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Zeitwahrnehmung


Zeitwahrnehmung ist ein unscharfer Sammelbegriff für kognitive Phänomene wie Zeitgefühl, Zeitbewusstsein, Zeitsinn, Gleichzeitigkeit bzw. Nacheinander, subjektive Zeit und Zeitqualität. Aus psychologischer Sicht kommt dabei dem Zeitgefühl ein besonderer Rang zu, denn die gefühlte Zeit bestimmt die Entscheidungen der Menschen im Alltag. Gefühlte Zeit bestimmt aber auch das Verhältnis eines Menschen zum Älterwerden, wobei die Erfahrung von Zeit etwas über den Menschen selbst aussagt, denn Zeitgefühl reflektiert deren Lebensweise und Selbst.

Menschen besitzen bekanntlich kein eigenes Organ für das Zeitempfinden, sodass die Zeitwahrnehmung auf zwei Ebenen erfolgt, und zwar einerseits durch die aktuelle Wahrnehmung und andererseits die Erinnerung an Vergangenes. Je mehr Menschen auf die Zeit achten, etwa in Form von Langeweile, desto langsamer scheint die Zeit in der Wahrnehmung zu vergehen, jedoch in der Rückschau werden intensive Erlebnisse wie eine Urlaubsreise viel ausgedehnter erlebt als die Alltagsroutinen.

Bei Tieren wurde nachgewiesen, dass Neuronen, die Dopamin ausschütten, die subjektive Zeitempfindung beeinflussen, sodass das subjektives Zeitgefühl vermutlich auch beim Menschen nicht nur eine psychologischer Kategorie darstellt, sondern auch eine neuronale Basis besitzt. Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei der individuellen Zeitwahnehmung das Körpergefühl eine zentrale Rolle spielt, wobei Selbstwahrnehmung und Zeiterleben vermutlich untrennbar miteinander verbunden sind. So fand man schon sehr früh heraus, dass bei Menschen durch die erhöhte physiologische Aktivität wie etwa bei Fieber die innere Uhr schneller abläuft, was die Zeit subjektiv betrachtet dehnt. Psychologisch betrachtet folgt die gefühlte Zeit daher auch insgesamt anderen Gesetzen als die messbare, wobei sich das Zeitgefühl in den verschiedenen Lebensabschnitten verändert, denn je älter Menschen sind, desto kürzer erscheinen ihnen die vergangenen Jahre ihres Lebens, und erst ab etwa sechzig Jahren verlangsamt sich die gefühlte Zeit wieder.

Das menschliche Zeitempfinden wird von Signalen des Körpers, der Aufmerksamkeit und den Gefühlen gesteuert. Das menschliche Zeitempfinden ist dabei äußerst komplex, denn es gibt kein Sinnesorgan, das die Gegenwart von der Vergangenheit und der Zukunft trennt. Schon in der Antike unterschied man die messbare Zeit von der gefühlten und wies ihnen zwei Gottheiten zu: Chronos und Kairos.

Auch kleine Kinder besitzen noch kein Zeitgefühl, denn dieses Verständnis bildet sich erst etwa im Alter von fünf bis sieben Jahren aus. Zeit ist für Kinder vorwiegend etwas Abstraktes, während für sie Gegenstände, die sie direkt wahrnehmen können, früher begriffen werden. Oft versinken Kinder total in einer Aktivität und bemerkten dabei gar nicht die Zeit, die verstreicht. Daher sind die Eltern bzw. Erwachsenen gefordert, im Umgang mit Kindern dieses fehlende bzw. noch unausgereifte Zeitgefühl zu berücksichtigen. So kann man schon Vorschulkindern mithilfe von konkreten Erfahrungen bestimmte Zeitspannen erklären, denn Kinder verstehen Zeitspannen besser, wenn sie etwas mit konkreten Erfahrungen verbinden können.

Unter einer Zeitgitterstörung versteht man den Verlust der korrekten zeitlichen Ordnung des Erinnerungsgefüges bzw. die mangelnde Zuordnung biografischer Ereignisse zur eigenen Person, wie sie vor allem bei seniler Demenz auftritt.

Literatur

Stangl, W. (2014). Stichwort: ‘Zeitgitterstörung’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/6228/zeitgitterstoerung/ (2014-11-18)
Stangl, W. (2014). Gehirn und Zeit. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/GehirnZeit.shtml (2014-11-18).
Stangl, W. (2014). Stichwort: ‘Zeitempfinden’. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/18468/zeitempfinden/ (2014-11-18)


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