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Reminiszenz-Therapie

Die Reminiszenz-Therapie – auch Reminiszenztherapie, Erinnerungstherapie – ist ein Verfahren, das speziell für ältere Menschen mit Gedächtnisstörungen, Demenz oder psychischen Erkrankungen wie Depressionen entwickelt wurde, und die darauf beruht, dass im Alter vor allem die im Langzeitgedächtnis gespeicherten Erinnerungen meist noch verfügbar sind. Die Struktur der Reminiszenztherapie kann sehr unterschiedlich sein, wobei man aus psychologischer Perspektive zwei Arten einer Reminiszenztherapie untescheiden kann.

Die integrative Reminiszenztherapie ist ein Prozess, bei dem Individuen versuchen, negative Ereignisse in der Vergangenheit zu akzeptieren, vergangene Konflikte zu lösen, die Diskrepanz zwischen Idealen und Realität in Einklang zu bringen, Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu identifizieren und Sinn und Wert im Leben zu finden. Eine solche integrative Überprüfung des eigenen Lebens bietet Menschen die Möglichkeit, Ereignisse in ihrem Leben zu untersuchen, die negative Selbstbewertungen etwa im Zusammenhang mit Depressionen aufgebaut haben. Viele depressive Menschen ignorieren nämlich positive Informationen und konzentrieren sich auf Erinnerungen, die ihre dysfunktionalen Ansichten unterstützen, sodass eine solche Therapie den Klienten helfen kann, eine umfassendere und detailliertere Perspektive auf ihre Lebensgeschichte zu erhalten bzw. weniger belastende Interpretationen vergangener Ereignisse zu suchen. Die Betroffenen überprüfen dabei sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen im Kontext des gesamten Lebens, was ihnen zeigen, dass negative Erfahrungen in einem Lebensbereich durch positive Ereignisse in einem anderen kompensiert werden können. Es geht darum, eine realistischere, anpassungsfähigere Sicht des Selbst bzw. auf die eigene Identität zu entwickeln, die sowohl positive als auch negative Attribute enthält.

Die instrumentelle Reminiszenztherapie wiederum hilft älteren Menschen, sich an vergangene Bewältigungsaktivitäten und -strategien zu erinnern, einschließlich Erinnerungen an Pläne, die entwickelt wurden, um schwierige Situationen zu lösen, zielgerichtete Aktivitäten und das Erreichen der eigenen Ziele, die man anderen geholfen hat, zu erreichen. Eine instrumentelle Reminiszenztherapie kann sich positiv auf das Selbstwertgefühl und die Wirksamkeit des Einzelnen auswirken, indem er sich an erfolgreiche Erfahrungen erinnert, bei denen der Einzelne wirksam gehandelt hat, um seine Umgebung zu kontrollieren. Eine Reminiszenz-Therapie bietet oft eine der wenigen Möglichkeiten, mit Demenzpatienten in Kontakt zu kommen, wobei diesen oftmals Details zu Ereignissen aus der Zeit zwischen ihrem 10. und 30. Lebensjahr wieder einfallen, wie der der Name eines Freundes oder Lehrers aus der Schulzeit (Reminiszenzeffekt), wobei diese Erinnerungen meist positive Stimmungen erzeugen und Gespräche anstoßen können. Die Betroffenen sollen sich in der Therapie an Erlebnisse und Erfahrungen aus ihren vergangenen Tagen erinnern und sie lebendig halten, etwa mithilfe eines Erinnerungskoffers (Memorybox), der Fotos, alte Briefe und persönliche Gegenstände – also Trigger – enthält, wodurch das Erinnerungsvermögen bewahrt und die Lebensqualität verbessert werden soll. Ein Erinnerungskoffer eignet sich perfekt für Biographiearbeit, ist gefüllt mit Gegenständen aus Kindheit und Jugend der Seniorinnen und Senioren,  lässt sich z.B. mit  mit Elementen aus dem Bereich Haushalt, Spielzeug oder auch Lieblingsbüchern aus der Kindheit füllen. Hilfreich sind in manchen Fällen auch Liederbücher, denn  eine Melodie oder ein früher oft gesungenes Lied können bei Menschen mit Demenz das Wohlbefinden verbessern, zum Mitsingen animieren und auch die aktuelle Stimmung erhellen, da sich vor allem Musik sich auf die damalige positiven Seiten ihrer Lebens- und Erfahrungswelt der frühen Jahre der Betroffenen beziehen kann, wobei dazu Kirchenlieder, Volkslieder oder Schlager verwendet werden.

Die Reminiszenz-Therapie wurde von Robert N. Butler (1963) speziell für Menschen mit Demenz und Depression entwickelt.

Eine Reminiszenztherapie kann sowohl in Einzel- als auch in Gruppentherapie durchgeführt werden, wobei man zur Vorbereitung oft wichtigste Gegenstände der Betroffenen aus der Zeit ihrer Adoleszenz bereithält. Es können allerdings auch Lieder, Musikstücke wie etwa bekannte Schlager oder Ereignisse etwa mit Hilfe von Filmaussschnitten aus dieser Zeit eingesetzt werden, um einen Zugang zu dieser Phase ihres Lebens zu erhalten.

Reminiszenztherapeuten rufen die Erinnerungen häufig aktiv hervor, indem sie zu Beginn der Sitzung ein Foto oder einen Gegenstand aus der betreffenden Zeit zeigen. Es geht dabei darum, die Betroffenen wieder an ihre frühere Identität heranzuführen und so den Menschen mit seiner Biographie kennen zu lernen.

Siehe auch den Text Reminiszenzhöcker.


Anmerkung: Der Autor dieses Lexikons hat dieses Phänomen in seinem Essay Der Reminiszenz-Höcker in der Kulturzeitschrift LANDSTRICH Nr. 37 „UND IMMER WIEDER“ literarisch verarbeitet.


Literatur

Butler, Robert N. (1963). The Life Review: An Interpretation of Reminiscence in the Aged. Psychiatry, 26, 65-76.
https://www.gesundheitsinformation.de/glossar/reminiszenz-therapie.html (21-03-14)
https://alzheimer-mv.de/beschaeftigung/ (21-03-14)
https://de.wikibrief.org/wiki/Reminiscence_therapy (21-03-15)



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