Gewohnheit

Gewohnheiten sind Verhaltensweisen, die Menschen regelmäßig in einem stabilen Kontext ausüben, ohne viel darüber nachzudenken oder abzuwägen, und meist auf Entscheidungen basieren, die Menschen einmal bewusst getroffen haben. Die alltägliche Konfrontation des Menschen mit neuen und komplexen Abläufen erfordert Bewusstsein, Aufmerksamkeit und Konzentration, wobei das menschliche Gehirn danach strebt, möglichst viel von seinen Aufgaben zu routinisieren. Das Gehirn unterscheidet dabei nicht zwischen guten und schlechten Gewohnheiten, denn hat sich ein Verhalten einmal eingeschliffen, ist es sehr schwer, dieses wieder zu ändern, auch wenn man sich das fest vornimmt.

Gewohnheiten bestimmen daher das Leben, ob sie nun hilfreich sind oder schaden, wobei zwischen 30 und 50 Prozent des täglichen Handelns durch Gewohnheiten bestimmt werden, wobei neue Informationen daran so gut wie nichts ändern. Ohne Gewohnheiten wäre das Gehirn von den Details des Alltags häufig überfordert. Gewohnheiten haben aber auch den Sinn, den Menschen mehr mentale Energie zur Verfügung, um Wichtigeres zu erledigen, wobei dieses Energiesparen es wiederum schwer macht, ein eingeschliffenes Verhalten zu ändern, denn diese Steuerung liegt in einem Areal des Gehirns, der nicht bewusst kontrolliert werden kann.

Wenn Gewohnheiten mit den Zielen übereinstimmen, sind sie nützlich und manchmal sogar überlebenswichtig, tun sie das aber nicht, stören sie oft nur, rauben Zeit, Energie und schädigen manchmal auch die Gesundheit.

Als Gewohnheit wird daher eine unter gleichartigen Bedingungen entwickelte und stabilisierte Verhaltensweise bezeichnet, die durch Wiederholung stereotypisiert wurde und beim Erleben gleichartiger Situationsbedingungen wie automatisch nach demselben Schema ausgeführt wird, wenn sie nicht bewusst vermieden oderunterdrückt wird.

Die Ausbildung von Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen zeigen sich übrigens bereits bei niederen Tierarten bis zum Einzeller, die konditioniert werden können.

Gewohnheiten sind also nach dem Verständnis der Psychologie einmal gelernte Handlungen, die ohne bewusste Steuerung automatisch ablaufen, wobei man zwischen Denkgewohnheiten, Gefühlsgewohnheiten und Verhaltensgewohnheiten unterscheiden kann. Das menschliche Gehirn bevorzugt im Alltag Gewohnheiten und versucht seit frühester Kindheit immer wiederkehrende Ereignisse und Handlungen rasch zu automatisieren, und belohnt durch körpereigene Hormone Routinehandlungen, weil diese sehr viel weniger Energie und neuronalen Aufwand benötigen. Regelmäßigkeit wirkt sich im Übrigen für das Kleinstkind auch unmittelbar auf die Bindung zwischen Mutter und Kind aus, denn es erfährt dadurch Sicherheit und Zuwendung über die Versorgung und Befriedigung der überlebenswichtigen Hauptbedürfnisse. Kinder, denen Routine im Alltag fehlt, entwickeln später Angst vor dem Unvorhersehbaren und trauen sich auch in neuen Situationen weniger zu.
Gewohnte Handlungen laufen in der Regel sicher, präzise und schnell ab, ganz im Gegensatz zu neuen und ungewohnten Aufgaben, denn dann muss das meist Arbeitsgedächtnis in Funktion treten, was mehr Zeit und Energie erfordert. Einmal gelernt gehen komplizierte Abläufe, die man automatisiert hat, immer weniger holprig vonstatten, sodass man sich darauf nicht mehr konzentrieren muss. Die Großhirnrinde arbeitet dafür mit Zentren zusammen, die für unbewusste, automatisierte Handlungen oder Reflexe zuständig sind, etwa das Kleinhirn oder die sogenannten Basalganglien, die mehr als neunzig Prozent der Alltagshandlungen steuern. Schließlich wirkt bei Routinehandlungen nur noch ein „begleitendes Bewusstsein“.

Denkgewohnheiten spiegeln persönliche Einstellungen und Werte wider, etwa was moralisch richtig und falsch ist, sie beinhalten aber auch, welches Bild man von sich selbst hat und wie die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse eingeschätzt werden, wobei sich die meisten dieser Gewohnheiten sich mit der Zeit unbewusst entwickelt haben, sodass sie nur dann bewusst werden, wenn sie gestört werden. Gefühlsgewohnheiten hängen in sehr hohem Ausmaß von der Persönlichkeit ab und beschreiben die individuelle Tendenz, in einer bestimmten Situation häufig mit dem gleichen Gefühl zu reagieren. Verhaltensgewohnheiten im Alltag schließlich geben Sicherheit und sparen Zeit und Energie für neue Informationen und Anforderungen, die bewältigt werden müssen. Man schätzt, dass etwa 20 Prozent aller Menschen das ständige Bedürfnis nach Abwechslung haben, während die Mehrheit aber Routine braucht, um sich wohl zu fühlen, denn für die geben täglich wiederkehrende Abläufe zu denselben Zeiten Sicherheit und Orientierung und vermitteln ein Gefühl für Zeit und soziale Regeln. Zeigen Gruppen dieselben Gewohnheiten, so werden diese oft zur nicht mehr hinterfragten sozialen Sitte oder kollektiven Überzeugung, wobei aufwändige Bräuche oft gepflegt, d.h., bewusst beibehalten werden. Auf gemeinsamem Handeln beruhen auch Gewohnheitsrechte und Pflichten, die auf längere Zeit beibehaltenen Absprachen und gegenseitigen Verpflichtungen zurückgehen. Es gibt übrigens auch ein Völkergewohnheitsrecht in Form eines ungeschriebenen Völkerrechts, das durch allgemeine Übung, getragen von der Überzeugung der rechtlichen Verbindlichkeit der Norm, entsteht.
Eine alte Gewohnheit durch eine neue zu ersetzen ist für das Gehirn meist sehr schwer, denn Routinen, die sich in den Basalganglien und im Kleinhirn befinden, unterliegen nicht mehr direkt dem bewussten Wollen und sind ziemlich immun gegen Veränderungen. Routinen lassen sich zwar in jedem Alter lernen, doch Studien zeigen, dass die ersten zehn Lebensjahre dafür besonders geeignet sind, da in dieser Zeit besonders günstige neurobiologische Bedingungen für elementare Lernvorgänge bestehen. Für das spätere Neulernen und Ändern von Gewohnheiten benötigt man jedoch sehr viel mehr Zeit und Geduld als in diesem ersten Lebensjahrzehnt.

Mit dem Alter nimmt die Zahl der Gewohnheiten zu, wenn Erwachsene sich daran gewöhnen, sich auf eine bestimmte Art zu kleiden, zum Kaffee eine Zigarette zu rauchen oder den Müll zu trennen. Menschen wachsen in Betriebsstrukturen und in bestimmte Rollen hinein. Gewohnheiten sind manchmal kleine Süchte, denn wenn Menschen die Erfahrung machen, dass ein bestimmtes Verhalten zu einer Belohnung führt, wiederholen sie es möglichst oft. Belohnungen erzeugen ein neuronal verankertes Verlangen und  verändern das Gehirn. Stark ausgeprägte oder starre Denk- und Verhaltensgewohnheiten können bekanntlich im späteren Leben auch für die Kreativität abträglich sein und zu einem eingefahrenen, mehr oder weniger gedankenlosen bloßen Agieren führen.

Galla & Duckworth (2015) haben übrigens nachgewiesen, dass Gewohnheiten der Kern der Selbstkontrolle sind, denn sie konnten in mehreren Untersuchungen zeigen, dass selbstkontrollierte Menschen mehr Sport treiben, gesünder essen, sich seltener vom Lernen ablenken lassen, erfolgreicher meditieren und bessere Noten schreiben, also wenn sie feste Gewohnheiten haben. Daher sind Menschen, die sich selbst gut kontrollieren können, vor allem deshalb erfolgreicher, weil sie stärkere Gewohnheiten haben und nicht deshalb, dass sie unerwünschtes Verhalten unterdrücken.

Quellen

Galla, B. M. & Duckworth, A. L. (2015). More Than Resisting Temptation: Beneficial Habits Mediate the Relationship Between Self-Control and Positive Life Outcomes. Journal of Personality and Social Psychology, 109, 508-525.
Jimenez, F. (2012). Warum es hilft, wenn die Milch immer rechts steht. Die Welt online vom 31. März 2012.
http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkergewohnheitsrecht (12-11-11)
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/02/Psychologie-Gewohnheiten/ (13-04-10)



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