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End-of-History-Illusion

Die End-of-History-Illusion bzw. die Illusion vom Ende der Geschichte ist eine psychologische Illusion, bei der Menschen aller Altersgruppen glauben, dass sie bis zum jetzigen Zeitpunkt ein bedeutendes persönliches Wachstum und eine Veränderung ihres Geschmacks erfahren haben, aber in der Zukunft nicht mehr wesentlich wachsen oder reifen werden. Obwohl sie erkennen, dass sich ihre Wahrnehmungen entwickelt haben, sagen sie voraus, dass ihre Wahrnehmungen in der Zukunft ungefähr gleich bleiben werden. Diese Täuschung beruht auf der Tatsache, dass ein Individuum in einer bestimmten Entwicklungsphase einen relativ geringen Reifegrad in früheren Phasen beobachten kann. Das Phänomen betrifft Teenager, Personen mittleren Alters und Senioren.

Im Allgemeinen neigen Menschen dazu, im Nachhinein bedeutende Veränderungen zu erkennen, können aber nicht vorhersagen, dass sich diese Veränderungen fortsetzen werden. Die Vorhersage eines 20-Jährigen, wie stark er sich in den nächsten zehn Jahren verändern wird, wird beispielsweise nicht so extrem ausfallen wie die Erinnerung eines 30-Jährigen an die Veränderungen, die er zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr erlebt hat, was übrigens für Menschen jeden Alters gilt. Man vermutet, dass dieses Phänomen aufgrund der Schwierigkeit, vorherzusagen, wie man sich verändern wird, oder aufgrund der Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen Zustand, auftritt.

Der Begriff „End of History Illusion“ stammt aus Untersuchungen von Quoidbach, Gilbert & Wilson (2013), in dem sie ihre Forschungen zu diesem Phänomen beschreiben und einen von Francis Fukuyama 1989 in einem Artikel geprägten Begriff aufgreifen. Die Arbeit fasst sechs Studien zusammen, in denen festgestellt wurde, dass künftige Veränderungen der Persönlichkeit, der Grundwerte und der Präferenzen unterschätzt werden. Menschen fällt es offenbar schwer, sich vorzustellen, wie sehr beziehungsweise ob sie sich überhaupt zukünftig ändern werden. Es scheint, dass die meisten Menschen die Gegenwart als einen Wendepunkt betrachten, an dem sie endlich die Person geworden sind, die sie für den Rest ihres Lebens sein werden. Ein Kritikpunkt an diesen Studien ist allerdings, dass es sich um keine Längsschnittuntersuchung handelt, bzw. dass sich die Probanden bei der Bewertung der Veränderungen auf sich selbst verlassen, wobei das autobiografische Gedächtnis praktisch immer verzerrt ist.

Möglicherweise kann diese Illusion vom Ende der Geschichte als eine Art Verfügbarkeitsheuristik verstanden werden, denn das Abrufen von Erinnerungen aus der Vergangenheit ist einfach eine einfachere oder automatischere kognitive Übung als die Vorstellung von der Zukunft. Die Zukunft wird zu einer Art eigennütziger Erweiterung der Gegenwart, basierend auf den einzigen konkreten Details, die Menschen haben, und zwar denen der Vergangenheit. Man kann diese Illusion auch als ein Beispiel für die Geläufigkeitsheuristik betrachten, da es schwierig ist, sich eine Veränderung in der Zukunft vorzustellen, woraus Menschen schließen, dass eine Veränderung eherunwahrscheinlich ist.

Literatur

Fukuyama, Francis (1989). The end of history? The National Interest, 16, 3–18.
Quoidbach, Jordi, Gilbert, Daniel T. & Wilson, Timothy D. (2013). The End of History Illusion. Science, 339, 96–98.



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