eidetisches Phänomen

Das eidetische Phänomen bezeichnet ein sehr starkes, gelegentlich nahezu perfektes visuelles Gedächtnis, wobei fälschlicherweise auch der Begriff fotografisches Gedächtnis verwendet wird, was wohl davon abzuleiten ist, dass zahlreiche Versuche von Forschern (Urbantschitsch, 1907) mit standardisierten Fotografien mit zahlreichen Objekten durchgeführt worden sind. Eidetiker können einige Sekunden lang ein Bild betrachten und anschließend detaillierte Fragen dazu beantworten bzw. die darauf abgebildeten Gegenstände auch benennen. Die Anzahl der erinnerten Gegenstände liegt dabei mit bis zu fünfzig jenseits der sonst üblichen 7±2 Objekte, d. h., Eidetiker erinnern sich an viele Einzelheiten ihrer visuellen Eindrücke bzw. können sich in sie vertiefen wie in ein inneres Bild. Nach ein paar Minuten verblasst dieses innere Foto und sie merken sich nut mehr die wichtigsten Elemente, doch die Deteils sind nicht mehr vollständig reproduzierbar.

Das eidetische Gedächtnis ist sehr selten und dauert meist bis zu mehreren Minuten, bei manchen Menschen aber auch wesentlich länger an. Eidetiker berichten, dass es sich so anfühlt, als ob der visuelle Eindruck für diese Zeitdauer bestehen bleibt, ähnlich dem, was Nicht-Eidetiker als Nachbild empfinden, bei Eidetikern aber den Charakter einer Art Projektion gleicht, d. h., sie sehen diese Bilder in allen Details vor sich.

Dieses Phänomen fand man zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bei Kindern und Jugendlichen noch sehr häufig – diese Fähigkeit verschwand bei fast allen im Verlauf der Pubertät, vermutlich bei der zu dieser Zeit stattfindenden Reduktion bzw. Umbau der Neuronenverbindungen des Gehirns. Damals besaß knapp mehr als die Hälfte aller Schulkinder ein auf experimentelle Weise untersuchtes eidetisches Gedächtnis. Spätere Untersuchungen ab der Mitte des letzten Jahrhundert zeigten, das nur mehr ein verschwindend geringer Anteil der Kinder tatsächlich über ein eidetisches Gedächtnis mehr verfügte. Man vermutet, dass bei Kindern mit dem Spracherwerb diese Form des Gedächtnisses durch sprachliches oder bedeutungszentriertes, also das semantische Gedächtnis abgelöst wird.

Wer jemals in einem Memory-Spiel gegen ein Kind angetreten ist, weiß, dass bei diesen das visuelle Gedächtnis besser funktioniert, was daran liegt, dass ein Kindergehirn mit etwa doppelt so vielen Synapsen ausgestattet ist wie das Gehirn eines Erwachsenen. Mit der Pubertät nimmt die Anzahl der Synapsen deutlich ab, denn das Gehirn hat inzwischen gelernt, welche synaptischen Verbindeungen am effektivsten arbeiten und welche nicht mehr verwendet werden. Die ungenutzten Verbindungen werden vom Gehirn abgebaut. Welche neurologischen Prinzipien im Gehirn für die Leistungen von Eidetikern verantwortlich sind, ist bis heute ungeklärt. Einerseits sind Abweichungen und Veränderungen des Gehirns von Eidetikern kaum darstellbar oder wie bei Autisten äußerst unterschiedlich. Wenn man Gehirne von Eidetikern nach ihrem Tod untersucht, fehlt natürlich der der direkte Zusammenhang zur Funktion, d. h., der  Aktivierung der jeweiligen Gehirnareale bei den Untersuchungen. Eine Hypothese ist, dass bei einem eidetischen Gedächtnis die Verbindung der beiden Gehirnhälften weniger starkt ausgeprägt ist.

Studien zufolge besitzen heute etwa 5-10 % der Kleinkinder bis zu einem gewissen Grad ein eidetisches Gedächtnis. Man bringt dieses Verschwinden auch mit der größeren Reizvielfalt in Verbindung, denen Kinder in den folgenden Jahrzehnten ausgesetzt sind. Vermutlich besteht hier ein Zusammenhang zum Phänomen der Akzeleration, das im Verlaufe des zwanzigsten Jahrhunderts zu vielfältigen Veränderungen in der Entwicklung der späten Kindheit und insbesondere in der Vorpubertät führt.

Die meisten Eidetiker verfügen generell über ein sehr gutes Gedächtnis, haben also nicht nur für visuelle Reize sondern auch für gehörte und gefühlte ein deutlich besseres Gedächtnis als ihre Mitmenschen. Einige zeigen psychische Abweichungen, wobei man die meisten den Autisten zuordnen können. Häufig findet man auch eine Nähe zu starken synästhetischen Empfindungen, d. h., es findet bei den Betroffenen eine Mehrfachkodierung der wahrgenommenen Information statt, was natürlich die Gedächtnisleistungen deutlich unterstützt.

Der erwachsene Mensch entwickelt zunehmend eine Informationsökonomie, d. h., statt ganze Szenen mit ihren Details zu speichern, sucht er die für ihn bedeutungsvollen Merkmale heraus und vergisst den Rest sehr schnell. Übrigens können sich Schachgroßmeister Hunderte von Partien merken, die diese durch bestimmte bedeutsame Merkmale gekennzeichnet sind, aber zeigt man diesen sinnlose Stellungen der Figuren, dann ist ihre Reproduktionsleistung nicht besser als die von Laien.

Menschenaffen besitzen übrigens ein ausgezeichnetes fotografisches Gedächtnis, denn in Experimenten von Matsuzawa (2009) und Inoue & Matsuzawa (2007) stellte sich heraus, dass erwachsene Menschen viel länger brauchen, um sich etwa die Anordnung verschiedener Ziffern auf einer Bildschirmseite zu merken, als Menschenaffen. Das Gedächtnis der Affen scheint also geradezu fotografisch zu sein.


Video: Schimpanse beim Zahlenexperiment

Literatur

Matsuzawa,Tetsuro (2009). Symbolic representation of number in chimpanzees, Current Opinion in Neurobiology, 19, 92-98
Inoue, Sana & Matsuzawa,Tetsuro (2007). Working memory of numerals in chimpanzees, Current Biology, 17(23), 1004-1005.
Urbantschitsch, Viktor (1907). Über subjektive optische Anschauungsbilder. Leipzig: Deuticke.

Link zu den Videos
http://www.pri.kyoto-u.ac.jp/ai/video/video_library/project/project.html (09-02-07)



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