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Zeitempfinden


Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht. Das jedoch kann ich zuversichtlich sagen: Ich weiß, daß es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Wie sind nun aber jene beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, da ja doch die Vergangenheit nicht mehr ist, und die Zukunft noch nicht ist?
Augustinus Aurelius, Confessiones, 397-401. XI, 14.

 

Menschen haben kein eigenes Organ für das Zeitempfinden, sodass die Zeitwahrnehmung auf zwei Ebenen erfolgt, und zwar einerseits durch die aktuelle Wahrnehmung und andererseits die Erinnerung an Vergangenes. Je mehr Menschen auf die Zeit achten, etwa in Form von Langeweile, desto langsamer scheint die Zeit in der Wahrnehmung zu vergehen, jedoch in der Rückschau werden intensive Erlebnisse wie eine Urlaubsreise viel ausgedehnter erlebt als die Alltagsroutinen.

Durch die in der Gegenwart immer stärkere Zukunftsorientierung verlieren viele Menschen das Gefühl für den Augenblick, d. h., viele leben in dem Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht und Hektik und damit verbundener Stress vorherrscht.

Psychologisch betrachtet ist die Zeit immer die subjektive Zeit, sodass das Zeitempfinden für verschiedene Menschen immer unterschiedlich ist. Die aktuelle Technologisierung geht häufig mit dem Versprechen einher, dass sie Zeit spart, dennoch haben Menschen vor allem durch die neuen Medien aber eher das Gefühl, dass Zeit immer knapper wird. Vor allem durch die neuen Kommunikationstechnologien kommt es zu Verstärkungsprozessen, denn sie machen Menschen immer neugierig (sensation seeking) und belohnen sie mit Informationen, die früher völlig außer Reichweite waren. Da Menschen soziale Lebewesen sind, die durch soziale Reize belohnt werden können, sind etwa SMS oder Emails von Freunden positive Signale, von denen Menschen abhängig und in der Folge sogar süchtig werden können.

Siehe dazu auch die egozentrische Zeitordnung.


Die Bedeutung der Zeit für das Glück

Trotz steigender Einkommen fühlen sich Menschen zunehmend unter Zeitdruck, was deren Wohlbefinden beeinträchtigt. Beim Vergleich der täglichen Routinen von Millionären und Normalvermögenden in den Niederlanden zeigte sich, dass die Millionäre im Schnitt signifikant zufriedener mit ihrem Leben sind als die weniger Begüterten. Und das, obwohl Millionäre ihre Tage fast genauso wie weniger begüterte Menschen verbringen, d. h., sie arbeiten etwa gleich lang, sie genießen etwa genauso viel Freizeit und auch mit Tätigkeiten wie Kochen, Putzen oder Einkaufen sind die Begüterten in gleichem zeitlichem Umfang beschäftigt. Reiche Menschen nutzen daher ihre Zeit auf ähnliche Weise wie die Normalbevölkerung. Der Unterschied liegt aber daran, dass Millionäre ihre freie Zeit häufiger nutzten, um aktiv zu sein, d. h., sie treiben Sport und engagieren sich eher für wohltätige Zwecke, während die Normalverdienenden sich in ihrer Freizeit im Vergleich hingegen öfter passiv verhalten. Generell verbringen die Begüterten ihre Zeit häufiger mit Tätigkeiten, die sie mit dem Gefühl von Kontrolle erfüllen, sodass Wohlstand offenbar die Möglichkeit erleichtert, Kontrolle über die eigene Zeit zu haben. Umfragen aus zahlreichen Ländern zeigen auch, dass Ausgaben für zeitsparende Dienstleistungen mit einer höheren Lebenszufriedenheit verbunden sind. Glücklichere Menschen berichten auch, dass sie zufriedener sind, wenn sie Geld für einen zeitsparenden Kauf ausgegeben haben als für einen materiellen Kauf. Diese Forschung zeigt einen bisher ungeahnten Weg vom Reichtum zum Wohlbefinden: Geld ausgeben, um Freizeit zu kaufen (Whillans et al., 2017, Smeets et al., 2019).


Literatur

Smeets, P., Whillans, A., Bekkers, R., & Norton, M. I. (2019). Time Use and Happiness of Millionaires: Evidence From the Netherlands. Social Psychological and Personality Science, doi:10.1177/1948550619854751.
Whillans, Ashley V.,Dunn, Elizabeth W., Smeets, Paul, Bekkers, Rene & Norton, Michael I. (2017). Buying time promotes happiness. Proceedings of the National Academy of Sciences, doi:10.1073/pnas.1706541114.
Wittmann, M. (2012). Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens. München; C. H. Beck-Verlag.
Wittmann, M. (2015). Wenn die Zeit stehen bleibt: Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen. München; C. H. Beck-Verlag.


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