Orientierungssinn

Die räumliche Orientierung ist eine Fähigkeit von Menschen und Tieren, die ihnen hilft, sich im Raum und richtungsbezogen zurechtzufinden und angemessen zu bewegen. Zu diesem Zweck wirken mehrere Sinnesorgane zusammen, vor allem Auge, Ohr, Muskel- und Gleichgewichtssinn, wobei bei vielen Tierarten weitere Orientierungshilfen hinzukommen, etwa der Geruchssinn, das Registrieren von Temperaturänderungen, magnetische Sinne. Der Orientierungssinn ist daher kein einzelner Sinn wie etwa der Sehsinn oder der Hörsinn, sondern setzt sich aus den Informationen vieler Sinnesorgane zusammen.

Die räumliche Orientierung wird vor allem durch Bewegung im Raum erlernt. Während die kleinräumige Orientierung in den ersten Lebensjahren eingeübt wird, folgt in den Jahren bis zur Reife das Erlernen der geographischen Orientierung. Die Orientierungsfähigkeit bei Menschen, die in ihrer Kindheit vorwiegend in Fahrzeugen transportiert wurden bzw. wenig Gelegenheit hatten, sich eigenständig fortzubewegen, nur rudimentär ausgebildet. Anders als andere Sinne ist der Orientierungssinn trainier- und erlernbar, wobei sich seit der Moderne die allgemeine Orientierungsfähigkeit des Menschen zurückentwickelt hat. Da auch das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit eine Rolle für die räumliche Orientierungsfähigkeit spielen, lässt sich der Orientierungssinn über bestimmte Übungen verbessern.

Der Orientierungssinn kann bei ungewöhnlichen oder ungewohnten Raumbewegungen den Menschen Probleme bereiten, denn etwa beim Tauchen oder Fliegen kann der Orientierungssinn nur noch schwer die Raumlage ermitteln und die allgemeine Orientierung ist gestört. Längerfristige Orientierungsstörungen können sowohl psychisch als auch organisch bedingt sein, aber auch Medikamente und Intoxikationen können  eine Orientierungsstörung auslösen. Siehe dazu Lageschwindel.

Die meisten Männer können sich Wege besser merken und finden sich auch auf Landkarten leichter zurecht. Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass dahinter eine unterschiedliche Strategie steckt, sich zu orientieren. Das spiegelt sich etwa in der Art wider, wie Männer und Frauen eine Wegbeschreibung aufbauen: Während sich die Männer auf Himmelsrichtungen und Entfernungen konzentrieren, beschreiben Frauen fast ausschließlich markante Punkte. Frauen schnitten in räumlichen Tests sehr viel schlechter ab als Männer, hingegen waren die Leistungen bei den Aufgaben, bei denen es auf optische Merkmale ankam, praktisch gleich. Frauen haben demnach ein schlechteres Gedächtnis für räumliche Anordnungen und verwenden hauptsächlich optische Informationen zum Orientieren. Männer können dagegen die räumlichen und die visuellen Hinweise gleich gut verwerten. Das erklärt auch, warum sich Frauen lediglich in einigen wenigen Situationen, etwa in geschlossenen Räumen, besser orientieren können als Männer: Während sich Frauen ausschließlich auf die in solchen Fällen wichtigeren optischen Informationen konzentrieren, teilen die Männer ihre Aufmerksamkeit zwischen den wesentlichen und den unwesentlichen Informationen auf.

Wie die Gegend, in der man aufgewachsen ist, den Orientierungssinn beeinflusst

Wie sich das Umfeld, in dem man aufgewachsen ist, auf die späteren kognitiven Fähigkeiten, insbesondere den Orientierungssinn auswirkt, wurde von Coutrot et al. (2022) über ein Videospiel („Sea Hero Quest“ auf Mobiltelefonen) untersucht, in das eine kognitive Aufgabe eingebettet ist, wobei man die nonverbalen räumlichen Navigationsfähigkeiten von Menschen aus an die vierzig Ländern der Welt erfassen konnte. Insgesamt stellte man fest, dass Menschen, die außerhalb von Städten aufgewachsen sind, besser in der Navigation sind, d. h., sie waren besser in der Lage, in Umgebungen zu navigieren, die dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind, topologisch ähnlich waren. Das Aufwachsen in Städten mit einer geringen Entropie des Straßennetzes führte zu besseren Ergebnissen auf Videospiel-Ebenen mit einem regelmäßigen Layout, während das Aufwachsen außerhalb von Städten oder in Städten mit einer höheren Entropie des Straßennetzes zu besseren Ergebnissen auf entropischeren Videospiel-Ebenen führte. Jene Menschen also, die in Städten mit einem gitterartigen Straßensystem aufgewachsen sind, haben bei dem Videospiel im Durchschnitt schlechtere Ergebnisse erzielt als jene, die aus ländlicheren Gebieten kamen. Das liegt vor allem daran, dass diese Menschen in ihre Kindheit nicht gezwungen waren, einen starken Orientierungssinn zu entwickeln, denn wenn man als Kind in einer Stadt mit Straßen aufwächst, die in einer Art Gitter oder Raster angelegt sind, muss man keinen besonderen Orientierungssinn entwickeln, denn es genügt die ungefähre Richtung zu kennen, in der das Ziel liegt, um es dann auch zu erreichen. Menschen aus ländlichen Regionen können sich hingegen nicht an die Struktur des Straßennetzes halten und sind daher generell stärker gefordert, schon früh einen ausgeprägten Orientierungssinn zu entwickeln. Die Folge davon ist, das sie sich auch später im Leben in komplexeren Umgebungen besser zurechtfinden können. Dies ist ein Beleg für die Auswirkungen der Umwelt auf die menschliche Kognition auf globaler Ebene und unterstreicht die Bedeutung der Stadtgestaltung für die menschliche Kognition und Gehirnfunktion. Die Unterschiede im räumlichen Orientierungsvermögen sind also nicht angeboren, sondern vielmehr umweltbedingt.

Literatur

Coutrot, A., Manley, E., Goodroe, S., Gahnstrom, C., Filomena, G., Yesiltepe, D., Dalton, R. C., Wiener, J. M., Hölscher, C., Hornberger, M. & Spiers, H. J. (2022). Entropy of city street networks linked to future spatial navigation ability. Nature, doi:10.1038/s41586-022-04486-7.
Stangl, W. (2019, 31. März). Orientierungssinn. [werner stangl]s arbeitsblätter.
https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GESCHLECHT-UNTERSCHIEDE/Geschlecht-Orientierung.shtml
Stangl, W. (2022, 31. Februar). Wie die Gegend, in der man aufgewachsen ist, den Orientierungssinn beeinflusst. arbeitsblätter news.
https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/wie-die-gegend-in-der-man-aufgewachsen-ist-den-orientierungssinn-beeinflusst/.
https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A4umliche_Orientierung (19-11-14)



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