-baby-zum-kleinkind-grobmotorik/1945747 (21-11-06)



Ein Gedanke zu „Grobmotorik“

  1. Laura und Sean

    Danke für den Post. Jeder von uns kennt den wertvollen Spruch: Man lernt nie aus. So ist es vom Kind auf der Wunsch nach mehr Wissen in allen Bereichen des Lebens zu erlangen. Somit wird die Kreativität in einer Person geweckt.
    Auch in der Natur kann man die Motorik super fördern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.