eidetisches Phänomen
Das eidetische Phänomen bezeichnet ein sehr starkes, gelegentlich nahezu perfektes visuelles Gedächtnis, wobei fälschlicherweise auch der Begriff fotografisches Gedächtnis verwendet wird, was wohl davon abzuleiten ist, dass zahlreiche Versuche von Forschern (Urbantschitsch, 1907) mit standardisierten Fotografien mit zahlreichen Objekten durchgeführt worden sind. Eidetiker können einige Sekunden lang ein Bild betrachten und anschließend detaillierte Fragen dazu beantworten bzw. die darauf abgebildeten Gegenstände auch benennen. Die Anzahl der erinnerten Gegenstände liegt dabei mit bis zu fünfzig jenseits der sonst üblichen 7±2 Objekte. Dieses Phänomen fand man zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bei Kindern und Jugendlichen noch sehr häufig – diese Fähigkeit verschwand bei fast allen im Verlauf der Pubertät, vermutlich bei der zu dieser Zeit stattfindenden Reduktion bzw. Umbau der Neuronenverbindungen des Gehirns.
Damals besaß knapp mehr als die Hälfte aller Schulkinder ein auf experimentelle Weise untersuchtes eidetisches Gedächtnis. Spätere Untersuchungen ab der Mitte des letzten Jahrhundert zeigten, das nur mehr ein verschwindend geringer Anteil der Kinder tatsächlich über ein eidetisches Gedächtnis mehr verfügte. Man brachte dieses Verschwinden mit der größeren Reizvielfalt in Verbindung, denen Kinder in den folgenden Jahrzehnten ausgesetzt sind. Vermutlich besteht hier ein Zusammenhang zum Phänomen der Akzeleration, das im Verlaufe des zwanzigsten Jahrhunderts zu vielfältigen Veränderungen in der Entwicklung der späten Kindheit und insbesondere in der Vorpubertät führt.
Menschenaffen bestitzen übrigens ein ausgezeichnetes fotografisches Gedächtnis, denn in Experimenten von Matsuzawa (2009) und Inoue & Matsuzawa (2007) stellte sich heraus, dass erwachsene Menschen viel länger brauchen, um sich etwa die Anordnung verschiedener Ziffern auf einer Bildschirmseite zu merken, als Menschenaffen. Das Gedächtnis der Affen scheint geradezu fotografisch zu sein.
Matsuzawa,Tetsuro (2009). Symbolic representation of number in chimpanzees, Current Opinion in Neurobiology, 19, 92-98
Inoue, Sana & Matsuzawa,Tetsuro (2007). Working memory of numerals in chimpanzees, Current Biology, 17(23), 1004-1005.
Urbantschitsch, Viktor (1907). Über subjektive optische Anschauungsbilder. Leipzig: Deuticke.
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http://www.pri.kyoto-u.ac.jp/ai/video/video_library/project/project.html (09-02-07)
