absolutes Gehör

    Als absolutes Gehör oder Tonhöhengedächtnis wird die Fähigkeit mancher Menschen bezeichnet, ohne Vergleichston einen einzelnen Ton exakt benennen zu können, und zwar unabhängig von den Begleitumständen. Weitgehend ungeklärt ist, welche neuronalen Merkmale dies ermöglichen und welche Funktionen im Gehirn dazu benötigt werden. Früher vermutete man, dass diese Fähigkeit angeboren und nicht erlernbar ist, doch besitzen vermutlich alle Menschen zu Beginn ihres Lebens die Fähigkeit, Tonhöhen genau erkennen zu können, nur verlernen sie diese Fähigkeit meist in den ersten Lebensmonaten. Studien deuten nämlich darauf hin, dass diese Fähigkeit bei Babys weit häufiger vorkommt und erst anschließend verkümmert, da kaum ein Kind diese später nutzt. Kinder bis zu einem Alter von sieben bis acht Jahren können wie viele berühmte MusikerInnen und Komponisten ihr absolutes Gehör ausbilden, doch danach, wenn siw Sprachentwicklung abgeschlossen ist, verliert sich meist das absolute Gehör.

    Heute nimmt man an, dass etwa vierzig Prozent der musikalischen Leistungsfähigkeit genetisch bedingt ist, doch um als echte Kompetenz entwickelt zu werden, braucht es eine frühe Förderung, etwa ein unterstützendes Elternhaus, LehrerInnen und natürlich auch eine Persönlichkeit, die das richtige Ausmaß an Gefühl und Motivation mitbringt. Das absolute Gehör kann dabei innerhalb eines kritischen Zeitfensters im Alter von bis zu 6 Jahren durch musikalische Erfahrung bewusst oder unbewusst erlernt und gefördert werden, d. h., im Erwachsenenalter lässt sich die Fähigkeit dann nicht mehr erlernen, sondern nur noch das relative Gehör schulen, also die Fähigkeit, einen Ton anhand eines gegebenen Bezugspunktes zu bestimmen.

    Neurologisch betrachtet sind bei AbsoluthörerInnen Teile des Hörzentrums im Gehirn um die Hälfte größer als bei Menschen ohne absolutes Gehör, auch schalten sich bei ihnen Neuronen benachbarter Hirnareale ein, wenn sie einen Ton hören, sodass sie gehörte Töne sehr schnell und präzise bestimmen können.

    Das absolute Gehör kommt beim Menschen in gewissen Ethnien häufiger vor als bei anderen, wobei man den Grund in der Sprache vermutet, denn tonale Sprachen, bei denen Melodiekontur und Tonhöhe eine besondere Bedeutung kodieren, fördern den Erhalt des absoluten Gehörs und das verankert sich auch in den Genen. Dabei ist Chinesisch eine solche Sprache, denn dieser Effekt lässt sich noch bei Menschen mit chinesischer Herkunft beobachten, obwohl sie in den USA mit der englischen Sprache aufgewachsen sind.

    Im Tierreich gibt es übrigens ebenfalls Absoluthörer, denn eine Fledermaus kann man ohne Schwierigkeiten dressieren, ein b von einem Fis zu unterscheiden.

    Menschen mit der genetisch bedingten Erkrankung des Williams-Beuren-Syndroms lieben Musik, merken sich Lieder und Melodien gut und besitzen ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, was vermutlich an einer starken Ausprägung der linken Hörrinde, die für zeitliche Präzision und Rhythmusgefühl zuständig ist, liegen dürfte. Solche Kinder sind daher sehr geräuschempfindlich, zum Teil sogar überempfindlich, wobei viele von ihnen ziemlich sicher ein absolutes Gehör besitzen.

    Literatur

    McKetton, L., DeSimone, K. & Schneider, K. A. (2019). Larger Auditory Cortical Area and Broader Frequency Tuning Underlie Absolute Pitch. Journal of Neuroscience, 39, 2930-2937.
    Stangl, W. (2017). Stichwort: ‘Williams-Beuren-Syndrom’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
    WWW: https://lexikon.stangl.eu/14732/williams-beuren-syndrom/ (17-01-17)
    https://de.wikipedia.org/wiki/Absolutes_Geh%C3%B6r (17-11-17)
    https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/musik-und-gehirn-forschung-das-wichtigste-erklaert-von-eckart-altenmueller-100.html (18-01-23)
    https://www.br.de/wissen/absolutes-gehoer-musik-hoeren-100.html (19-02-18)


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