Als absolutes Gehör (engl. absolute pitch) oder Tonhöhengedächtnis wird die Fähigkeit mancher Menschen bezeichnet, ohne Vergleichston einen einzelnen Ton exakt benennen zu können, und zwar unabhängig von den Begleitumständen. Menschen mit absolutem Gehör genannt, können daher einen beliebigen Ton ohne vorherige Referenz korrekt benennen oder selbst erzeugen, ob es nun das Klingeln eines Glöckchens ist, das Schwingen einer Saite auf der Bratsche oder das Pfeifen eines Spaziergängers, Absoluthörer wissen sofort: „Fis! C! B!“ Menschen mit absolutem Gehör spüren intuitiv, welcher Ton gerade erklingt, ganz so, wie ein Normalsichtiger jegliche Farbe benennen kann. Zwischen 0,01 und 1 Prozent der Menschen verfügen über ein absolutes Gehör. In Abgrenzung dazu wird das relative Gehör unterschieden, d. h., Relativhörer sind in der Lage, nur mithilfe eines Referenztons das Intervall zum nachfolgenden Ton richtig zuzuordnen.

Weitgehend ungeklärt ist, welche neuronalen Merkmale dies ermöglichen und welche Funktionen im Gehirn dazu benötigt werden. Früher vermutete man, dass diese Fähigkeit angeboren und nicht erlernbar ist, doch besitzen vermutlich alle Menschen zu Beginn ihres Lebens die Fähigkeit, Tonhöhen genau erkennen zu können, nur verlernen sie diese Fähigkeit meist in den ersten Lebensmonaten. Studien deuten nämlich darauf hin, dass diese Fähigkeit bei Babys weit häufiger vorkommt und erst anschließend verkümmert, da kaum ein Kind diese später nutzt. Kinder bis zu einem Alter von sieben bis acht Jahren können wie viele berühmte MusikerInnen und Komponisten ihr absolutes Gehör ausbilden, doch danach, wenn die Sprachentwicklung abgeschlossen ist, verliert sich meist das absolute Gehör. Wolfgang Amadeus Mozart etwa, der ein absolutes Gehör besaß, war als Kind an Pianoforte und Geige regelrecht gedrillt worden, d. h., seine Fähigkeiten waren vor allem ein Trainingsprodukt des ehrgeizigen Vaters Leopold, der den Sohn mit zuweilen fragwürdigen Methoden angetrieben hat. Dem Vater ist es in erster Linie darum gegangen, mit seinen beiden Wunderkindern, Tochter Nannerl war eine hoch veranlagte Pianistin , Geld zu verdienen. So musste Wolfgangl als Siebenjähriger zur Unterhaltung wohlhabender Gastgeber auftreten wie eine Zirkusattraktion und die Töne aus einem Nachbarzimmer am Klang erraten.

Heute nimmt man an, dass etwa vierzig Prozent der musikalischen Leistungsfähigkeit genetisch bedingt ist, doch um als echte Kompetenz entwickelt zu werden, braucht es eine frühe Förderung, etwa ein unterstützendes Elternhaus, LehrerInnen und natürlich auch eine Persönlichkeit, die das richtige Ausmaß an Gefühl und Motivation mitbringt. Das absolute Gehör kann dabei innerhalb eines kritischen Zeitfensters im Alter von bis zu 6 Jahren durch musikalische Erfahrung bewusst oder unbewusst erlernt und gefördert werden, d. h., im Erwachsenenalter lässt sich die Fähigkeit dann nicht mehr erlernen, sondern nur noch das relative Gehör schulen, also die Fähigkeit, einen Ton anhand eines gegebenen Bezugspunktes zu bestimmen.

Neurologisch betrachtet sind bei AbsoluthörerInnen Teile des Hörzentrums im Gehirn um die Hälfte größer als bei Menschen ohne absolutes Gehör, auch schalten sich bei ihnen Neuronen benachbarter Hirnareale ein, wenn sie einen Ton hören, sodass sie gehörte Töne sehr schnell und präzise bestimmen können. Daher sind die für die akustische Reizverarbeitung verantwortlichen Areale im Gehirn von Musikern deutlich besser vernetzt sind als bei der unmusikalischen Menschen.

Das absolute Gehör kommt beim Menschen in gewissen Ethnien häufiger vor als bei anderen, wobei man den Grund in der Sprache vermutet, denn tonale Sprachen, bei denen Melodiekontur und Tonhöhe eine besondere Bedeutung kodieren, fördern den Erhalt des absoluten Gehörs und das verankert sich auch in den Genen. Förderlich für die Ausbildung eines absolutes Gehörs ist daher eine tonale Muttersprache wie Mandarin oder Thai, denn diese Tonsprachen zeichnet aus, dass Worte oder Laute bei gleicher Schreibung eine andere Bedeutung erhalten, wenn sie ein wenig anders ausgesprochen werden. Im Hochchinesischen ist es etwa möglich, einen Vokal auf fünf verschiedene Arten wiederzugeben, wobei dich dieser Effekt noch bei Menschen mit chinesischer Herkunft beobachten lässt, obwohl sie in den USA mit der englischen Sprache aufgewachsen sind.

Im Tierreich gibt es übrigens ebenfalls Absoluthörer, denn eine Fledermaus kann man ohne Schwierigkeiten dressieren, ein b von einem Fis zu unterscheiden.

Menschen mit der genetisch bedingten Erkrankung des Williams-Beuren-Syndroms lieben Musik, merken sich Lieder und Melodien gut und besitzen ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, was vermutlich an einer starken Ausprägung der linken Hörrinde, die für zeitliche Präzision und Rhythmusgefühl zuständig ist, liegen dürfte. Solche Kinder sind daher sehr geräuschempfindlich, zum Teil sogar überempfindlich, wobei viele von ihnen ziemlich sicher ein absolutes Gehör besitzen.

Menschen mit absolutem Gehör gelten als hypersensibel bei akustischen Reizen, so fühlen sie sich bei einem um einen Halbton verschobenen Ton in eine emotional unangenehme Lage versetzt, was sich auch mittels Elektroenzephalografie nachweisen ließ. So empfinden Absoluthörer, die in einem Orchester spielen, die verstimmte Klarinette eines einzelnen Ensemblemitglieds schnell als störend und werden dadurch vom Zusammenspiel im Tutti abgelenkt.

Literatur

Jäger, A. (2021). Das absolute Gehör ist eine Gabe – und eine Last.
WWW: https://www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/absolutes-gehoer-zwischen-begabung-und-belastung-17689229.html (21-12-25)
McKetton, L., DeSimone, K. & Schneider, K. A. (2019). Larger Auditory Cortical Area and Broader Frequency Tuning Underlie Absolute Pitch. Journal of Neuroscience, 39, 2930-2937.
Stangl, W. (2017). Stichwort: ‚Williams-Beuren-Syndrom‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/14732/williams-beuren-syndrom/ (17-01-17)
https://de.wikipedia.org/wiki/Absolutes_Geh%C3%B6r (17-11-17)
https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/musik-und-gehirn-forschung-das-wichtigste-erklaert-von-eckart-altenmueller-100.html (18-01-23)
https://www.br.de/wissen/absolutes-gehoer-musik-hoeren-100.html (19-02-18)