Farben können die verschiedensten Reaktionen und Assoziationen in Menschen auslösen, wobei diese Empfindungen nicht nur abhängig von den individuellen Erfahrungen, sondern auch durch Jahrhunderte alte Überlieferungen bestimmt werden. Die Psychologie hat sich eingehend mit der Wirkung von Farben auf einen Betrachter, insbesondere mit der Wirkung der Farben auf den Gemütszustand von Menschen beschäftigt. Dabei gibt es keine allgemeingültigen Regeln, denn zum einen empfinden etwa Asiaten Farben ganz anders als Europäer, zum anderen können sie in verschiedenen Tonstufen unterschiedlich wirken. Auch wenn Farben in verschiedenen Kulturen verschiedene Bedeutungen haben, kann man doch Übereinstimmungen finden. So klassifiziert man Rot als warme Farbe, Blau hingegen wird eher als kalt empfunden, denn als archetypisches Kriterium steht Rot für das Feuer, aber auch für Krieg und Gewalt, während Blau ebenso den Himmel, den Raum und die Ewigkeit symbolisiert. Grün symbolisiert häufig die Fruchtbarkeit und den Frieden, während Gelb mit Neid, Verrat und Feigheit in Verbindung gebracht wird. Psychologen beschäftigen sich daher mit Eigenschaften und Symbolwerten von Farben, denn so gilt etwa Orange als Farbe der Lebensfreude, der Lebensenergie, aber wegen ihrer weithin sichtbaren Leuchtkraft auch als Warnfarbe. Grün symbolisiert Wachstum, Heilung, Harmonie, auch die Wiedergeburt und die Barmherzigkeit. Ähnliche Zuordnungen gibt es für neun Hauptfarben; Genaueres dazu findet der Leser bei den nachfolgenden Seiten zu den einzelnen Farben. Die Eigenschaften von Farben und ihre Wirkungen werden in verschiedenen Lebensbereichen genutzt, wobei ein wichtiger Bereich die Werbung darstellt, in der Farben sowohl bei Reklame für einzelne Produkte als auch in Form von Firmenfarben für bestimmte Kaufhaus- und Tankstellenketten, Banken usw. eingesetzt werden. Ebenso wichtig sind Farben in der Mode, wo bekannte Modeschöpfer bestimmte Modefarben vorgeben. In Paris wurde beispielsweise Schwarz zur Modefarbe des Jahres 2001 kreiert. Zusätzlich haben sich Institute etabliert, die eine Farbberatung hinsichtlich Kleidungsfarbe und Schmuck, angepasst an bestimmte Haarfarben und Hauttypen, anbieten. Eine geschickte, farbliche Wohnraumgestaltung, abgestimmt auf Vorzugsfarben der dort Wohnenden, kann deren Lebensqualität und Wohlgefühl erheblich steigern. Farbpsychologen raten beispielsweise Ärzten davon ab, ihre Wartezimmer vorwiegend in Rot zu gestalten, weil diese Farbe zu stark aufregend wirkt. In lärm- und schmutzgeprägte Fabrik- und Arbeitsräume ziehen zunehmend beruhigende Farben ein, die die Arbeitsumwelt annehmbarer gestalten sollen.

Allerdings sollte man Ergebnisse von Farbtests (s. u.) nicht überbewerten, doch die Wirkungen und Assoziationen, die bestimmte Farben auslösen, sind bei vielen Menschen gleich, und zwar unabhängig von Kultur, Alter oder Geschlecht: So gilt etwa Rot als aufmerksamkeitsserregend, Gelb als heiter, Grün als beständig oder Blau als beruhigend. Warme Farben wie Gelb, Orange und Rot regen nachweislich den Appetit an, weshalb sie oft für Lebensmittelverpackungen eingesetzt werden, während das kühle Blau für Frische steht und sich deshalb auf Hygiene- oder Tiefkühlartikeln findet. Am bekanntesten ist dabei der »Lüscher-Test«, wobei Lüscher davon ausging, dass die physiologische Wahrnehmung von Farben objektiv und universal, die Bevorzugung von Farben jedoch subjektiv ist (s. u.).

Jonauskaite et al. (2020) haben 4598 Menschen aus dreißig Nationen auf sechs Kontinenten zur Einschätzung von zwölf Farben befragt, wobei sie diese jeweils bis zu zwanzig Emotionskonzepten in unterschiedlicher Intensität zuordnen sollten. Musterähnlichkeitsanalysen ergaben dabei universelle Farb-Emotions-Verbindungen mit einem durchschnittlichen Ähnlichkeitskoeffizienten von r=0.88. Die nationalen Mittelwerte wurden dann mit dem weltweiten Durchschnitt verglichen, wobei sich eine große globale Übereinstimmung zeigte: Rot steht für Liebe aber auch für Ärger, Gelb sorgt für Freude und Braun berührt emotional eher wenig. Neben den globalen Übereinstimmungen gab es auch nationale Besonderheiten, denn so wird Weiß in China wesentlich stärker mit Trauer verbunden als in anderen Ländern, Ähnliches gilt für Lila in Griechenland. Das liegt vermutlich daran, dass in China bei Beerdigungen weiße Kleidung getragen und Lila in der griechisch-orthodoxen Kirche zur Verdeutlichung von Trauer verwendet wird. Die Unterschiede in den Assoziationen zu den Farben waren umso größer, je weiter die Länder voneinander entfernt liegen, und es spielte auch eine Rolle, wie stark sich die jeweiligen Sprachen voneinander unterscheiden. Auch das Klima scheint eine Wirkung zu haben, denn die Farbe Gelb wird in Ländern mit wenig Sonnenschein stärker mit Freude verbunden als in sonnenreichen Regionen. Generell gilt, dass es zahlreiche Einflussfaktoren wie Sprache, Kultur, Religion und Klima gibt, aber auch die Entwicklungsgeschichte der Menschheit und das menschliche Wahrnehmungssystem sind dabei stets zu berücksichtigen.

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Signalfarbe Rot

Überlegungen zur Evolutionstheorie legen den Schluss nahe, dass vor allem die Farbe Rot für Menschen als ein Signal fungiert und dadurch die Bedeutung eines Objekts anzeigt, doch gab es bisher keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass sich diese Signalfunktion der Farbe Rot auch auf das menschliche Gedächtnis und somit die Merkfähigkeit auswirkt. Kuhbandner et al. (2015) führten deshalb mehrere Experimente durch, bei denen Probanden Objekte (Wörter, Gegenstände usw.) in rot, grün, blau und gelb gezeigt wurden, wobei man im Anschluss erfasste, wie gut Versuchspersonen sich an unterschiedliche Objekte und an die jeweilige Farbe des Objekts erinnern konnten. Es zeigte sich, dass die Farbe keinen messbaren Einfluss auf die allgemeine Erinnerung an die bloße Anwesenheit bestimmter Objekte hatte, jedoch beeinflusste die Farbe der Objekte die Erinnerung an die Farbe selbst. Die Fähigkeit, sich die Farbe eines Objekts zu merken, ist offensichtlich von der Farbe selbst abhängig, d. h., man kann sich später relativ gut an die Farbe eines bestimmten Objekts erinnern, wenn dieses rot oder gelb ist. Bei blau ist die Gedächtnisleistung nur mittelmäßig, bei grün sogar vergleichsweise schlecht. Es zeigte sich auch, dass dieser Effekt unabhängig von der Art der Objekte ist und auch unabhängig davon, ob man versucht, sich die Farben bewusst einzuprägen oder man sie nur nebenbei wahrnimmt. Die Experimente zeigten auch, dass die Farbe vor allem Einfluss auf das subjektive Urteilsvermögen hinsichtlich der eigenen Farberinnerungen hat, denn so gaben die Probanden vor allem bei roten Objekten in Bezug auf die Richtigkeit ihrer Farberinnerungen sehr zuverlässige Urteile ab, während sie eher sehr unzuverlässig bei grünen Objekten waren.

Nach Max Lüscher lässt das persönliche Urteil über eine Farbe Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Beurteilenden zu, wofür er 1947 den Lüscher-Farb-Test entwickelte. Testpersonen müssen in diesem Test ausgewählte Farbkärtchen nach persönlichen Präferenzen sortieren, angefangen von ihrer Lieblingsfarbe bis zu der Farbe, die sie am wenigsten schätzen. Anhand der dargelegten Farbfolge soll sich der seelisch-körperliche Zustand der betreffenden Testperson feststellen lassen, denn nach Erkenntnissen Lüschers wird die Farbwahl unbewusst gesteuert. In seiner ersten Fassung aus den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts arbeitete der Farbdiagnostiker noch mit 73 bunten Farbkärtchen, die er den Testpersonen zur Auswahl vorlegte. Die aktuelle Version stützt sich auf 23 Farben, wobei im Mittelpunkt die vier Farben Grün, Blau, Rot und Gelb stehen, die auf psychologischer Basis in selbstbewusst (autonom) und unbewusst (heteronom) gesteuertes Verhalten gegenüber den Farben weiter unterteilt werden. Lüscher hat aus den Bevorzugungen der vier Hauptfarben, auch im Rückgriff auf deren antike Zuordnungen zu den vier Elementen, den »4-Farben-Menschen« mit einem zugeordneten 4-Farben-Selbstwertgefühl und einem 4-Farben-Denktyp abgeleitet: Eine Person mit der Vorzugsfarbe Gelb besitzt demnach die innere Freiheit zur Selbstentfaltung, sie gehört zum rezeptiven Denktyp; zugeordnet ist das Symbolelement Luft. Eine Person mit der Vorzugfarbe Rot besitzt eine Selbst-Erregungsaktivität, die zu Selbstvertrauen führt; sie gehört zum provokativen Denktyp; zugeordnet ist das Element Feuer. Eine Person mit der Vorzugsfarbe Blau zeigt Ruhe und Zufriedenheit, die zur Einordnung führen; sie gehört zum reflexiven Denkertyp; zugeordnet ist das Element Wasser. Eine Person mit der Vorzugsfarbe Grün leitet aus der Selbstfestigkeit und Beharrung eine Selbstachtung ab; sie gehört zum objektiven Denkertyp; zugeordnet ist das Element Erde. Ein Idealtyp würde alle vier Selbstwerte zeigen. Das Verhältnis zwischen autonomen und heteronomen Verhalten kann aktiv oder passiv sein, sodass sich entsprechend den Farbtönen jeweils vier Paare ergeben. So ist etwa das heteronome, aktive Blau das Cyan(blau) des Sommerhimmels, es steht für Befreiung und Freiheit; das autonome, aktive Blau ist Ultramarin mit Rotanteilen, das Macht und Autorität widerspiegelt. Das Türkis(blau) ist das autonome, passive Blau aufgrund seines Grünanteils steht es für Lebensqualität; das Blau des mitternächtlichen Himmels vertritt das heteronome, passive Blau und steht für Traumphantasien. Hinzu kommen noch Braun und Violett sowie fünf neutrale Farben. Anhand der Farbwahl aus diesen 23 Farben lässt sich mit Hilfe des »Lüscher-Tests« ein Persönlichkeitsprofil erstellen, das Rückschlüsse auf die Belastbarkeit, sowie die Leistungs- und Kommunikationsfähigkeit der betreffenden Person ermöglichen soll. Dieser Test wird in der ethnologischen Forschung, in der medizinischen Diagnosis und Therapie, in der Gerontologie, bei der Eheberatung und bei der Personalauswahl eingesetzt. Nach Ansicht von Max Lüscher ist die Sprache der Seele die Farbe. Seine Farb-Diagnostik wurde immer wieder überarbeitet, modifiziert und verbessert und ermöglicht heute auch Einblicke in die Leistungsfähigkeit und Stressverträglichkeit, das Selbstbild und die Zukunftserwartungen eines Menschen. Erkenntnisse aus diesem Test werden heute nicht nur bei der Personalauswahl sondern auch im Produktdesign, in der Medizin und im Sport eingesetzt. Hinsichtlich der persönlichen Präferenz von Farben stehen diese für folgende Merkmale:

  • Rot: Selbstbewusstsein, Stärke, Vitalität, Leidenschaft, Aktivität, Dynamik, Konkurrenz, Erotik
  • Blau: Zufriedenheit, Ruhe, Ausgeglichenheit, Wohlbehagen, Harmonie, Nachdenklichkeit, Empathie, Bindung
  • Gelb: Entfaltung, Freiheitsstreben, Neugier, Spontaneität, Offenheit, Erwartung, Kreativität, Heiterkeit
  • Grün: Selbstachtung, Würde, Stabilität, Ausdauer, Ehrgefühl, Autorität, Geltungsanspruch, Durchsetzungsvermögen, Autonomie
  • Pink: Einfühlungsvermögen, Sensibilität, Faszination, Charme, Hingabe, Kritiklosigkeit, Geheimniskrämerei
  • Schwarz: Leistungswillen, Unnahbarkeit, Ernst, Intoleranz, Zwang, Rücksichtslosigkeit, Auflehnung
  • Braun: Genuss, Sinnlichkeit, Sanftmut, Wärme, Bequemlichkeit, Einfallslosigkeit
  • Grau: Neutralität, Distanz, Gleichgültigkeit, Bezugslosigkeit, Abschirmung

Problematisch und umstritten ist bei Farb-Tests die Wahl der Testfarben und die Verallgemeinerung der Testergebnisse. Der »Frieling-Test« versucht die Fehler des Lüscher-Tests zu vermeiden, indem den Probanden insgesamt 23 ausgesuchte Farbkärtchen vorgelegt werden. Es werden ihnen Kärtchen in zwei Blautönen, zwei Gelbtönen, zwei Rottönen, einem Orangeton, zwei Brauntönen, in je einem Schwarz-, Grau- und Weißton sowie smaragdgrüne, gelbgrüne, olivgrüne, pastellgrüne, rosa, fliederlilafarbene, violette und purpurne Kärtchen angeboten. In einem ersten Schritt werden die Farben in einer festlegten Reihenfolge angeordnet und die Testperson wird gefragt, ob ihr diese Anordnung gefällt oder missfällt. Danach sollen noch Farbkärtchen in vier harmonische Gruppen aufgeteilt werden.
Eine weiteres Testverfahren ist der Pyramiden-Test nach Pfister-Heiss-Hiltmann. Dabei werden den Testpersonen 24 unterschiedlich farbige Kärtchen in größerer Anzahl ausgehändigt. Sie sollen diese Kärtchen in beliebiger Wiederholung in eine vorgefertigte Pyramide einsortieren. Diese Einsortierung wird mehrfach wiederholt.

Literatur

Jonauskaite, D., Abu-Akel, A., Dael, N., Oberfeld, D., Abdel-Khalek, A. M., Al-Rasheed, A. S., Antonietti, J.-P., Bogushevskaya, V., Chamseddine, A., Chkonia, E., Corona, V., Fonseca-Pedrero, E., Griber, Y. A., Grimshaw, G., Hasan, A. A., Havelka, J., Hirnstein, M., Karlsson, B. S. A., Laurent, E., … Mohr, C. (2020). Universal Patterns in Color-Emotion Associations Are Further Shaped by Linguistic and Geographic Proximity. Psychological Science, doi:10.1177/0956797620948810.
Kuhbandner, C., Spitzer, B., Lichtenfeld, S. & Pekrun, R. (). Differential Binding of Colors to Objects in Memory: Red and Yellow Stick Better Than Blue and Green. Frontiers in Psychology, 6. doi: 10.3389/fpsyg.2015.00231
Lüscher, Max (2013). Der 4-Farben-Mensch. Wege zum inneren Gleichgewicht. Ullstein.
Lüscher, Max (2011). Lüscher-Color-Diagnostik. 1 DVD. Competence Center.
https://www.spektrum.de/leseprobe/farben-farbpsychologie-und-symbolik/1841071 (21-03-01)

Bildquelle

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