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Erinnern


Erinnerung ist die Vorzimmerdame der Verzweiflung.

Erinnerungen formen sich in unterschiedlichen Hirnregionen, denn Menschen werden jeden Tag mit einer großen Menge an Informationen konfrontiert. Kurzzeit- und Langzeiterinnerungen sowie deklarative (bewusst Wahrgenommenes) und prozedurale Erinnerungen (unbewusst Wahrgenommenes) bilden sich dabei unterschiedlich, indem sich Erinnerungen nicht an einem bestimmten Ort im Gehirn formen, sondern zahlreiche Gehirnareale sind für die verschiedensten Erinnerungen zuständig. So etwa die Amygdala für emotionale Reaktionen wie Angst oder Freude, das Striatum für erlernte Fähigkeiten, der Hippocampus für das Entstehen, Speichern und Abrufen von deklarativen Erinnerungen und der Temporallappen ist verantwortlich für die Bildung und den Abruf von Erinnerungen. Dabei werden Erinnerungen nicht in einer einzigen Zelle sondern immer in Neuronengruppen bzw. Zellverbänden, gespeichert, wobei diese sich mit den Sinnen verknüpfen. Je öfter die an einer Erinnerung beteiligten Neuronen aktiviert werden, desto stärker und nachhaltiger wird diese Erinnerung.

In der Psychologie geht man heute davon aus, dass das Erinnern an Vergangenes ein aktiver Prozess ist, in dem nicht einfach nur die gespeicherten Informationen abgerufen, sondern auch bestehende Lücken durch logisch kohärente Informationen gefüllt werden, dass also jede Erinnerung etwas Neues darstellt, das nur teilweise mit den objektiven Fakten des ursprünglichen Ereignisses zu tun hat. Somit ist die Erinnerung stets ein Produkt der aktiven Reproduktion, ein Gedankenkonstrukt, in dem Tatsachen auch verzerrt werden können, wobei man allen Menschen zugestehen muss, dass dies nicht bewusst, also mit Absicht geschieht.

Erinnern bezeichnet somit das mentale Wiedererleben früherer Erlebnisse und Erfahrungen eines Menschen. Die mentale Wiederbelebung früherer Erlebnisse und Erfahrungen kann dabei aktiv und bewusst aber auch ganz spontan erfolgen, etwa wenn ein Gefühl, ein Gedanke oder eine Wahrnehmung durch Assoziation an ein früheres Erlebnis erinnert wird.

Erinnerungen sind meist multimedial, d. h., sie enthalten bildhafte Elemente, Szenen, Geräusche und Klangfarben, oft auch Gerüche und vor allem Emotionen. Das Abrufen einer Erinnerung ist aus der Perspektive des Gehirns ein aktiver Prozess, d. h., es erfolgt jedes Mal ein erneuter Speicherprozess, sodass Erinnerungen sich stets in einem instabilen Zustand befinden und dass sie bei jedem Abruf neu geschrieben und umgeformt werden. Menschen erinnern sich daher nie an die Originalversion der Erinnerung, sondern immer nur an deren letzte Überarbeitung durch das Gehirn.

Untersuchungen zeigen übrigens, dass Reiseerlebnisse und Reiseerinnerungen einen herausragenden Platz im Gedächtnis einnehmen. Das kommt daher, dass Menschen im Alltag viele Informationen um sich herum ausblenden, doch auf Reisen ist das Gedächtnis von den täglichen Sorgen befreit und man nimmt das Fremde, das Neue, mit all seinen Details in sich auf. Zusätzlich ist man auf Reisen oft in besonders guter Laune, sodass die positiven Emotionen die Erinnerungen an solche Momente noch stärker im Gedächtnis verankern. Hinzu kommt, dass sich Reisen als multisensorisches Mosaik einprägen, also gleichzeitig verschiedene Sinne angesprochen werden. Auch bringt das nachträgliche Teilen von Reiseerlebnissen mit anderen – man erzählt ja vielen Menschen, wie es einem Urlaub ergangen ist – Erinnerungen noch stärker an die Oberfläche.

Auch wenn im Gehirn alles ständig in Bewegung ist, kann man dennoch klare Gedanken fassen, was durch das Löschen bestimmter Gedächtnisinhalte erfolgt. Nur dadurch kann man prinzipielle, d. h., kategorische Erinnerungen aufbauen, denn wenn man etwa an seine Mutter denkt, an die erste Liebe oder auch an seine erste Wohnung, dann bildet man prinzipielle Erinnerungen in Form von Kategorien. Man speichert nicht die zahlreichen Variationen im Gesicht der Mutter ab, auch nicht das Licht, das jeden Tag anders in das Wohnzimmer fällt, oder den Stuhl, der nie genau am gleichen Platz steht, all das wird nicht in der Erinnerung bleiben, sondern eine prinzipielle Erinnerung an diese Sachverhalte wird permanent neu geschrieben. Ohne solche Kategorien zu bilden, würden Menschen in einer Flut von Déjà-vus stehen, würden ständig den Stuhl im Wohnzimmer sehen und sich jedes Mal sagen, dass man diesen Stuhl doch schon einmal gesehen hat.

Anmerkung: Aus diesem Grund funktioniert auch Phänomene wie Gaslighting, False Memories und Rückführungen, denn für den Betroffenen sind diese Erinnerungen absolut real und wahr.

Siehe dazu im Detail Das Vergessen.

Erinnern ist immer auch Ergänzen

Da das menschliche Gedächtnis erfahrungsgemäß nicht in der Lage ist, sich an alle Details einer vergangenen Erfahrung zu erinnern, füllt es solche Lücken mit wahrscheinlichen Informationen auf. Um nun zu überprüfen, wie das Gehirn solche Gedächtnisinhalte beim Erinnern ergänzt, haben Staresina et al. (2019) Versuchspersonen in acht Versuchsdurchgängen jeweils zehn Landschaftsbilder gezeigt, wobei in jeder Aufnahme ein Detailfoto mit einem von zwei Objekten eingefügt war, etwa eine Himbeere oder ein Skorpion. Die Probanden – Epilepsiepatienten, denen Elektroden ins Gehirn eingepflanzt worden waren – durften jedes der zusammengesetzten Fotos drei Sekunden lang betrachten. Nach einer Pause erhielten sie in einem zweiten Durchgang nur die Landschaften zu sehen und sollten dann angeben, ob dort ursprünglich zusätzlich die Himbeere oder der Skorpion aufgetaucht waren. In der Erinnerungsphase feuerten zunächst die Nervenzellen im Hippocampus, was auch bei einer Kontrollaufgabe der Fall war, bei der die Probanden sich nur einfache Landschaftsaufnahmen einprägen mussten. Bei der Aufgabe, in der die Bilder eine zusätzliche Information enthalten hatten, dauerte die Aktivität des Hippocampus jedoch deutlich länger, wobei während dieser Verlängerung zusätzlich Neuronen im entorhinalen Cortex zu feuern begannen. Dieses Aktivitätsmuster im Cortex ähnelte stark der Erregung, die man dort in der Lernphase gemessen hatte, also bei der Betrachtung des zusammengesetzten Bildes. Diese Ähnlichkeit ging so weit, dass eine Analysesoftware aus der Aktivität des entorhinalen Cortex ablesen konnte, ob sich der jeweilige Teilnehmer gerade an einen Skorpion oder eine Himbeere erinnerte. Dabei handelt es sich um eine Re-Instanziierung, d. h., die Erinnerung versetzt die Nervenzellen in einen ähnlichen Zustand, wie sie ihn beim Betrachten des Fotos hatten. Vermutlich ist der Hippocampus für diese Re-Instanziierung verantwortlich, wobei die hippocampalen Nervenzellen, die in der Verlängerung aktiv werden, mit ihrem Erregungsmuster dem Gedächtnis möglicherweise mitteilen, wo genau der fehlende Teil der Erinnerung abgelegt ist.

Identität und Erinnerungskultur

Die narrative Psychologie geht davon aus, dass Menschen ihrem Leben Sinn und Bedeutung verleihen, indem sie Erlebnisse in Form von Geschichten und Erzählungen tradieren. Einzelne Lebensereignisse werden dabei nicht wie von selbst miteinander verbunden betrachtet, sondern Verbindungen und Plausibilität werden erst im Prozess des Erzählens vom Subjekt selber geschaffen. Zahlreiche Erinnerungen prägen Menschen und ihr Leben, wobei von diesen Erinnerungen eine Vielzahl ihrer Aktivitäten im Alltag geleitet werden. Erinnerungen sind dabei in der Regel zunächst etwas sehr Persönliches, etwas, das jede/r mit sich und in sich herumträgt, etwas, das sowohl mit ihr/ihm als Individuum als auch mit der Gemeinschaft geteilt wird, sodass Erinnerungen einen wesentlichen Teil der sozialen Identität ausmachen. Erinnerungen sind aber nicht nur an Einzelne sondern auch an Gemeinschaften, Gruppen oder Institutionen geknüpft, und werden manchmal auch Ausdruck einer nationalern Homogenisierung, denn zahlreiche Erinnerungen werden zum Gründungsmythos von Staaten und Nationen. Solche Erinnerungen bestimmten häufig den öffentlichen Diskurs, was zu einer ambivalenten Entwicklung in einer Gemeinschaft führen kann. Durch die Pflege von Erinnerungen mittels Erzählungen, Bildern, Ritualen, Denkmäler oder Institutionen eintsteht eine kollektive Erinnerungskultur. Der Begriff der Erinnerungskultur bezeichnet dabei sowohl den individuellen als auch kollektiven Umgang mit der eigenen Vergangenheit und Geschichte. Auch in Familien als der kleinsten Form einer Gemeinschaft gibt es oft wesentliche Narrative, die tradiert werden und zur Identitätsstifung beitragen. Bei solchen Narrativen in Familien handelt es sich in der Regel nicht um die großen Erzählungen und Ereignisse, sondern um einzelne Ereignisse und persönliche Erlebnisse, aus denen ein gemeinsames Gedächtnis geformt und tradiert wird. Durch solche Narrative wird aber oft ein Bezug zwischen biographiebezogenem Erinnern und öffentlicher Erinnerungskultur hergestellt. Darüber hinaus wirken individuelle und kollektive Erinnerungen kleiner Gruppen auf die Stimmung der Gesellschaft, wobei Individuen dann unterschiedlichen Erinnerungsmilieus angehören können, die durch Familien, Vereine, kulturelle oder religiöse Gemeinschaften oder durch die Massenmedien geschaffen werden. Oft verursachen Erinnerungen Spannungen zwischen dem Individuum und der Familie einerseits und den offiziellen gesellschaftlichen Erinnerungen andererseits, denn nicht selten unterscheiden sich individuelle und kollektive Erinnerungen, etwa in Form von Generationenkonflikten.


Literarisches:
Erinnern, die Schwester des Vergessens


Literatur

Staresina, Bernhard P., Reber, Thomas P., Niediek, Johannes, Boström, Jan, Elger, Christian E. & Mormann, Florian (2019). Recollection in the human hippocampal-entorhinal cell circuitry. Nature Communications, doi:10.1038/s41467-019-09558-3.
https://de.wikipedia.org/wiki/Erinnerung_(Psychologie) (14-09-12)


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