Anstrengungsbereitschaft

Anstrengungsbereitschaft gilt als Teilkomponente der Motivation und ist eine unmittelbare Determinante der Leistungsmotivation. Sie stellt einen wesentlichen Faktor dar, der zum Erfolg in Leistungssituationen beitragen kann und daher auch einen bedeutsamen Stellenwert im Leistungsmotivationsprozess einnimmt. Am Beginn jeden Aufgabenbewältigung steht neben anderen Komponenten daher die Anstrengungsbereitschaft eines Individuums, das von sich aus bereit sein muss, sich für ein bestimmtes Ziel anzustrengen. Anstrengungsbereitschaft bezeichnet dabei ganz allgemein die Bereitschaft, sich in Anforderungssituationen zu engagieren, denn nur so stellen sich anstrengungsbereite Menschen neuen und anstrengenden Aufgaben, d. h., ohne diese Bereitschaft wird Lernen und Weiterentwicklung nicht initiiert.

Um sich Wissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Können und somit Kompetenzen aneignen zu können, bedarf es zahlreicher Anstrengungen und Leistungen, und nur durch ein bestimmtes Maß an Anstrengungsbereitschaft und Motivation können Leistungen in den verschiedenen Ausprägungsformen erbracht werden. Wesentlich ist dabei der wichtige Schritt von der Anstrengungsbereitschaft zur Anstrengungsrealisierung, denn Vorhaben dürfen nicht bei einfachen Lippenbekenntnissen bleiben, sondern müssen konkret umgesetzt werden. Dabei ist es wichtig sich konkrete Ziele zu setzen, die erreichbar sind, also dem individuellen Leistungsniveau angepasst sind, wobei eine Aufgabe ein mittelschweres Ziel haben sollte, das fordernd, aber nicht über- oder unterfordernd ist. Realistische Aufgabenstellungen wirken besonders motivierend, während ein zu leichtes Ziel langweilen und ein zu schwierig erreichbares Ziel Menschen entmutigen oder frustrieren kann.

Viele außergewöhnliche menschliche Fähigkeiten, wie z. B. Lesen, das Beherrschen eines Musikinstruments oder das Programmieren komplexer Software, erfordern Tausende von Stunden Übung und ständige kognitive Anstrengung. Die vorherrschenden wissenschaftlichen Theorien besagen, dass kognitive Anstrengung von vielen als unangenehm empfunden wird und manche Menschen daher versuchen, sie so weit wie möglich zu vermeiden. Es gibt jedoch auch viele Situationen im Alltag, in denen sich Menschen anscheinend freiwillig anstrengen, auch wenn es keine offensichtliche äußere Belohnung gibt. So lösen viele Menschen gerne Sudoku-Rätsel, StudentInnen werden oft durch anspruchsvolle intellektuelle Aufgaben motiviert, und Amateurpianisten können sich stundenlang um Perfektion bemühen, ohne dass es eine äußere Belohnung dafür gibt. In jüngster Zeit haben einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen daher kritisch hinterfragt, ob kognitive Anstrengung immer aversiv sein muss, und argumentiert, dass anspruchsvolle kognitive Tätigkeiten unter bestimmten Umständen als lohnend und wertvoll erlebt werden können.

In einem aktuellen Projekt „Volition und kognitive Kontrolle“ haben Clay et al. (2022) dieser Frage angenommen und untersuchte dabei unter kontrollierten Bedingungen, ob Menschen, die für ihre Anstrengung in einer kognitiven Aufgabe belohnt werden, bereit sind, sich in einer neuen Folgeaufgabe mehr anzustrengen als Menschen in einer Kontrollgruppe, auch wenn sie wissen, dass sie dabei keine weitere Belohnung erhalten werden.

Im ersten Experiment ermittelte man anhand von Herz-Kreislauf-Messungen (Herzaktivität), wie stark sich die Menschen während einer Trainingsphase bei kognitiven Aufgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad anstrengten. In einer Gruppe wurde die Belohnung direkt durch die Anstrengung bestimmt: Wenn sich eine Person bei schwierigen Aufgaben mehr anstrengte, erhielt sie eine höhere Belohnung als bei leichteren Aufgaben, bei denen sie sich wenig anstrengte. In der Kontrollgruppe wurde die Belohnung nach dem Zufallsprinzip zugewiesen und war unabhängig davon, wie viel Mühe jemand investierte. Die angebotene Gesamtbelohnung wurde zwischen den Gruppen konstant gehalten, wobei nur das Verhältnis zwischen Anstrengung und Belohnung manipuliert wurde. Anschließend bearbeiteten alle Probanden und Probandinnen Mathematikaufgaben, bei denen sie den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben selbst wählen konnten. Es zeigte sich dabei, dass Probanden und Probandinnen, die zuvor für ihre Anstrengung belohnt worden waren, anschließend schwierigere Aufgaben als die Probanden der Kontrollgruppe wählten, obwohl sie wussten, dass sie keine externe Belohnung mehr erhalten würden.

Um zu untersuchen, ob sich die Effekte einer anstrengungsabhängigen Belohnung replizieren und verallgemeinern lassen, wurden fünf weitere Experimente online durchgeführt. Dabei erhielten die Probanden und Probandinnen in der Experimentalgruppe für schwierige Aufgaben eine höhere Belohnung als für leichte Aufgaben, unabhängig davon, wie gut sie die Aufgaben lösten. Die Belohnung hing also wieder von der erforderlichen kognitiven Anstrengung und nicht von der Leistung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ab. Auch in einer anschließenden Testphase, in der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Aufgabenschwierigkeit wieder frei wählen konnten, zeigte sich, dass die aufwandsabhängige Belohnung dazu führte, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die schwierigeren Aufgaben bevorzugten, die mehr kognitiven Aufwand erforderten.

Diese Ergebnisse stellen die in den aktuellen Theorien der kognitiven Psychologie und der Neurowissenschaften weit verbreitete Ansicht in Frage, dass Anstrengung immer als unangenehm und kostspielig erlebt wird. Offenbar ist die Annahme, dass Menschen den Weg des geringsten Widerstands gehen wollen, möglicherweise keine inhärente Eigenschaft der menschlichen Motivation. Die Tendenz, herausfordernde Aufgaben zu vermeiden, könnte vielmehr das Ergebnis individueller Lerngeschichten sein, die sich je nach Belohnungsmuster unterscheiden, d. h., wurde vor allem Leistung oder Anstrengung belohnt.

Literatur

Clay, G., Mlynski, C., Korb, F., Goschke, T. & Job V. (2022). Rewarding cognitive effort increases the intrinsic value of mental labour. Proceedings of the National Academy of Science.
Rink, K. (1994). Motivationale und volitionale Determinanten des Leistungshandelns. Aachen: Shaker.



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