Konvergenzhypothese der Positivität

Die Konvergenzhypothese der Positivität besagt, dass glückliche Menschen einander ähnlicher sind als unglückliche, und bezieht sich dabe auf eine Beobachtung von Leo Tolstoi am Beginn seines Romans Anna Karenina, dass glückliche Familien einander ähnlicher sind als unglückliche Familien. Iliev & Bennis (2022) haben jüngst fünf Studien durchgeführt, in denen sie an vorliegenden Datensätzen die allgemeinere Hypothese getestet haben, dass sich Menschen, die ein positives Persönlichkeitsmerkmal teilen, ähnlicher sind als solche, bei denen dies nicht der Fall ist. Sie verfolgten dabei einen Forschungsansatz, der von den traditionellen verhaltenswissenschaftlichen Methoden abweicht und eine andere Analyseebene vorschlägt, auf der Valenz und Direktionalität eine zentrale Rolle spielen.

Dabei wurden zwei Komponenten der Positivität, eine hedonistische (Wohlbefinden oder Lebenszufriedenheit) und eine auf Fitness bezogene (Allgemeiner Gesundheitszustand und Einkommen) definiert. Alle diese Maße der Positivität sind natürlich teilweise kulturell bedingt, denn kulturelle Gruppen unterscheiden sich im Hinblick darauf, was in die Bewertung von Gesundheit, Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit einfließt und wie hoch bzw. positiv diese Merkmale einschließlich Einkommen bewertet werden.

Es zeigte sich in allen Studien, dass glücklichere, gesündere und reichere Menschen sich in ihrer Persönlichkeit, ihren Werten und in verschiedenen anderen Bereichen ähnlicher waren.  In fünf Studien und vierzehn Hypothesentests haben die Autoren daher eine solide Unterstützung für die Konvergenz der Positivität im Bereich der individuellen Unterschiede gefunden. Diese Ergebnisse stimmen auch gut mit einigen früheren Erkenntnissen über die Konvergenz der Positivität in der Psyche überein. Iliev & Bennis (2022) vermuten, dass dieses Muster entweder die Folge eines bereichsübergreifenden Konvergenzprinzips der Positivität ist oder als systematische Voreingenommenheit der Forscher bei der Wahl des Bereichs und der Konstruktion der Skalen der untersuchten Datensätze auftritt.

Für die größere Vielfalt und die stärkere Wirkung des Negativen haben Psychologen aber in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche empirisxhe Belege gefunden, denn so erinnern sich Menschen besser an negative Ereignisse als an positive (Negativitätsverzerrung), sie erkennen Wörter mit negativer Bedeutung schneller als solche mit positiven Konnotationen. Auch greift die Beschreibung negativer Emotionen meist auf einen größeren Wortschatz zurück als die von glücklichen, schlechte Nachrichten werden stärker beachtet als gute (Doomscrolling). Offenbar erzeugen negative Ereignisse bei Menschen einen größeren Druck, diese zu verstehen und zu analysieren, um sie künftig vermeiden zu können.


Generell beschreibt die Konvergenzhypothese in der Psychologie die Annahme, dass eine höhere kognitive Leistungsfähigkeit mit größerer psychischer Stabilität gepaart auftritt. Der Gegensatz dazu ist die Divergenzhypothese. Die Konvergenzhypothese postuliert dabei etwa in der Wirtschaftspsychologie, dass unter ähnlichen Grundbedingungen alle Länder in Bezug auf Niveau und Wachstumsrate des BIP oder des Einkommens pro Kopf konvergieren sollten, und je weiter das BIP eines Landes von seinem gleichgewichtigen Wachstumspfad entfernt ist, desto schneller wird es in den nächsten Jahren wachsen. Länder mit einem ursprünglich niedrigeren BIP pro Kopf wachsen dementsprechend schneller als solche, die schon zu Anfang reicher waren. Allerdings läuft dieser Prozess selbst unter den besten Voraussetzungen sehr langsam ab.

Literatur

Iliev, R., & Bennis, W. (2022, April 25). The Convergence of Positivity: Are Happy People All Alike?
https://doi.org/10.31234/osf.io/5zdp2



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