Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Hier finden Sie die Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten.

Zeitwahrnehmung


Wunderliches Wort „die Zeit vertreiben“!
Sie zu halten wäre das Problem.
Rainer Maria Rilke

Zeitwahrnehmung ist ein unscharfer Sammelbegriff für kognitive Phänomene wie Zeitgefühl, Zeitbewusstsein, Zeitsinn, Gleichzeitigkeit bzw. Nacheinander, subjektive Zeit und Zeitqualität. Aus psychologischer Sicht kommt dabei dem Zeitgefühl ein besonderer Rang zu, denn die gefühlte Zeit bestimmt die Entscheidungen der Menschen im Alltag. Gefühlte Zeit bestimmt aber auch das Verhältnis eines Menschen zum Älterwerden, wobei die Erfahrung von Zeit etwas über den Menschen selbst aussagt, denn Zeitgefühl reflektiert deren Lebensweise und Selbst.

Menschen besitzen bekanntlich kein eigenes Organ für das Zeitempfinden, sodass die Zeitwahrnehmung auf zwei Ebenen erfolgt, und zwar einerseits durch die aktuelle Wahrnehmung und andererseits die Erinnerung an Vergangenes. Je mehr Menschen auf die Zeit achten, etwa in Form von Langeweile, desto langsamer scheint die Zeit in der Wahrnehmung zu vergehen, jedoch in der Rückschau werden intensive Erlebnisse wie eine Urlaubsreise viel ausgedehnter erlebt als die Alltagsroutinen.

Bei Tieren wurde nachgewiesen, dass Neuronen, die Dopamin ausschütten, die subjektive Zeitempfindung beeinflussen, sodass das subjektives Zeitgefühl vermutlich auch beim Menschen nicht nur eine psychologischer Kategorie darstellt, sondern auch eine neuronale Basis besitzt. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei der individuellen Zeitwahnehmung das Körpergefühl eine zentrale Rolle spielt, wobei Selbstwahrnehmung und Zeiterleben vermutlich untrennbar miteinander verbunden sind. So fand man schon sehr früh heraus, dass bei Menschen durch die erhöhte physiologische Aktivität wie etwa bei Fieber die innere Uhr schneller abläuft, was die Zeit subjektiv betrachtet dehnt. Psychologisch betrachtet folgt die gefühlte Zeit daher auch insgesamt anderen Gesetzen als die messbare, wobei sich das Zeitgefühl in den verschiedenen Lebensabschnitten verändert, denn je älter Menschen sind, desto kürzer erscheinen ihnen die vergangenen Jahre ihres Lebens, und erst ab etwa sechzig Jahren verlangsamt sich die gefühlte Zeit wieder.

Das menschliche Zeitempfinden wird von Signalen des Körpers, der Aufmerksamkeit und den Gefühlen gesteuert. Das menschliche Zeitempfinden ist dabei äußerst komplex, denn es gibt kein Sinnesorgan, das die Gegenwart von der Vergangenheit und der Zukunft trennt. Schon in der Antike unterschied man die messbare Zeit von der gefühlten und wies ihnen zwei Gottheiten zu: Chronos und Kairos.

Auch kleine Kinder besitzen noch kein Zeitgefühl, denn dieses Verständnis bildet sich erst etwa im Alter von fünf bis sieben Jahren aus. Zeit ist für Kinder vorwiegend etwas Abstraktes, während für sie Gegenstände, die sie direkt wahrnehmen können, früher begriffen werden. Oft versinken Kinder total in einer Aktivität und bemerkten dabei gar nicht die Zeit, die verstreicht. Daher sind die Eltern bzw. Erwachsenen gefordert, im Umgang mit Kindern dieses fehlende bzw. noch unausgereifte Zeitgefühl zu berücksichtigen. So kann man schon Vorschulkindern mithilfe von konkreten Erfahrungen bestimmte Zeitspannen erklären, denn Kinder verstehen Zeitspannen besser, wenn sie etwas mit konkreten Erfahrungen verbinden können.

Unter einer Zeitgitterstörung versteht man den Verlust der korrekten zeitlichen Ordnung des Erinnerungsgefüges bzw. die mangelnde Zuordnung biografischer Ereignisse zur eigenen Person, wie sie vor allem bei seniler Demenz auftritt.


Zeitwahrnehmung und Farben

Bei der Arbeit und im Alltag ist es wichtig, realistisch einschätzen zu können, wie lange ein bestimmter Vorgang dauert, denn ohne eine genaue Zeitwahrnehmung kann man tägliche Abläufe nur schwer bewältigen. Wie lange die Dauer bestimmter Reize bewertet wird, hängt von vielen Faktoren ab, etwa von seiner Größe, seiner Form oder seiner Bewegung. Auch kommt es darauf an, wie stark die Wahrnehmung eines bestimmten Gegenstandes einen Menschen dabei mental aktiviert (Arousal). Thönes et al. (2018) haben nun unter kontrollierten Bedingungen die Effekte von Farbtönen auf die Wahrnehmung von Zeit untersucht, denn man ging bisher davon aus, dass etwa der Farbton Rot stärker geistig erregt als Blau, da Rot häufig mit Gefahr verbunden wird. Das sollte also dazu führen, dass Menschen rote Reize zeitlich überschätzen bzw. als länger wahrnehmen als blaue Stimuli. Hinzu kommt jedoch, dass die Wahrnehmung einer Farbe nicht nur vom Farbton abhängt, sondern auch von der Helligkeit und der Farbsättigung. In der neuen Studie hat man sich dabei auf die Farben Blau und Rot konzentriert, also die Extrema des für den Menschen sichtbaren Lichtspektrums. Die ProbandInnen mussten in mehreren Sitzungen Aufgaben am Computer erledigen, wobei ihnen zwei schnell aufeinanderfolgende Kreise von unterschiedlicher Dauer (zwischen 300 und 700 Millisekunden) präsentiert wurden, die jeweils entweder blau oder rot waren, und sollten einschätzen, welcher Kreis länger angezeigt wurde. Vor und nach jeder Sitzung wurden die ProbandInnen zusätzlich befragt, wie stark aktivierend die beiden im Experiment verwendeten Farbreize auf sie wirken. Es zeigte sich überraschender Weise, dass die ProbandInnen die Dauer des blauen und nicht, wie Ergebnisse früherer Studien hatten vermuten ließen, die des stärker erregenden roten Reizes überschätzten. Blaue Reize wurden also im Vergleich zu roten als länger andauernd wahrgenommen. Die Befragung der Versuchspersonen hatte jedoch auch gezeigt, dass der rote Farbton zu einer wesentlich stärkeren mentalen Aktivierung führte als der blaue. Diese Ergebnisse werfen nun die Frage auf, ob das Konzept der kognitiven Erregung die Zeitwahrnehmung tatsächlich so stark beeinflusst, wie bislang vermutet, oder ob andere Faktoren eine weitere Rolle spielen.

Literatur

Stangl, W. (2014). Stichwort: ‘Zeitgitterstörung’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/6228/zeitgitterstoerung/ (2014-11-18)
Stangl, W. (2014). Gehirn und Zeit. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/GehirnZeit.shtml (2014-11-18).
Stangl, W. (2014). Stichwort: ‘Zeitempfinden’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/18468/zeitempfinden/ (2014-11-18)
Thönes, S., von Castell, C., Iflinger, J. & Oberfeld, D. (2018). Color and time perception: Evidence for temporal overestimation of blue stimuli. Scientific Reports, doi:10.1038/s41598-018-19892-z.


Weitere Seiten zum Thema

Sorry, comments for this entry are closed at this time.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu



© Werner Stangl Linz 2020
/p> ............... ...............