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Vergessen

    Vergessen ist schwieriger als Erinnern.
    W. S.

    Ein gutes Gedächtnis gilt für viele Menschen als eine der Kernkompetenzen für sozialen und beruflichen Aufstieg, aber auch für Kulturfähigkeit, d. h., nach dieser Maxime ist Erinnern für den Menschen gut, Vergessen aber schlecht. Vergessen ist jedoch eine wichtige Form der Anpassung, um dem Gedächtnis zu helfen, nur die Dinge zu behalten, die wirklich relevant sind. Das menschliche Gedächtnis dient nicht allein dazu, Informationen über lange Zeit zu erhalten, sondern Erinnerungen sind in erster Linie dazu da, eine Grundlage für Entscheidungen zu liefern. Daher ist ein Gleichgewicht von vergessenen und gespeicherten Informationen optimal, denn dadurch passen sich Menschen an neue Situationen besser an, werden flexibler und können Zusammenhänge erkennen. Ein wesentliches Merkmal des Gedächtnisses ist daher eine permanente Priorisierung der gespeicherten Informationen, um diese im konkreten Fall anwenden zu können. Siehe dazu gerichtetes Vergessen.

    Beim Vergessen spielen zwei Phänomene eine zentrale Rolle: das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Damit sich eine Erinnerung festigen kann, muss sie vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis transportiert werden (Konsolidierung), wobei die Konsolidierung ein dynamischer Prozess ist. Wenn die Erinnerung wieder hervorgerufen wird, wird sie im Kurzzeitgedächtnis neu aktiviert, aber um dann wieder ins Langzeitgedächtnis übertragen zu werden, muss sie aufs Neue konsolidiert werden (Rekonsolidierung). Während der Rekonsolidierung kann die Erinnerung verändert werden und kann theoretisch dabei auch vergessen werden.

    Vergessen ist übrigens auch kein Verschwinden der Erinnerungen, sondern eher ein Verstauen in der hintersten Gedankenschublade, an die man nur noch schwer herankommt. Damit man etwas organisch vergessen kann, müssten sich die Nervennetzwerke so verändern, dass ein Aktivitätsmuster, also die Erinnerung, nicht mehr ausgelöst werden kann. Meist aber bauen sich nur die Kontaktstellen so um, dass die Möglichkeit verloren geht, dieses Gedankenmuster wieder hervorzurufen (Interferenztheorie).

    Auch hilft das Vergessen dabei, dass Menschen weniger abgelenkt sind und sich besser konzentrieren können. Vergessen ist daher auch eine positive Eigenschaft des Gedächtnisses, denn einige wenig Menschen ohne diese Kompetenz hatte Probleme mit der Bewältigung des Lebens, etwa wie der Mathematiker John von Neumann, der alles, was er gelesen hatte, danach memorieren konnte. Als Sechsjähriger konnte er achtstellige Zahlen im Kopf dividieren, d. h., er besaß ein fotografisches Gedächtnis, das ihm später erlaubte, den Inhalt einer Buchseite nach einem kurzen Blick darauf präzise wiederzugeben. Vergessen zu können ist daher auch ein evolutionärer Vorteil, denn das Versinken des wenig Relevanten, des Unangenehmen, bereitet den Boden für eine individuelle Zukunftsorientierung bzw. ermöglicht den Menschen überhaupt, in voller Denkfähigkeit im Hier und Jetzt zu leben.

    Es ist daher wichtig, dass sich die Repräsentationen im Gehirn ständig verändern, und zwar durch etwa fünf Updates pro Sekunde, denn so aktualisiert das Gehirn ständig die Einstellungen zu den Kontexten, mit denen man sich aktuell befindet. Wenn Menschen daher Probleme haben, sich in manchen Situationen an bestimmte Dinge zu erinnern, ist das bis zu einem gewissen Grad normal, denn das menschliche Gedächtnis ist eben kein festes Gebilde, sondern die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Gedächtnisinhalten ändern sich permanent, wobei neues Wissen eingebaut und alte Gedächtnisinhalte überarbeitet oder in den Hintergrund gedrängt werden. Allein wenn man eine Erinnerung abruft, entstehen dadurch neue Verbindungen im Gehirn, sodass man sich im Grunde nie zweimal an genau dasselbe erinnern kann. Wenn man auf bestimmte Gedächtnisinhalte nicht zugreifen kann, hat das verschiedene Ursachen. In manchen Situationen nehmen Emotionen und die aktuelle Umgebung Einfluss auf das Erinnerungsvermögen, etwa wenn man die Kellnerin eines häufig besuchten Lokals auf der Straße trifft und einem der Name partout nicht einfallen will. Auch Stress oder Müdigkeit können zu einem geminderten Erinnerungsvermögen führen, wobei diese in der Regel die kognitiven Fähigkeiten nur für eine begrenzte Dauer beeinträchtigen, denn ist die belastende Situation oder die Müdigkeit vorbeit, arbeitet auch das Gedächtnis wieder ohne Probleme. Großer Flüssigkeitsmangel erzeugt unter Umständen sogar Verwirrtheitszustände, was vor allem auf ältere Menschen zutrifft. Auch Krankheiten und Medikamente schwächen nicht nur den Körper sondern oft auch das Erinnerungsvermögen. Depressionen, Diabetes, Fieber, Infektionen, Demenzerkrankungen oder krankheitsbedingte Durchblutungsstörungen des Gehirns beeinträchtigen ebenfalls das Gedächtnis. Neben Medikamenten können auch Drogen und Alkohol das Gedächtnis nicht nur kurzfristig beeinträchtigen, sondern das Gehirn sogar dauerhaft schädigen.

    Über das, was im Gehirn passiert, wenn wir vergessen, gibt es im Wesentlichen zwei Theorien, von denen die Theorie des Spurenverfalls besagt, dass die Gedächtnisspur einfach mit der Zeit verblasst und verschwindet, während die zweite Theorie  davon ausgeht, dass wir vergessen, indem neue Eindrücke die alten Gedächtnisspuren überlagern und so den Zugriff auf alte Erinnerungen erschweren – Interferenztheorie. Die Theorie von der Überlagerung oder Störungen durch neue Informationen erklärt das Vergessen insgesamt besser, d.h., Vergessen ist in den meisten Fällen ein „Verlernen“ durch neu hinzukommende, aktuellere Inhalte, wobei das Verlernen für ein Individuum lebensnotwendig ist. Lernen und Verlernen sind zwei zusammengehörige Fähigkeiten und notwendig zur laufenden Anpassung und Bewältigung einer sich wandelnden Umwelt. Vergessen geschieht nach neuesten Forschungen im Gehirns chemisch dadurch, dass Sternzellen die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen umschließen, wobei sie über einen cannabisähnlichen Stoff den Nervenzellen auf chemischem Weg die Anweisung geben, weniger Signale auszutauschen, worauf hin die Verbindung zwischen den Zellen schwächer wird, und die gespeicherte Information allmählich  verloren geht.


    Allen Vergesslichen zum Trost: Vergesslichkeit kann auch als Zeichen von Intelligenz gedeutet werden, denn man fand einen Zusammenhang zwischen einem schlechtem Gedächtnis und der Intelligenz. Schlechte Gedächtnisleistung kann auch darauf hinweisen, dass das Gehirn in desem Augenblick mit wichtigeren Dingen beschäftigt ist, sodass es alltägliche und für das Hirn banale Dinge vernachlässigt. Das eigentliche Ziel des Gedächtnisses ist die Optimierung bei der Entscheidungsfindung, sodass es aus dieser Perspektive wichtig ist, dass das Gehirn irrelevante Details vergisst und sich stattdessen auf das konzentriert, was Entscheidungen in der realen Welt unterstützt.


    Oehrn et al. (2018) haben analysiert, was im Gehirn passiert, wenn Menschen freiwillig etwas vergessen wollen. Sie fanden zwei Bereiche des Gehirns, den präfrontalen Cortex und den Hippocampus, deren Aktivitätsmuster für den Prozess des Vergessens charakteristisch sind. Sie maßen die Hirnaktivität bei Epilepsiepatienten, denen zum Zwecke der chirurgischen Planung Elektroden in das Gehirn implantiert worden waren. Man erfasste dabei die Gehirnaktivität von Patienten, denen Elektroden entweder in den präfrontalen Kortex oder in eine tiefere Struktur, den Hippocampus, implantiert wurden, und präsentierte den Probanden eine Reihe von Wörter und baten sie, sich entweder zu erinnern oder sie zu vergessen. Ein Test zeigte, dass sich die Teilnehmer tatsächlich an die Worte erinnerten, die sie weniger gut vergessen sollten als an die Worte, die sie sich erinnern sollten. Während des aktiven Vergessens zeigten Schwingungen in beiden Bereichen des Gehirns charakteristische Veränderungen in bestimmten Frequenzbändern, wobei im präfrontalen Kortex die Schwingungen zwischen drei und fünf Hertz stärker (Theta-Bereich) ausgeprägt waren, und dabei mit höheren Frequenzen zwischen 6 und 18 Hertz im Hippocampus gekoppelt. Die Daten zeigten, dass beim aktiven Vergessen die Aktivität im Hippocampus, einer für das Gedächtnis wichtigen Region, durch den präfrontalen Cortex reguliert wird. Die Aktivität im Hippocampus wird nicht nur unterdrückt, sondern auch auf eine andere Frequenz umgeschaltet, sodass die aktuell verarbeiteten Informationen nicht mehr kodiert werden. Man hofft, dass man mit diesen Erkenntnissen bei posttraumatischen Belastungsstörungen, also für Menschen, die negative emotionale Erinnerungen immer wieder neu erleben, neue Therapien entwickeln könnte.


    Anmerkung für ältere Menschen: Es ist kein Zeichen von Krankheit, wenn einem Namen oder Begriffe nicht mehr sofort einfallen, denn das hat viel eher damit zu tun, wie das menschliche Gedächtnis grundsätzlich funktioniert: Je schneller man etwas erinnern will, meist weil man denkt, es schnell erinnern zu müssen, desto schwerer fällt dieser Inhalt ein, wobei in einer Situation, in der man unter Druck steht, es oft müßig ist, sich noch mehr anzustrengen.


    Vergessen unter Hypnose

    Grundsätzlich ist es möglich eine Amnesie mittels Hypnose herbeizuführen, wobei eine Amnesie ja ein gängiges hypnotisches und auch posthypnotisches Phänomen darstellt. Hypnoseinduzierte Amnesien halten typischerweise nur über kurze Zeit während einer Hypnosesession bzw. bei einer starken Suggestibilität auch die Überzeugung, dass die Hypnose wirksam ist. Die Amnesie ist eine Form der Dissoziation, die mit Verdrängung zu tun hat. Suggeriert man beispielsweise unter Hypnose, die Hälfte aller zuvor gelernten Wörter einer Liste zu vergessen, so fallen hauptsächlich die emotional belasteten unter eine Amnesie.
    Nachhaltiges Vergessen von elementaren Inhalten wie dem eigenen Namen oder traumatische Ereignisse ist dabei eher schwierig bzw. nicht ungefährlich, denn bei der Hypnose werden die zu vergessenden Inhalte mit anderen verknüpft, sodass diese dann später spontan erinnert werden können. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Erinnerungen larviert wiederkommen, was zur Folge hat, dass sich neue Empfindungen im Gedächtnis entwickeln, die psychische Nebenwirkungen haben können, die dann u. U. noch schwieriger aufzuarbeiten sind, als die ursprünglichen Erinnerungen, die gelöscht werden sollten. Zwar kann im therapeutischen Zusammenhang eine spezifische Amnesie kurzfristig durchaus sinnvoll und beabsichtigt sein, um von diesen ungestört an einer anderen Thematik zu arbeiten, als langsfristige Verarbeitung bzw. eben Verdrängung ist eine Hypnose ungeeignet.

    Übrigens sind Menschen im Vergleich zu manchen Tieren nicht besonders gut mit Merkfähigkeit (Langzeitgedächtnis) ausgestattet, denn so erinnern sich Häher bis an zu 30000 Futterverstecke, und zwar über Monate hinweg. Auch in Bezug auf das Kurzzeitgedächtnis sind etwa Schimpanse gegen jeden Menschen überlegen, wie der bekannte Memory-Versuch zeigte, denn ein Schimpanse merkt sich die Lage von Zahlen auf einer Bildschirmfläche für lange Zeit viel besser, als Menschen das je könnten. Dies ist auf ein ausgesprochen gut entwickeltes eidetisches Gedächtnis zurückzuführen.

    Es gibt übrigens Menschen, die nichts vergessen können – siehe dazu die Ausschnitte aus dem Interview mit Jill Price, einer Frau, die sich an alles in ihrem Leben erinnern kann.

    Siehe dazu auch gerichtetes Vergessen.


    Unterhaltsames: Frauen sind immer erstaunt, was Männer alles vergessen. Männer sind erstaunt, woran Frauen sich erinnern.
    Peter Bamm

    Ein Witz: Drei alte Frauen sitzen beisammen. Die erste: „Ich bin so vergesslich. Unlängst bin ich in die Küche gegangen und hab‘ nicht mehr gewusst, warum.“ Die zweite: „Neulich bin ich voll angezogen im Vorzimmer gestanden und hab‘ nicht mehr gewusst, ob ich gerade nach Hause gekommen bin oder weggehen wollte.“ Die dritte seufzt: „Gut, dass ich noch nicht so vergesslich bin! (Klopft dreimal auf die Tischplatte) Herein!“

    Kurioses: Wussten Sie übrigens, dass Menschen unter drei Sternzeichen besonders vergesslich sind: Zwillinge sind viel zu sehr damit beschäftigt die Welt, um sich herum zu beobachten, als sich überhaupt irgendwas zu merken. Sie meinen es meistens nicht mal böse, aber sie haben wirklich ein starkes Aufmerksamkeitsproblem. Für das Sternzeichen sind die kleinen Dinge im Leben deutlich interessanter, als sich Verpflichtungen zu merken. Zwillinge sind häufig zu spät oder vergessen den Termin sogar komplett! Auch der Wassermann ist ein total Denker. Komisch, dass er dennoch so viel vergisst. Er lebt und liebt sein Chaos – sowohl im Kopf, als auch im Leben allgemein. Da kann man das ein oder andere vergessen. Böse kann man ihm aber nicht sein, denn er steckt sein Umfeld mit seiner neusten Idee direkt an! Und so lebt das Sternzeichen einfach immer in seiner Welt und kommt damit extrem gut durch. Wenn eine Waage beim Treffen zusagt: Erwarte am besten nicht sie dort zu finden. Das Sternzeichen ist wahnsinnig vergesslich und gerade bei Verabredungen schleift das Gedächtnis extrem. Meist nimmt sich die Waage zu viel vor, weil sie jedem gerecht werden möchte – verliert dabei schnell einfach den Überblick und vergisst Sachen schnell.

    Laut einer anderen Illustrierten sind ebenfalls einige Sternzeichen besonders vergesslich. Da Fische gerne in den Tag hinein träumen, sich auf das konzentrieren, was ihnen gerade in den Sinn kommt und so immer wieder auf neue Ideen kommen, macht das die Fische zu sehr kreativen und außergewöhnlichen Menschen, sorgt aber auch dafür, dass sie extrem vergesslich sind. Im Kopf der Fische schwirren so viele verschiedene Ideen, dass Dinge wie Verabredungen, wichtige Termine oder Fristen schnell zur Seite geschoben und vergessen werden. Schützen denken immer an das große Ganze, was ihnen zwar hilft, die großen Probleme oder Hürden zu sehen, sie aber daran hindert, sich auch mit Details zu beschäftigen. Darin liegt dann die Gefahr, dass sie viel vergessen. Schützen brauchen deshalb To-Do-Listen, in denen sie endlich auch ins Detail gehen können, denn dann ist die Gefahr des Vergessens deutlich geringer. Die Waage neigt auch dazu, alles zu sehr zu überdenken, sich ständig Sorgen zu machen, nach ständiger Harmonie zu streben und sich nur dann entspannen zu können, wenn alle um sie herum glücklich sind. Weil sie so viel auf ihrer emotionalen To-Do-Liste haben und sich oft um so viele Menschen kümmern müssen, bleibt einfach keine Zeit, sich an alles zu erinnern, weswegen sie besonders vergesslich sind, wenn es um die Vergangenheit geht.

    Immerhin sind sich die beiden Illustrierten wenigstens in Bezug auf die Waage einig 😉


    Aktives Vergessen während der REM-Phasen

    Der Schlaf beeinflusst das Gedächtnis über zahlreiche Mechanismen, etwa indem das Gehirn im Schlaf Abfallstoffe ausschwemmt und die Informationen des Tages nochmals verarbeitet, bevor Wichtiges dann im Langzeitgedächtnis gespeichert wird. Izawa et al. (2019) haben am Mausmodell gezeigt, dass auch das nächtliche Vergessen ein aktiver Prozess ist, wobei eine Neuronengruppe des Hypothalamus, die auch eine Reihe von vegetativen Funktionen steuert, das melaninkonzentrierende Hormon, das neben dem Hungergefühl auch die Länge der REM-Schlafphasen beeinflusst, dafür entscheidend sein kann. Als man nach Lernversuchen mit Mäusen diese Zellgruppe im Gehirn der Tiere aktivierte, führte das dazu, dass die Mäuse sich nicht mehr an die zuvor gelernten Inhalte erinnerten. Eine Kontrollgruppe, bei denen dieses Areal nicht durch eine Injektion aktiviert worden war, erinnerte sich deutlich länger an das Gelernte. Das Vergessen geschieht also über eine direkte Nervenverbindung zwischen dieser Neuronengruppe und dem Hippocampus, indem Neurotransmitter freigesetzt werden, die verhindern, dass ein Teil der Informationen in das Gedächtnis gelangen. Offenbar entscheidet Gehirn im REM-Schlaf, welche Informationen es speichert und welche nicht, was übrigens auch erklärt, warum Träume fast immer sofort aus dem Gedächtnis verschwinden, denn Träume treten vor allem im REM-Schlaf auf und damit genau zu der Zeit, in der diese Neuronengruppe aktiv ist.


    Literarisches:
    Erinnern, die Schwester des Vergessens


    Das Vergessen neuronaler Netzwerke

    Erworbenen Wissen neuronaler Netzwerke kann nicht einfach bis ins Unendliche erweitert werden, wobei das Problem des katastrophalen Vergessens hinzukommt, denn kaum hat ein Algorithmus eine Aufgabe gelernt, werden die nun dazu passenden gewichteten Verknüpfungen des neuronalen Netzes auf eine zweite Aufgabe hin optimiert und letztlich dadurch überschrieben. Das ist im Unterschied zum tierischen oder menschlichen Lernen, denn wenn eine eine Maus etwas Neues lernt, verstärkt das die beteiligten Synapsen zwischen den Nervenzellen. Dabei wachsen Dornenfortsätze, kleine Auswüchse auf den verzweigten Dendriten, die den Empfängerteil der Synapsen enthalten. Diese Dornen bleiben aber auch bei neuen Lernvorgängen erhalten, und die synaptische Übertragung ist dauerhaft erhöht, d. h., die entsprechende Erfahrung wird konsolidiert.

    Nun hat man auf dieser Basis künstliche neuronale Netze entwickelt, die bereits gelernte Informationen so sichern, dass diese durch neue Lerninhalte nicht überschrieben werden können, sodass sie die erworbenen Fähigkeiten nutzen können, um neue zu lernen. Man entwickelte dafür einen Algorithmus, der nach dem Vorbild der synaptischen Konsolidierung arbeitete, der die simulierten Verknüpfungen, die bereits für eine vorherige Aufgabe verstärkt worden waren, verriegeln und so vor dem Überschreiben schützen sollte. Dadurch gelingt es dem System, kontinuierlich zu lernen, und in Zukunft sollten Systeme selbst entscheiden können, welche Lerninhalte sie bündeln und vor dem Überschreiben schützen. Im Gehirn wird das zum Teil durch spezialisierte Gedächtnissysteme gelöst, denn sensomotorische Erfahrungen etwa gelangen in ein eigenes Gedächtnissystem, Seheindrücke in ein anderes und Klänge von Geräuschen in ein drittes. Doch viele Eigenschaften des Gehirns sind nach heutigem Stand noch meilenweit davon entfernt, in künstlichen neuronalen Netzen realisiert zu werden, etwa die Fähigkeit zur Imagination oder das Transferlernen, also Problemlösungen auf andere, vergleichbare Situationen zu übertragen. So können Menschen etwa schneller eine neue Fremdsprache lernen, wenn sie bereits eine andere beherrschen. In Ansätzen versucht man derzeit, diese Fähigkeit mit progressiven neuronalen Netzwerken nachzubilden, wobei mehrere künstliche Netze miteinander verknüpft werden, damit sie erworbene Kenntnisse teilen und in gewissem Maß auf neue Aufgaben übertragen können. Allerdings sind solche Deep-Learning-Netzwerke aktuell im Vergleich zum menschlichen Gehirn sehr einfache Strukturen, denn etwa für das Transferlernen fehlt diesen Netzwerken aber die Flexibilität, da die wenigsten über ein Gedächtnis verfügen und weil sie nicht reflektieren können.


    Zur Etymologie: Das deutsche Wort ‚vergessen‘ beruht auf dem Wortstamm ‚gessen‘ und drückte ursprünglich eine Bewegung in Richtung des Sprechers aus, d. h., er bekommt etwas. Erst durch die Vorsilbe ‚ver‘ wird es ins Gegenteil verwandelt. Daher ist Vergessen vom Wortstamm her ein aktiver Prozess.


    Warum vergessen natürlich ist

    Es ist grundsätzlich kein Zeichen von Demenz, wenn die Gedächtnisleistung mit zunehmendem Alter abnimmt, denn dass man sich Namen schlechter merken kann oder vergisst, warum man in einen Raum gegangen ist, ist ganz normal. Einer der häufigsten Gründe dafür, dass man sich nicht erinnern kann, ist aber gar nicht Vergesslichkeit, sondern mangelnde Aufmerksamkeit, also wenn man sich etwas nicht richtig eingeprägt hat und gar keine Erinnerungsspur angelegt wurde. Besonders gut merkt man sich dagegen Dinge, Menschen oder Situationen, die eine persönliche emotionale Bedeutung haben. Je wichtiger eine Sache für einen Menschen ist und je mehr Aufmerksamkeit er oder sie darauf richtet, desto besser kann er oder sie diese im Gedächtnis behalten. Wenn jemandem etwa ein Wort buchstäblich auf der Zunge liegt, kommt er oder sie oft umso weniger darauf, je mehr er oder sie darüber nachdenkt. Die Ursache dafür ist, dass eine erste falsche Assoziation durch weiteres Nachdenken zunehmend gestärkt wird, d. h., das Gedächtnis wird auf eine falsche Fährte gelockt und dadurch blockiert. Erst wenn man es schafft, die Gedanken loszulassen, fällt die gesuchte Information in der Regel bald mühelos wieder ein.

    Literatur

    Izawa, Shuntaro, Chowdhury, Srikanta, Miyazaki, Toh, Mukai, Yasutaka, Ono, Daisuke, Inoue, Ryo, Ohmura, Yu, Mizoguchi, Hiroyuki, Kimura, Kazuhiro, Yoshioka, Mitsuhiro, Terao, Akira, Kilduff, Thomas S. & Yamanaka, Akihiro (2019). REM sleep–active MCH neurons are involved in forgetting hippocampus-dependent memories. Science, 365, 1308-1313.
    Oehrn, Carina R., Fell, Juergen, Baumann, Conrad, Rosburg, Timm, Ludowig, Eva, Kessler, Henrik, Hanslmayr, Simon & Axmacher, Nikolai (2018). Direct Electrophysiological Evidence for Prefrontal Control of Hippocampal Processing during Voluntary Forgetting. Current Biology, doe:10.1016/j.cub.2018.07.042.
    Stangl, W. (2011). Das Vergessen.  [werner stangl]s arbeitsblätter.
    https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/Vergessen.shtml (11-05-02)
    Stangl, W. (2021, 7. März). Das katastrophische Vergessen neuronaler Netzwerke. arbeitsblätter news.
    https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/das-katastrophische-vergessen-neuronaler-netzwerke/.
    http://psychologie-news.stangl.eu/356/ueber-das-vergessen-und-das-erinnern (12-04-21)
    Witz im Rahmen der Schreibgruppe FEDERSPIEL erzählt von Anselm Eder.
    https://www.kukksi.de/diese-3-sternzeichen-sind-vergesslich (20-09-27)


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    Ein Gedanke zu „Vergessen“

    1. Martin Korte

      Vergessen ist eine wichtige Funktion des Gehirns, denn würde das menschliche Gedächtnis jeglichen Input speichern, wäre es heillos überfordert. Die zunehmende Schusseligkeit im Alter hat im Übrigen nicht viel mit einem nachlassenden Erinnerungsvermögen zu tun, sondern ist die Folge erhöhter Ablenkbarkeit.

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