nudge

Der Begriff Nudge (engl. leichter Stoß, Schubs, Stups) wurde von Thaler &  Sunstein in ihrem 2008 erschienenen Buch „Nudge. Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“ geprägt und in den Bereich der Verhaltensökonomik eingeführt, in dem sie für einen libertären Paternalismus plädieren. Thaler &  Sunstein vergleichen das mit einer Elefantenmutter, die ihrem Jungen einen Stups in die richtige Richtung, etwa zum Wasserloch, gibt. Ein Nudge ist psychologisch betrachtet eine Information, die mit einer bestimmten Lenkungsabsicht konstruiert wurde, damit Menschen aus mehreren Handlungsoptionen spontan eine bestimmte wählen. Die Werbung nutzt Nudges, um Kunden für ihre Interessen zu manipulieren, eine Gesellschaft kann Nudging aber verwenden, damit Menschen die für sie bessere Wahl treffen. Nudges sind für politische Regulatoren einfach in der Umsetzung und verursachen nur geringe Interventionskosten bei hoher Wirkung. So wurde etwa in Guatemala jenen Steuerpflichtigen, die ihre Steuererklärung für das vorangegangene Jahr noch nicht abgegeben hatten, ein Brief mit dem Hinweis zugestellt, dass der Großteil der Bevölkerung seine Steuern bezahle bzw. keine Steuern hinterziehe. Dieser Appell an das soziale Gewissen führte zu einem merklichen Anstieg der Steuereinnahmen.

Ein Nudge ist für Thaler und Sunstein das Gegenteil eines Verbots oder eines Befehls und hat gerade darum die Kraft, das Verhalten von Menschen tatsächlich zu beeinflussen. Die beiden Autoren geben etwa folgende Beispiele:
fliege

  • Wird in Urinalen ein Abbild einer Fliege angebracht, landet 80% weniger Urin auf dem Boden, da die Männer auf die Fliege zielen.
  • Wird an einem Kantinenbuffet Obst erhöht in Griffnähe präsentiert, Donuts und Plundergebäck dagegen weiter entfernt, greifen die Mitarbeiter öfter zum Obst.
  • In Ländern, in denen die Menschen per Standard Organspender sind und widersprechen müssen, gibt es fast nur Organspender. In Ländern, in denen sich die Menschen dagegen aktiv zur Organspende entscheiden müssen, gibt es viel weniger.

Der Nudge-Begriff wird auch in anderen Bereichen verwendet, so etwa in der Marketing-Kommunikation. Lotz & Ebeling haben diesen Effekt bei einem Stromversorger im Verkauf geprüft, ohne dass die 42000 Interessenten auf der Webseite es wussten. Tatsächlich wählten die Kunden sehr viel häufiger den Ökostrom, wenn er Standard war. Mussten die Interessenten den Ökostrom aktiv wählen, taten das nur 7 Prozent der Neukunden. Wenn der Ökostrom voreingestellt war, stieg die Quote auf 69 Prozent. Dafür sank die tatsächliche Abschlussquote leicht von 8,7 Prozent der Interessenten ohne Ökostrom auf 8,0 Prozent mit Ökostrom. Hinzu kommt, dass die Voreinstellung vor allem jene Menschen beeinflusst, die keine starke Vorliebe haben. Wer dagegen genau weiß, was er will, für den ist so ein Standard nicht mehr ganz so relevant.

Nach Burmester (2016) kann der Nudging-Ansatz auch auf Veränderungsprozesse in Organisationen angewendet werden, indem durch Nudges wirksame Interventionen gesetzt werden, die das Verhalten von MitarbeiterInnen allmählich verändern. Dabei kann die Wirksamkeit von Nudges dadurch erhöht werden, indem man die Informationen einfach und leicht nachvollziehbar darstellt, Aufmerksamkeit erregt und den Prozess für die Betroffenen attraktiv macht. Dabei kann man das erwünschte Verhalten am Beispiel anderer hervorheben und sollte Beziehungen immer mitdenken. Schließlich sollte ein Nudge eine direkte und unmittelbare Handlung ermöglichen. Am besten ist es natürlich, wenn Nudges gemeinsam mit den Beteiligten des Veränderungsprozesses erarbeitet werden, denn das erhöht die Motivation, etwas zu verändern.

Link: http://nudges.org/

Allerdings ist der Einsatz von Nudges  auch umstritten, denn man befürchtet, sie könnten genutzt werden, um staatliche Massenmanipulation zu betreiben. Juristisch stellt sich die Frage, welche Rechtsschutzinstrumente gegen einen Nudge zur Verfügung stehen, denn einerseits ist ein Nudge definitionsgemäß nicht normativ und kann daher auch rechtliche nicht durchgesetzt werden, andererseits knüpft etwa das österreichische Rechtsschutzsystem an bestimmte Rechtsformen bzw. -quellen an, wobei ein Nudge jedoch in keine der bekannten Kategorien fällt, sodass Bürger etwaigen staatlichen Manipulationsversuchen (rechts-)schutzlos ausgesetzt wären. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss empfiehlt daher, einen konkreten Verhaltenskodex für Nudge-Konzepte festzulegen, um auszuschließen, dass Nudges missbräuchlich eingesetzt werden. Freilich wäre ein solcher Verhaltenskodex für sich genommen ein eher zahnloses Instrument. Sollte das Anwendungsgebiet von Nudges daher weiter wachsen, könnte die Einrichtung einer eigenständigen und vor allem unabhängigen Rechtsschutzeinrichtung, die die Einhaltung bestimmter Grundsätze für Nudging-Konzepte amtswegig überwacht, erforderlich erscheinen. Andernfalls droht ein rechtsstaatliches Vakuum (Kreuzberger 2017).


2017 ging der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an Richard Thaler

Richard H. Thaler wurde am 12. September 1945 in East Orange im US-Bundesstaat New Jersey geboren. Derzeit lehrt er an der Booth School of Business der University of Chicago. Er beriet auch den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, wobei die US-Regierung 2009 Cass Sunstein zum Leiter des Office of Information and Regulatory Affairs ernannte. Die britische Regierung gründete das mitunter auch als Nudge Unit bezeichnete Behavioural Insights Team (BIT), bei dessen Aufbau sie maßgeblich von Richard Thaler unterstützt wurde. Auch in Österreich bestehen Pläne, zur Erreichung rechtspolitischer Ziele in Zukunft verstärkt auf Anreizsysteme anstelle von Vorschriften zu setzen.

Als besondere Auszeichnung kann man die Tatsache werten, dass er den Preis alleine bekommt. Damit zeigt das Nobelpreis-Komitee, dass es ihn als herausragenden Forscher einstuft, denn bisher wurde der Preis meist an mehrere Ökonomen auf dem gleichen Gebiet geteilt.
Thaler gilt als Begründer des Fachbereichs Verhaltensökonomie und hat wichtige psychologische Einsichten in der Wirtschaftswissenschaft vermittelt, wobei das Nobelpreiskomitee es so begründet: Er machte die Wirtschaftswissenschaften menschlicher. Er hat gezeigt, dass begrenzte Rationalität, soziale Präferenzen und ein Mangel an Selbstbeherrschung systematisch Entscheidungen und Marktergebnisse beeinflussen. Thaler folgt hier u. a. Daniel Kahneman, der 2002 den Nobelpreis für das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung in die Wirtschaftswissenschaft erhielt.
Mit Hilfe von Befragungen, Experimenten und Beobachtungen alltäglicher Verhaltensweisen untersuchte Thaler, was Menschen antreibt, gewisse Dinge zu tun und andere zu lassen, was etwa kühl berechnende nutzenmaximierende Econs von unvollkommenen Humans unterscheidet. In einer Reihe von zwanzig Artikeln fasst Thaler seine Beobachtungen unter dem Stichworten Anomalien, Fehlverhalten wider die Rationalität, zusammen und macht sie damit auch für andere Disziplinen jenseits der Ökonomik verständlich.


Literatur

Burmester, H. (2016). Stupser für die innovative Organisation. Wie Nudging die Organisationsentwicklung bereichern kann. OrganisationsEntwicklung, 16, 59-65.
Ebeling, Felix & Lotz, Sebastian (2015). Domestic uptake of green energy promoted by opt-out tariffs. Nature Climate Change. http://dx.doi.org/10.1038/nclimate2681.
Halpern, D. (2015). Inside the Nudge Unit: How small changes can make a big difference. London: Allen.
Kreuzberger, B. (2017). Nudging weder durchsetzbar noch bekämpfbar. Die Presse vom 22. Oktober 2017.
http://de.wikipedia.org/wiki/Nudge (10-09-21)
OÖN vom 10. Oktober 2017





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  1. One Response to “nudge”

  2. Das Gefaellt mir Button Plugin waere eine tolle Erweiterung. Oder ist mir der Button entgangen?

    By Alain on Aug 24, 2011

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