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subjektives Zeitparadoxon

Die Zeit ist eine große Lehrerin.
Schade nur, dass sie ihre Schüler umbringt.
Curt Goetz

Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben,
sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.
Lucius Annaeus Seneca

Wissen Sie schon, dass Pfingsten vor Ostern kommt,
wenn man den Kalender von hinten liest?
Karl Valentin

And time waits for no one, and it won’t wait for me.
The Rolling Stones

Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht. Das jedoch kann ich zuversichtlich sagen: Ich weiß, daß es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Wie sind nun aber jene beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, da ja doch die Vergangenheit nicht mehr ist, und die Zukunft noch nicht ist?
Augustinus Aurelius, Confessiones, 397-401. XI, 14.

Obwohl der Mensch über kein eigenes Sinnesorgan zur Messung der physikalischen Zeit verfügt, kann er die Dauer von Ereignissen, deren zeitlichen Abstand und ihre Abfolge wahrnehmen und in Erinnerung behalten. Die innere Zeit ist dabei ein altersabhängiges Phänomen, das sich aus verschiedenen physiologischen und psychischen Prozessen zusammensetzt, wobei der physikalischen Zeit der individuell erlebten psychophysiologische Zeit gegenübersteht, die individuell und durch das soziale Umfeld geprägt wird. Ein reiskorngroßes Areal im Gehirn, der suprachiasmatischer Nucleus, steuert vor allem den circadianen Rhythmus, also das dem Menschen auf Grund innerer Taktung vorgebene grobe Zeiterleben. Das subjektive Zeitempfinden basiert hingegen auf zwei Ebenen: der prospektiven Zeitwahrnehmung, also dem Gefühl des momentanen Zeitverlauf, sowie die retrospektive Zeitwahrnehmung, dem Blick zurück in die Vergangenheit. Das augenblickliche Zeitempfinden ist vorwiegend im Körpergefühl verortet, während die retrospektive Zeitwahrnehmung von der Erlebnisdichte des erinnerten Zeitraums abhängt.

Bei Menschen gibt es daher zwei Arten des Zeitempfindens: Zum einen existiert eine innere Uhr, die sich an biologischen Rhythmen wie dem Pulsschlag, der Atmung und den Schlaf-Wach-Phasen orientiert, zum anderen konstruiert sich der Mensch abgekoppelt davon seine eigene, subjektiv wahrgenommene und erinnerte Ereigniszeit. Dabei kann es zum Zeitparadox kommen, wenn Phasen voller Eindrücke und Signale als viel länger wahrgenommen werden, als sie eigentlich sind, während ruhigere Zeiten mit weniger Signalen hingegen wenige Spuren im Gedächtnis hinterlassen und im Rückblick kurz erscheinen. Allerdings scheint bei der Nutzung von neuen Medien dieses Zeitparadoxon nicht unbedingt zu gelten, denn trotz der Vielzahl an Eindrücken und der schnellen Verarbeitung von Signalen wird der Beschäftigung mit dem Netz wenig Bedeutung beigemessen und hinterlässt im Gedächtnis auch nur wenige Spuren.

Als subjektives Zeitparadoxon bezeichnet man in der Psychologie das Phänomen, dass den Menschen mit zunehmendem Alter die Jahre immer kürzer erscheinen, d. h., die biologische innere Uhr des Menschen läuft mit zunehmendem Alter langsamer, weshalb die physikalische Zeit als schneller empfunden wird. Hinzu kommen die Effekte der sogenannten Ereigniszeit, also jene Zeiträume, in denen sich viel ereignet, denn folgen viele Ereignisse schnell aufeinander, dann wird die dabei vergehende Zeit als kurz empfunden, während physikalisch gleich lange, ereignislose Zeiträume, die mit Routinearbeiten oder Warten gefüllt sind,  dagegen als lang wahrgenommen werden.

Zeit ist aus der Perspektive der Psychologie ist daher in erste Linie eine Dimension der Wahrnehmung des Erlebens, d. h., die Zeit ist an jene Ereignisse gebunden, die Menschen erleben, die sie bewirken und beeinflussen oder an denen sie sich orientieren. Während die physikalische Zeit davon unbeeinflusst verläuft, ist die subjektiv erlebte Zeit von zahlreichen inneren und äußeren Faktoren abhängig. Das subjektive Zeitparadoxon kehrt hingegen das retrospektive Zeiterleben um, denn in der Rückschau betrachtet werden Zeiten relativer Ruhe als kurz empfunden, während retrospektiv aktive Phasen im Gegensatz dazu länger erscheinen. Das liegt daran, dass das menschliche Gehirn in aktiven Phasen deutlich mehr Informationen aufnehmen muss als in passiven Phasen. Da in der Kindheit und Jugend permanent neue Ereignisse auftreten und der Mensch laufend neue Eindrücke verarbeiten muss, werden die jeweiligen Zeiträume im Nachhinein als lang empfunden. Im Alter hingegen passiert wenig Neues, sodass rückblickend die Zeit verkürzt erscheint. Auch gibt es bedeutende kulturelle und soziale Unterschiede.

Studien zur Zeitwahrnehmung zeigen, dass die Zeit während einer Meditation subjektiv langsamer abläuft, wobei vor allem darin Ungeübte die vorgegebenen kurzen Zeiträume schon nach einer zehnminütigen Sitzung mit Fokus auf dem Atem im Vergleich zu entsprechenden Intervallen vor der Meditation überschätzen. Es kommt bei einer Meditation zu einer Lenkung der Aufmerksamkeit auf die Zeit, bei der der verstärkte Fokus auf Körpervorgänge wie das Atmen das Zeiterleben intensiviert und das gesteigerte Wahrnehmen des Körperselbst die subjektive Zeit dehnt. Eine intensive Ich-Wahrnehmung läuft mit dem Gefühl eines langsameren Zeitverlaufs parallel, wobei ein weniger ausgeprägtes Ich-Empfinden mit einer erlebten Beschleunigung des Zeitverlaufs korrespondiert (Flow-Erlebnis). Verschiedene Bewusstseinszustände verdeutlichen diese Zusammenhänge auch im Alltsag, denn so ist man in der Langeweile des Wartens ganz auf sich zurückgeworfen und spürt sich selbst intensiver, d. h., die Zeit will einfach nicht vergehen.

Thomaschke et al. (2017) haben in Experimenten gezeigt, dass Emotionen bewirken, dass sich das mentale Zeitverarbeitungssystem schnell und flexibel an zeitliche Vorhersagemuster anpassen kann. ProbandInnen mussten auf einem Computerbildschirm nacheinander eingeblendete Substantive nach Geschlecht ordnen, wobei beim Übergang zum nächsten Wort jeweils ein kleines Kreuz gezeigt wurde. Es handelte sich bei den Wörtern um positiv oder negativ besetzte Begriffe wie Liebe und Freundschaft auf der einen, Folter und Tod auf der anderen Seite. Bei den meisten positiv besetzten Substantiven erschien das Kreuz zuvor für eine halbe Sekunde, bei den meisten negativ besetzten für zwei Sekunden, d. h., dieses Muster beeinflusste unbewusst die ProbandInnen. War die Kombination ungewöhnlich, etwa ein langes Intervall vor einem positiven Begriff, hatten sie größere Schwierigkeiten, das Geschlecht richtig zuzuordnen. Wurden jedoch nach dem gleichen Muster konkrete und abstrakte Begriffe anstelle der positiv und negativ besetzten präsentiert, war dieser Effekt nicht zu beobachten. Offensichtlich tritt diese Irritation nur dann auf, wenn Emotionen im Spiel sind. Im Alltag werden bekanntermaßen in Gesprächen positive und zustimmende Antworten in der Regel auch schneller gegeben als negative.

Viele Drogen können übrigens die Einschätzung der Zeit extrem verändern: Halluzinogene (LSD, Meskalin,  Psilocybin in manchen Pilzen) oder  Koffein führen zu einer Überschätzung von Zeitstrecken, während Tranquilizer, Chinin und Lachgas eine Unterschätzung bewirken.

Auch Depressionen werden häufig von Störungen der inneren Uhr begleitet, wobei sich in diesem Zusammenhang als erste Symptome Schlafstörungen erkennen lassen.

Siehe dazu im Detail Gehirn und Zeit.

Literatur

Thomaschke, R., Bogon, J. & Dreisbach, G. (2017): Timing Affect: Dimension-Specific Time-Based Expectancy for Affect. Emotion.
Wittmann, M. (2012). Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens. München: C. H. Beck-Verlag.
Wittmann, M. (2015). Wenn die Zeit stehen bleibt: Kleine Psychologie der Grenzerfahrungen. München: C. H. Beck-Verlag.



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  1. Ein Kommentar zum Stichwort “subjektives Zeitparadoxon”

  2. Woran liegt es, dass Menschen eine Stunde manchmal ganz lang und manchmal viel zu kurz vorkommt?

    Andrea Kiesel: Um das zu erklären, muss man unterscheiden, wie man Zeit erlebt, während man etwas macht, und wie man sie erlebt, wenn man sich später an ein Erlebnis erinnert. Denn da gibt es einen spannenden Gegensatz: Während ich etwas mache, vergeht die Zeit umso schneller, je mehr passiert, je aufregender oder spannender etwas ist. Während ich aber dasitze, mich langweile und nichts geschieht, vergeht die Zeit ganz langsam. Erinnert man sich jedoch einen Tag später an die jeweilige Situation, ist es genau anders herum: Dann hat man an die Zeit, in der ganz viel war, eine sehr reichhaltige Erinnerung und schätzt sie plötzlich als lang ein. Die Zeit, in der man nichts erlebt hat, kommt einem hingegen kurz vor, weil man da ja auch nichts zum Erinnern hat. Ist man zum Beispiel eine Stunde in einem Freizeitpark, fährt dort ganz viele Bahnen und erlebt eine Menge, vergeht die Zeit im Flug. Denkt man danach aber an jeden einzelnen aufregenden Moment, hat man eine sehr lebhafte Erinnerung daran und die Stunde erscheint gar nicht mehr kurz.

    Badische Zeitung vom 12. Jänner 2019 - Interview mit Andrea Kiesel 2019

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