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Domestikationssyndrom

Das Domestikationssyndrom beschreibt die dauerhaften Veränderungen, die bei Pflanzen und Tieren infolge ihrer Domestizierung auftreten, wobei diese Veränderungen diese Arten von ihren Vorfahren unterscheiden sollten, die in der Wildnis lebten. Bei Tieren ist die Domestikation die Ursache für die Entwicklung vieler Veränderungen in Aussehen und Verhalten, wobei einige dieser Verhaltensänderungen Zahmheit und erhöhte Fügsamkeit umfassen. Es wird also angenommen, dass die Domestizierung zu korrelierten Reaktionen in der Morphologie, Physiologie und im Verhalten von Tieren führt.

Schon vor 15000 Jahren begann der Mensch, Tiere und Pflanzen zum eigenen Nutzen zu halten, wobei man über Generationen hinweg immer die zahmsten Tiere auswählte und diese züchtete, d. h., im Zuge der Domestikation wurden aus Wildtieren Haus- und Nutztiere gemacht. Neben Verhaltensänderungen zeigten Haustiere auch äußerlich Unterschiede, denn domestizierte Tiere zeigen etwa weiße Flecken im Fell, kürzere Schnauzen, schlappe Ohren, kleinere Zähne und kleinere Gehirne. Diese typischen äußerlichen Veränderungen, die bei nahezu allen Haustieren auftritt, geht offenbar mit der Selektion auf Zahmheit einher, wie der Genetiker Dmitry Belyaev 1959 bewies, als er wilde Füchse zähmte und züchtete, denn das Ergebnis waren soziale, spielfreudige gefleckte Füchse mit Hängeohren, die mit dem Schwanz wedelten.

Das Domestizierungssyndrom wurde zunächst von Charles Darwin untersucht, als er versuchte, eine Theorie der Vererbung zu erstellen, indem er von Menschen gezüchtete Tiere und Pflanzen mit wild lebenden Arten verglich und feststellte, dass domestizierte Tiere bestimmte Merkmale aufwiesen, die vererbbar waren.

An Mäusen entdeckte man in Versuchen ein weiteres Phänomen, nämlich das der Selbstdomestikation. Mäuse, die in einer Scheune gehalten und nicht gezielt auf Zahmheit selektioniert und gezüchtet wurden, da sie lediglich regelmäßigen Kontakt zu Menschen hatten, entwickelten allein durch den häufigen Menschenkontakt typische Domestikationsmerkmale: weiße Flecken im braunen Fell und kürzere Schnauzen. Die Selektion auf Zahmheit geschah ganz nebenbei und unbeabsichtigt, d. h., es kam also zu einem passiven Selektionsprozess. Wegen des häufigen Menschenkontaktes verließen ängstliche Tiere offenbar eher die Umgebung des Menschen, in diesem Fall die Scheune, während zahme Individuen blieben, da ihnen der Kontakt zum Menschen weniger ausmachte. Da Zahmheit vermutlich an die Nachkommen vererbt wird, wird die gesamte Population in der Scheune mit der Zeit im Durchschnitt zahmer.

Neuere Untersuchungen stellen allerdings etwa für Hunde das Domestikationssyndrom infrage, bei denen bekanntlich eine verminderte Aggressivität sowie geringere Furch vor den Menschen, ein erhöhter Spieltrieb und ein sozialeres Wesen behauptet werden, was nicht verwunderlich ist, denn Aussehen, Verhalten und Hormone liegen genetisch gesehen eng beisammen.

Hansen Wheat et al. (2019) haben nun untersucht, ob dieses Domestikationssyndrom wirklich gekoppelt auftritt und ob es bei neueren Hundezüchtungen genauso zu finden ist, wie bei den urtümlicheren Hunderasse. Dazu wurden Verhaltensdaten von verschiedene Hunderassen mittels standardisierter Tests aufgenommen, um eindeutige Rückschlüsse ziehen zu können. Dabei waren die unterschiedlichsten Hunderassen von Akita Inu bis hin zu Chihuahua und Mastiff in urtümliche und moderne Hunderassen gegliedert. In dieser Studie hat man die Stärke und Richtung der Verhaltenskorrelationen zwischen den wichtigsten prosozialen (Geselligkeit, Verspieltheit) und reaktiven (Ängstlichkeit, Aggression) Verhaltensweisen, die beim Domestikationssyndrom eine Rolle spielen, bei 76.158 Hunden aus 78 registrierten Rassen untersucht. In Übereinstimmung mit der Hypothese des Domestizierungssyndroms zeigten die Verhaltenskorrelationen innerhalb der prosozialen und reaktiven Kategorien die erwartete Richtungsspezifität zwischen den Hunden. Die Stärke der Korrelation variierte jedoch zwischen Hunderassen, die frühe (alte) und späte (moderne) Stadien der Domestizierung repräsentieren, wobei alte Rassen im Vergleich zu modernen Rassen übertriebene Korrelationen bei prosozialen und reaktiven Verhaltensweisen aufwiesen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Reihe von korrelierten Verhaltensweisen während der Domestizierung des Hundes zeitlich entkoppelt wurden und dass die jüngsten Verschiebungen des Selektionsdrucks bei modernen Hunderassen die Ausprägung domestizierungsbezogener Verhaltensweisen unabhängig voneinander beeinflussen.

Bei der Wahl eines Hundes achten die meisten Menschen in erster Linie auf die Rasse, die jedoch nur in geringem Ausmaß das Verhalten der Tiere bestimmt, d. h., die Persönlichkeiten der Tiere sind selbst innerhalb einer Rasse bei jedem Hund verschieden. Nach einer Untersuchung von Morrill et al. (2022) ist das Verhalten bei einzelnen Hunden sehr viel variabler, d. h., die Vererbbarkeit physischer Merkmale ist ein besserer Prädiktor für die Rasse, aber nicht unbedingt ein Prädiktor für die Abstammung von gemischten Rassen. Unter den Verhaltensmerkmalen war die Kommandofähigkeit, d. h., wie gut Hunde auf menschliche Kommandos reagieren, am stärksten nach Rasse vererbbar, variierte jedoch erheblich zwischen den Hunden. Daher ist die Hunderasse im Allgemeinen ein schlechter Prädiktor für individuelles Verhalten und sollte nicht als Entscheidungsgrundlage für die Auswahl eines Hundes dienen.

Literatur

Hansen Wheat, Christina, Fitzpatrick, John L., Rogell, Björn & Temrin, Hans (2019). Behavioural correlations of the domestication syndrome are decoupled in modern dog breeds. Nature Communications, 10, doi:10.1038/s41467-019-10426-3.
Morrill, Kathleen, Hekman, Jessica, Li, Xue, McClure, Jesse, Logan, Brittney, Goodman, Linda, Gao, Mingshi, Dong, Yinan, Alonso, Marjie, Carmichael, Elena, Snyder-Mackler, Noah, Alonso, Jacob, Noh Hyun, Ji, Johnson, Jeremy, Koltookian, Michele, Lieu, Charlie, Megquier, Kate, Swofford, Ross, Turner-Maier, Jason, White, Michelle E., Weng, Zhiping, Colubri, Andrés, Genereux, Diane P., Lord, Kathryn A. & Karlsson, Elinor K. (2022). Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes. Science, 376, doi:10.1126/science.abk0639. Stangl, W. (2022, 29. April). Zusammenhang zwischen Hunderasse und Verhalten. Stangl notiert ….
https://notiert.stangl-taller.at/zeitgeistig/zusammenhang-zwischen-hunderasse-und-verhalten/.



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