Emotionsregulation

Als Emotionsregulation oder Emotionskontrolle bezeichnet man zunächst in der Entwicklungspsychologie die Bemühungen eines Kleinkindes zum Umgang mit seinen Emotionen, wobei man intrapsychische und die interpsychische Regulation unterscheiden muss. Während die intrapsychische Regulation sich auf die eigenständige Emotionsregulation bezieht, umfasst die interpsychische Regulation solche Bemühungen, an denen andere Personen unterstützend mitwirken.

Ziel der Emotionskontrolle bzw. Emotionsregulation ist es, eine handlungsförderliche Emotionslage herzustellen und beeinträchtigende Gefühle zu unterbinden. Zu den Techniken der Emotionskontrolle gehören etwa Antizipationen, in denen angenehme Gefühle bei Zielerreichung bzw. unangenehme Gefühle bei Handlungsvermeidung gedanklich vorweggenommen werden, sowie die  Fähigkeit, Nervosität und Angst abzubauen.

Da sich Kinder ihrer Emotionen eher bewusst sind und nicht versuchen, sich gesellschaftlichen Regeln zu unterwerfen, fällt es ihnen zumeist leichter, ihre Emotionen auszudrücken. Kinder und Jugendliche haben meist noch keine gefestigten Strategien, wie sie mit Emotionen umgehen, sondern erst durch Beobachtung, Imitation oder Erklärungen von Erwachsenen bzw. Gleichaltrigen gelingt es Heranwachsenden allmählich, eigene  Methoden für den Umgang mit ihren Gefühlen zu entwickeln. Kinder erlernen die verschiedensten Strategien der Emotionsregulation einerseits durch die jeweilige Sozialisation, die ihrerseits auch von ihrer Persönlichkeit beeinflusst wird, denn Untersuchungen zeigen, dass Emotionen und die Emotionsregulation eng mit spezifischen Persönlichkeitsfaktoren und sozialen Faktoren zusammenhängen (Eisenberg, 1996, 2000).

Emotionssteuerung ist ein wichtiger Resilienzfaktor, der in vielen Situationen des Alltags hilfreich ist, um auch in unangenehmen Situationen positive Gefühle aufkommen zu lassen und das Wohlbefinden zu steigern. Jeder Mensch steuert in unterschiedlichem Ausmaß seine Emotionen bewusst oder unbewusst, doch Emotionsteuerung bedeutet nicht die Unterdrückung von Gefühlen, sondern ist der Prozess, eine negativ empfundene Emotion so zu steuern, dass sie als neutral oder noch als positiv empfunden wird. So wandelt etwa ein Kind, das negative Gefühle bei der Erledigung seiner Hausaufgaben empfindet, diese positiv um, indem es sich vor Augen hält, dass es dadurch anschließend frei über seine Zeit verfügen kann. Resiliente Menschen können Emotionen besonders gut steuern kann, denn aus dem Willen heraus, sich gut zu fühlen, ergreifen diese wirksame Maßnahmen, um zu emotionalem Wohlbefinden zu gelangen. Es geht bei der Emotionskontrolle also stets darum, die eigenen negativen Emotionen wahrzunehmen und diese dann so zu steuern, dass sich die Gefühlslage verbessert.

Ältere Menschen zeigen übrigens seltener beziehungsschädliche Emotionen wie Ärger, Feindseligkeit und Verachtung, allerdings nimmt im hohen Alter das Gefühl der Traurigkeit eher etwas zu. Möglicherweise ist beides sinnvoll, denn Ärger kann eine Antriebskraft sein, die jungen Menschen Energie verleiht und ihnen dadurch beim Erreichen ihrer Ziele hilft, notfalls auf Kosten sozialer Beziehungen, die man im schlimmsten Fall später neu knüpfen muss. Im Lauf des Lebens müssen Menschen aber eher mit Verlusten zurechtzukommen und sich von nicht erfüllbaren Wünschen lösen, wobei Traurigkeit helfen kann, vor allem wenn man enge soziale Beziehungen hat, die für die meisten Menschen im Alter wichtiger werden. Anders als eine länger anhaltende Depression, für die die Mitmenschen keinen konkreten Anlass erkennen können, ist Traurigkeit ein soziales Signal und löst bei anderen einen Impuls aus zu trösten.

Emotionregulation spielt auch im Zusammenhang mit der Erhebung der allgemeinen und beruflichen Zufriedenheit eine bedeutende Rolle, denn glückliche und unglückliche Momente im Kontext des Lebens bzw. des Arbeitsalltags lassen sich in der Regel nicht allzu lange aufrecht erhalten, sodass die meisten  Menschen dazu tendieren, ihre Psyche möglichst bald wieder auf einen annähernd normalen Pegel einzuregulieren. Bekanntlich sind Glück und Zufriedenheit Themen, denen von der Wissenschaft seit einigen Jahren sehr viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, doch sind diese Darstellungen oder Untersuchungsergebnisse meist trivial, da die gefundenen Unterschiede so gering sind, dass man auf die Angaben von Effektstärken lieber verzichtet. Darüber hinaus verstärken  die Ergebnisse der kognitiven Psychologie wie auch der Entwicklungspsychologie die Zweifel an der Gültigkeit der verwendeten Operationalisierungen von Glück und Zufriedenheit, die diesen Darstellungen zu Grunde liegen. In fast allen Fällten bleibt bei dieser Messung nämlich ungeklärt, was die wahre Natur der zugrunde liegenden psychischen Prozesse ist, nach der Menschen etwa auf die Frage: „Wenn sie Ihr Leben (ihre Arbeit) einmal insgesamt betrachten: Wie zufrieden sind Sie?“ beantworten. Meist unterstellt man fälschlich, dass eine spontane Antwort auf diese Fragen eine hohe Validität beinhaltet. Untersuchungen belegen jedoch, dass der Schlüsselfaktor in der kognitiven Zugänglichkeit von Emotionen am Zeitpunkt der Beantwortung dieser Frage liegt, wobei unterschätzt wird, dass schon der Bericht eines Menschen über seinen aktuellen emotionalen Zustand das Ergebnis eines Emotionsregulationsprozesses ist. In der Forschung zur Arbeitszufriedenheit wurde lange beklagt, dass 75-85% der Befragten sich „ziemlich“ oder „sehr zufrieden äußerten“, obwohl aus Sicht der Forscher ausreichend Anlass für viele Befragte bestand, eher unzufrieden zu sein. Um diesen Widerspruch aufzuklären, wurde von kognitiver Selbstheilung gesprochen bzw. im Kontext der Emotionsforschung von Heraufregulierung. Die Studie von Fischer,  Fischer & Meyenschein (2013) gibt einen Überblick über die aktuelle Diskussion zur Emotionsregulation und zeigen aufgrund von fünf Tagesberichten von 105 Versuchspersonen im Detail, welche Form die Emotionsregulation annehmen kann, um Emotionalität nach negativen Ereignissen zu verbessern, zeigt aber auch, dass Emotion nach besonders positiven Ereignissen herunter reguliert werden kann. Diese Ergebnisse stützen eine funktionale Interpretation der Emotionsregulation, die davon ausgeht, dass sowohl Euphorie wie auch Niedergeschlagenheit einer Handlungsfähigkeit im Wege stehen, und deshalb meist von dem Individuum auf ein moderates Niveau reguliert werden. Andererseits stützt die Forschung zur Emotionsregulation die Vermutung der Zufriedenheitsforscher, dass die Emotionsregulation ein Prozess ist, der erhebliche psychische Ressourcen erfordert.

Auch bei der Behandlung von Essstörungen ist es nach neuen Erkenntnissen auch möglich, schwer kranke Patientinnen und Patienten mit ausgeprägten Begleiterkrankungen (Komorbidität) psychotherapeutisch wirkungsvoll zu behandeln, insbesondere im Bereich der Emotionsregulation.

Literatur

Eisenberg, N. F. (1996). The relations of children’s dispositional empathy-related responding to their emotionality, regulation, and social functioning. Developmental Psychology, 32 , 195-209.
Eisenberg, N. F. (2000). Dispositional Emotionality and Regulation: Their Role in Predicting Quality of Social Functioning. Journal of Personality and Social Psychology,  78, 136-157.
Fischer, Oliver,  Fischer, Lorenz &  Meyenschein, Kerstin (2013). Emotion at work. Wirtschaftspsychologie, 15.
Gross, J. J. (2003). Individual Differences in Two Emotion Regulation Processes: Implications for Affect, Relationships, and Well-Being. Journal of Personality and Social Psychology, 85, 348–362.





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