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Blickrichtungsdiagnostik

Angeblich ist das Erkennen von Augenbewegungsmustern im Gegensatz zu anderen nonverbalen Signalen, die sich auch in anderen Kommunikationsansätzen finden, eine originäre Neuentdeckung von Bandler und Grinder, den Begründern des Neuro-Linguistischen Programmierens. Beide haben angeblich in ihren Untersuchungen festgestellt, dass kurze, unbewusste Bewegungen der Augen in verschiedene Richtungen Aufschluss darüber geben können, aus welchem Repräsentationssystem gerade Informationen abgerufen werden. Die Personen zeigten jeweils typische Augenstellungen, wenn sie sich mental in einem bestimmten Sinnessystem (Repräsentationssystem) bewegten, sodass aus zahlreichen weiteren Untersuchungen schließlich ein Augenbewegungsmusterschema entstand, das nach Meinung von Bandler und Grinder sogar völlig unabhängig von der kulturellen Herkunft des Menschen seine Gültigkeit besitzen soll. Die Augenbewegung während eines Gesprächs können verraten, so nun die NLP-Theorie, mit welchem Typus von Menschen man es zu tun hat. Schaut jemand beim Sprechen immer wieder nach links oder rechts, so sei das ein Hinweis auf einen auditiven Menschen, denn ein Blick nach rechts heißt, dass er sich an Worte erinnert, während er sich bei einem Blick nach links eher Worte vorstellt. Im Fall eines Bewerbungsgesprächs, bei dem ein Kandidat nach oben schaut, verrät das dem Personaler, dass sein Kandidat versucht, Bilder abzurufen, ist also ein visueller Typus. Allerdings gibt es keinerlei empirische Belege, die die Annahmen belegen und diesen Ansatz der Blickrichtungsdiagnostik valide begründen könnten.

So geht auch die These, dass sich Lügner durch ihre Augenbewegungen verraten, auf die umstrittene Technik des Neuro-Linguistischen Programmierens zurück. Die Theorie hinter der Technik geht davon aus, dass sich Vorgänge im Gehirn mit Hilfe der Sprache durch systematische Handlungsanweisungen ändern lassen. Es gibt sogar Kommunikationskurse, in denen Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, die Verhaltensweisen ihres Gegenübers anhand bestimmter Regeln zu analysieren, sodass sich unter NLP-Anhänger die Grundregel verbreitet hat, dass wenn ein Mensch die Wahrheit, er nach links blickt, lügt er hingegen, bewegen sich seine Augen nach rechts. Vor allem bei Rechtshändern soll der Zusammenhang zwischen Lüge und Blickrichtung besonders eng verknüpft sein.

Uwe P. Kanning hat sich in seiner Kolumne über Mythen und Missstände im Bereich der psychologischen Führung, Personalauswahl und Personalentwicklung mit dem Mythos auseinandergesetzt, dass man Lügner an deren Blickrichtung erkennen könnte. Schaut jemand aus der Perspektive eines Interviewers betrachtet nach links, so ist er der Lüge überführt. In einem Laborexperiment wurden Probanden gebeten, in ein Büro zu gehen und dort einen Gegenstand an einer bestimmten Stelle abzulegen. Dabei wurden sie gefilmt. Später wurden sie aufgefordert, einer anderen Person von den Ereignissen im Büro zu berichten und dabei entweder zu lügen oder die Wahrheit zu sagen. Ergebnis: Probanden, die lügen, schauten nicht häufiger nach links als solche, die die Wahrheit sagten. In einem Feldexperiment wurde das Blickrichtungsverhalten von Menschen untersucht, die sich über die Medien an die Entführer eines Familienangehörigen wenden. Dabei wurde unterschieden zwischen Menschen, die sich tatsächlich an reale Entführer wendeten, oder aber im Nachhinein selbst als Täter oder Mittäter der Entführer enttarnt wurden. Ergebnis: Diejenigen, die vor der Kamera logen, schauten nicht häufiger nach links. Es gibt keine Studien, die zeigen, dass es sinnvoll wäre, einen Blick nach links als Ausdruck unwahrer Antworten zu interpretieren. In einigen neueren Experiment wiesen Wiseman et al. (2012) nach, dass die Augenbewegungen beim Lügen zwar etwas mit geistiger Anstrengung zu tun haben, etwa dem Abrufen von Wissen oder dem Rekapitulieren einer Geschichte, sie sind aber nicht spezifisch für Lügen. Wer allerdings an die Blickrichtungsdiagnostik glaubt, der wird insbesondere bei Interviews von Menschen, die ihm irgendwie dubios erscheinen, auf die Blickrichtung achten und natürlich wird der Bewerber früher oder später nach links schauen. Zufrieden nimmt der Interviewer zur Kenntnis, dass ihn sein Bachgefühl nicht getäuscht hat und hält den merkwürdigen Bewerber bereits jetzt für einen Lügner. Bei den nächsten Fragen achtet er noch stärker auf den Blick nach links und drängt den Interviewten damit immer weiter in die zurechtgebastelte Schublade. Bei Menschen, denen der Interviewer hingegen wohlgesonnen ist, achtet er weniger auf den Blick nach links oder interpretiert ihn korrekt als Zufallsereignis. Je häufiger ein Interviewer diesen Prozess durchläuft, desto größer wird die Resistenz seiner Erwartung gegenüber der Realität und irgendwann wird die Erwartung zur Gewissheit. Allerdings ist die Entwicklung dieses Verhaltens nur das Ergebnis einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Trotz unzähliger Versuche bleibt es im Grunde generell schwer bis unmöglich, an der Körpersprache abzulesen, ob ein Mensch lügt oder die Wahrheit sagt. Ein bestimmtes Verhalten, das immer einen Lügner entlarvt, gibt es daher nicht. Wer einen Lügner an seinem Verhalten erkennen möchte, sollte vielmehr auf Unregelmäßigkeiten achten, den oft verraten sich Lügner durch Abweichungen von ihrem gewohnten Verhaltensmuster. Siehe dazu Nonverbale Anzeichen für Lügen.

Literatur

Stangl, W. (2011). Nonverbale Anzeichen für Lügen. Werner Stangls Arbeitsblätter-News.
WWW: https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/nonverbale-anzeichen-fur-lugen/ (11-12-02)
Wiseman, R., Watt, C., ten Brinke, L., Porter, S., Couper, S.-L., et al. (2012). The Eyes Don’t Have It: Lie Detection and Neuro-Linguistic Programming. PLoS ONE 7(7): e40259. doi:10.1371/journal.pone.0040259.
https://www.haufe.de/personal/hr-management/nur-ein-mythos-blickrichtung-der-luegner_80_554648.html (21-11-03)



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