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narrative Identität

Unter narrativer Identität versteht man die Konstruktion der eigenen Identität, die auf der Erzählung der eigenen Lebensgeschichte aufbaut. Dieses Konstrukt findet man innerhalb der narrativen Psychologie, also jenem methodischen Ansatz, der versucht zu verstehen, in welcher Weise Erzählungen und Geschichten von Menschen für die Sinngebung herangezogen werden.

Die narrative Psychologie geht davon aus, dass Menschen ihrem Leben Sinn und Bedeutung verleihen, indem sie Erlebnisse in Form von Geschichten und Erzählungen wiedergeben. Einzelne Lebensereignisse werden dabei nicht wie von selbst miteinander verbunden betrachtet, sondern Verbindungen und Plausibilität werden erst im Prozess des Erzählens vom Subjekt selber geschaffen. Ausgangspunkt für eine solche Erzählung sind dabei weder die Fakten noch der Glaube daran, dass es wirklich so war, sondern die aktuelle Präsenz des erzählenden Subjektes. Erzählungen sind daher nicht zwingend das Ergebnis einer wie auch immer gearteten Vergangenheit, sondern der Versuch des Erzählers, aus der Perspektive des Hier und Jetzt eine für den Zuhörer und sich selbst kohärente Geschichte zu formulieren. Ein besonderes Interesse innerhalb der narrativen Psychologie gilt dabei den Erzählungen einer Person über sich selbst, also ihrer Konstruktion des Selbst und der eigenen Identität.

Kollektive Narrative

Menschen sind narrative Wesen, d. h., sie denken und leben in Geschichten, denn das erlaubt es ihnen, sich aus dem einen Moment der Gegenwart abzulösen, d. h., Menschen sitzen nicht nur irgendwo, an einem Kaffeetisch oder auf einem Bürostuhl oder im Auto, sondern sie können dabei in eine Geschichte eintauchen, was ihnen auch erlaubt, in andere Lebewesen einzutauchen, also Empathie zu empfinden. Geschichten sind dann Emotionsepisoden, und die damit verbundenen Emotionen belohnen die Menschen, indem sie sich aus der u. U. banalen Gegenwart lösen. Dass Gefühle bei Geschichten eine wichtige Rolle spielen, macht sie mächtig, und zwar im Positiven wie auch im Negativen, wenn es etwa um Manipulation geht. So entstand in der Wirtschaftskrise 2008, als viele Menschen ihre Positionen, ihre Sicherheiten, ihren Lebensstandard verloren, und eine ungeheure Unsicherheit herrschte, das Narrativ, dass die Schuldigen ausgemacht wurden: die gierigen Banker aus Amerika, die leichtfertig Kredite ausgegeben hatten, sich dadurch bereichert hatten und die man jetzt bloßstellte. Und dieses Gaunernarrativ hatte natürlich allen auch irgendwie geholfen und besaß eine therapeutische Wirkung, um diese Krise mit zu überwinden, weil man wusste, da gibt es Schuldige an der aktuellen Situation. Als Satisfaktion gab es die Emotion zur Belohnung, dass man letztlich nicht selber schuld war, sondern dass andere daran schuld waren.

Doch kollektive Narrative können auch Schattenseiten haben, denn das Narrativ, das der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und andere aufgebaut haben, der Helden, von David, der gegen Goliath kämpft, ist anfangs erst einmal wirkungsvoll gewesen und hat die eigene Bevölkerung zum Widerstand animiert bzw. andere Länder zur Unterstützung motiviert, doch kann dieses Helden-Narrativ, das letztlich nur im Triumph, also dem Sieg über Russland enden kann, im Weg stehen, wenn es zu einem Stellungskrieg kommen sollte, der nur am Verhandlungstisch gelöst werden kann. Kollektive Narrative können daher auch gefährlich sein und Menschen in die Irre führen bzw. langfristig mehr Probleme machen.

Literatur
Kraus, W. (1998). Narrative Psychologie. In S. Grubitzsch & K. Weber (Hrsg.), Psychologische Grundbegriffe. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Stangl, W. (2021, 29. Mai). Was ist eigentlich ein Narrativ? Stangl notiert ….
https://notiert.stangl-taller.at/zeitgeistig/was-ist-eigentlich-ein-narrativ/.
https://de.wikipedia.org/wiki/Narrative_Psychologie (09-11-14)



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