Der Cortex insularis (Inselrinde, Insula) ist ein kleine Abschnitt der Großhirnrinde und ist für die menschliche Selbstwahrnehmung von Bedeutung, und umfasst Funktionen wie Wahrnehmung, motorische Kontrolle, Selbst-Bewusstsein, geistige Vitalität und zwischenmenschlichen Erfahrungen. Daher ist die Insula das primäre Gehirnareal für die Interozeption, also die Wahrnehmung des eigenen Körpers und seiner Vorgänge. Prozesse in der Inselrinde sind nicht nur an der Interozeption beteiligt, sondern auch die Grundlage für die unmittelbare Wahrnehmung der Gefühle, wobei starke negative wie positive Emotionen zu einer subjektiven Zeitdehnung führen. Die vordere Inselrinde integriert dabei alle dem Organismus zur Verfügung stehenden Informationen eines gegebenen Augenblicks und erzeugt daraus das Ich-Erleben und ist zugleich wesentlich für die Zeitwahrnehmungeng bzw. dem Zeitbewusstsein. In einem Versuch zur Zeitwahrnehmung hörten die Probanden einen Ton von festgelegter Dauer, wobei dabei die Aktivität in der hinteren Inselrinde kontinuierlich bis zum Ende des durch den Ton markierten Zeitintervalls zunahm. Da diese Hirnregion fortlaufend körperliche Zustände repräsentiert, dient diese Aktivitätszunahme bei der Aufnahme von Körpersignalen vermutlich als Zeitmesser.

Vor allem die anteriore Insula ist an empathischen Fähigkeiten und Emotionsempfindungen wie Liebe, Hass, Zurückweisung, Selbstsicherheit oder Scham beteiligt. Auch bei verschiedenen Formen der Psychopathologie spielt die Insula eine wichtige Rolle, denn eine Läsion der Inselrinde führt zu Apathie und der Unfähigkeit, selbst Gefühle zu empfinden oder die Gefühle im Gesicht anderer zu erkennen. Diese wurde bei Menschen mit Autismus oder anderen neuropsychiatrischen Störungen wie der frontotemporale Demenz entdeckt. In der anterioren Insula befindet sich ein spezieller Zelltyp, die Spindelneuronen. Diese Neuronen haben eine namensgebende spindelähnliche Form und sind etwa drei Mal so groß wie die benachbarten Pyramidenzellen, die klassischen Nervenzellen im Gehirn. Bei neuropsychologischen Erkrankungen in Verbindung mit dem Verlust der Gefühle, wie Autismus oder Demenz, verändert sich die Anzahl dieser Nervenzellen.

Die vordere Insula spielt auch be der menschlichen Fähigkeit, eine Erfahrung rückblickend zu bewerten, eine Rolle. Bekanntlich neigen Menschen dazu, dem späteren Teil einer Erfahrung ein unverhältnismässig hohes Gewicht beizumessen, was zu einer schlechten Entscheidung bei der Wiederholung oder dem Vermeiden von Erfahrungen führen kann. Vestergaard & Schultz (2020) konnten in Experimenten mit Hilfe eines Münzenspiels zeigen, dass das menschliche Gehirn den zusammenfassenden Wert einer über die Zeit ausgedehnten Folge von Ereignissen in zwei verschiedenen Belohnungsdarstellungen kodiert. Der Gesamterfahrungswert wird dabei in der Amygdala kodiert, wobei dieser durch eine entgegensetzte anteriore Insula-Aktivität reduziert wird, wenn die Sequenz der Erfahrungsergebnisse vorübergehend abnimmt. Je stärker die vordere Insula bei den Probanden aktiv war, desto eher neigten diese dazu, den Gesamtverlauf zu vernachlässigen und sich von der Tendenz am Ende einer Ereignisfolge – also einer Art Happy End – täuschen zu lassen. Bei wichtigen Entscheidungen kann es demnach sehr relevant sein, sich dieser kognitiven Verzerrung durch das Ende der Ereignisse bewusst zu sein.

Literatur

Vestergaard, Martin D. & Schultz, Wolfram (2020). Retrospective valuation of experienced outcome encoded in distinct reward representations in the anterior insula and amygdala. The Journal of Neuroscience, doi:10.1523/JNEUROSCI.2130-19.2020.


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