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Selbstkontrolle


Kurzdefinition: Selbstkontrolle ist die menschliche Fähigkeit, innere Impulse zu unterdrücken oder zu steuern und damit das eigene Verhalten zu kontrollieren. Studien zeigen, dass Menschen, die sich gut selbst kontrollieren können, mehr Erfolg und stabilere soziale Beziehungen haben und sich einer besseren körperlichen und psychischen Gesundheit erfreuen.

Der Begriff Selbstkontrolle bezeichnet generell die Einflussnahme höherer kognitve Prozesse auf das Ich bzw. das Selbst, oder aber auch auf sich wechselseitig kontrollierende Mechanismen innerhalb von biologischen oder sozialen Netzwerken. Nach neueren Untersuchungen ist eine Struktur im Stirnlappen des Gehirns, der dorsolaterale präfrontale Cortex, für die Selbstkontrolle zuständig. In einem Experiment hatte man diese Hirnregion für ein Experiment mit einem Diktatorspiel kurzfristig ausgeschaltet, worauf sich die ProbandInnen egoistischer und weniger anpassungsfähig verhielten. Probanden mit gehemmter Gehirnregion handelten egoistischer und waren schlechter darin, ihr Verhalten drohenden Sanktionen anzupassen, als wenn der dorsolaterale präfrontale Kortex aktiv war, und das, obwohl die Probanden genau wussten, dass ihr unfaires Verhalten zu einer Geldstrafe führen würde, konnten sie offensichtlich aufgrund der eingeschränkten Aktivität der Hirnstruktur nicht mit angemessenen Strategien reagieren. Nach Aussagen der ForschrInnen sei es erstaunlich, dass sich ein solch komplexes Verhalten möglicherweise auf eine einzige Gehirnstruktur zurückführen läss, denn normgeleitetes Verhalten sei eine wichtige Voraussetzung für funktionierende Gesellschaften (Strang et al., 2014).

Selbstkontrolle beruht auch auf Mechanismen, die am Planen von Handlungen beteiligt sind, etwa indem sie helfen, einer sofortigen Befriedigung zu widerstehen, um dafür in Zukunft einen grösseren Nutzen zu haben (Bedürfnisaufschub). Daran ist nach neueren Untersuchungen auch ein weiteres Areal im Gehirn beteiligt, und zwar eine Hirnregion am Übergang zwischen dem Temporal- und dem Parietallappen des Großhirns. Nach experimenteller Ausschaltung dieser Gehirnregion durch transkranielle Magnetstimulation trafen Probanden eher impulsive und egoistische Entscheidungen, d. h., sie wählten vermehrt eine sofortige Belohnung und sind weniger in der Lage, sich in die Perspektive anderer Menschen hineinzuversetzen. Daher vermutet man, dass ein Nutzen für das zukünftige Selbst vom Gehirn wie der Nutzen für eine andere Person behandelt wird. Das bedeutet, dass der gleiche Gehirnmechanismus wirksam sein könnte, um Geduld für einen künftigen Nutzen aufzubringen, wie um mit anderen Menschen zu teilen (Soutschek et al., 2016).

Selbstkontrolle beim Individuum bezieht sich psychologisch betrachtet sowohl auf Gedanken als auch auf Gefühle, denn Menschen können sich zumindest teilweise dahingehend kontrollieren, damit ein negativer oder ein positiver Gefühlszustand hergestellt, aufrecht erhalten oder auch wieder aufgegeben wird. Meist geht es im Alltag aber darum, negative Gefühle zu lindern bzw. Unlust zu vermeiden. Die Kontrolle über die eigenen Gefühle kann etwa dadurch beeinflusst werden, dass man die Umwelt entsprechend auswählt, indem man bestimmte Orte, Objekte oder Personen meidet bzw. aufsucht. Gefühle lassen sich manchmal durch selektive Aufmerksamkeit und gedankliche Uminterpretation kognitiv beeinflussen, was sich verschiedene Psychotherapierichtungen zunutze machen. Einige Studien (Hofmann et al., 2014) zeigen auch, dass Menschen, die schon als Kind eher diszipliniert handeln, auch als Erwachsener gesünder leben, weniger finanzielle Probleme haben und seltener in Konflikt mit dem Gesetz kommen. Selbstkontrolle führt offenbar dazu, dass Menschen mehr positive Gefühle erleben und auch zufriedener mit ihrem Leben sind, wenn sie sich selber gut im Griff haben und ihre Bedürfnisse aufschieben können, um wichtigere Ziele zu erreichen. Dabei wenden selbstdisziplinierte Menschen offenbar intuitiv den Trick an, Situationen zu vermeiden, die sie in Verlegenheit bringen könnten. Menschen mit guter Selbstkontrolle organisieren offenbar ihr Leben so, dass Konflikte relativ selten auftreten. Selbstkontrolle verhindert oder minimiert Probleme und macht daher wohl deshalb glücklicher. Selbstkontrolle lässt sich bis zu einem gewissen Grad steigern, indem man Aufgaben, die diese Eigenschaft erfordern, übt.

Der Oberbegriff für Selbstkontrolle lautet Selbstregulation, womit eine die Veränderung der eigenen Reaktionen generell gemeint ist, also sowohl bewusst als auch automatisch ablaufende Regulationen, die dem Erreichen eines Ziels dienen. Selbstkontrolle meint meist die zielgerichtete bewusste Unterdrückung unerwünschter Reaktionen, wozu als spezifische Komponente die Selbstdisziplin zählt, die auf erwünschte Ziele hin ausgerichtet ist. Im alltäglichen Leben ist die Selbstkontrolle eine Quelle fortlaufender Konflikte im Individuum, wobei man die menschliche Fähigkeit zur Selbstkontrolle auch als zentral für das menschliche Funktionieren etwa in einer Gemeinschaft betrachtet, wenn es darum geht, unangemessene Reaktionen zu unterdrücken bzw. zu kompensieren. Probleme der intraindividuellen Kontrollfunktionen sind daher häufig an der Entstehung von psychischen Probleme wie Essstörungen oder Süchten beteiligt.

Selbstkontrolltrainings basieren meist auf dem Ressourcenmodell der Selbstkontrolle und dass diese sich üben lässt, d. h., je häufiger eine Tätigkeit, die Selbstkontrolle erfordert, gezielt ausübt wird, desto stärker wird die Fähigkeit und desto mehr Kontrollressourcen entwickeln sich. Wirksamkeitsstudien untersuchen dabei, inwiefern solche geübten Selbstkontrollfähigkeiten auch auf andere Lebensbereiche übertragen werden. Eine Metaanalyse (Friese et al., 2016) legt nahe, dass sich Selbstkontrolle durch Übung zumindest kurzfristig stärken lässt, wobei sich im Durchschnitt kleine bis mittlere Trainingseffekte nachweisen lassen, die allerdings von Studie zu Studie stark schwanken. Offen bleibt vor allem die Frage, wie lange die Effekte anhalten bzw. warum die Trainings effektiv sind.  Es lässt sich nämlich vermuten, dass zumindest ein Teil des Trainingserfolgs auf eine Placebowirkung zurückgehen könnte, in dem Sinne, dass Trainingsteilnehmer Erwartungen aufbauen und dass ihnen die Übungen dabei helfen.


Aus der Forschung

Berger, Wyss & Knoch (2018) haben in einer Studie gezeigt, dass Menschen mit niedriger Fähigkeit zur Selbstkontrolle eher dazu neigen, unmittelbar auf Signaltöne ihres Smartphones zu reagieren. Für eine Studie lud man Probanden ein, an einem «Experience-Sampling» teilzunehmen, einer Methode, bei der die Testpersonen mehrfach täglich eine Nachricht auf das Smartphone erhalten, um einige Fragen zur aktuellen Befindlichkeit zu beantworten. Im konkreten Fall ging es um Konsumerfahrungen. Das eigentliche Ziel des Forscherteams war es jedoch, die Zeit zu messen, wie lange eine Person benötigt, um auf die Nachricht zu reagieren. Von insgesamt 1620 Signalen in der Studie (15 pro Testperson, verteilt über 3 Tage) wurden 1493 beantwortet. Hiervon wurden 335 innerhalb der ersten Minute beantwortet. Kernaspekt der Studie war, die Antwortzeiten mit der Fähigkeit zur Selbstkontrolle der Testpersonen zu verbinden, die in standardisierten Tests Wochen zuvor gemessen worden war. Menschen mit geringerer Selbstkontrolle fiel es deutlich schwerer, nicht unmittelbar auf das Smartphone-Signal zu reagieren, wobei dieser Effekt stabil blieb, selbst wenn man eine andere Persönlichkeitsmerkmale berücksichtigte.

Untersuchungen zeigen, dass sich strenge Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung auf Menschen und ihr Befinden und ihre Lebenszufriedenheit auswirken. Kokkoris, Hoelzl & Alós-Ferrer (2019) zeigten in insgesamt elf Studien mit über dreitausend Probanden, dass Selbstkontrolle nicht immer zu mehr Zufriedenheit mit einer Entscheidung führt. Viel eher kommt es dabei darauf an, was eine Mensch als Grundlage für seine Entscheidungen sieht. In den experimentellen Studien mussten sich etwa Studierende, die auf Diät waren, in einem Labor zwischen Schokolade und Karotten entscheiden, und wurden anschliessend zu ihren Gefühlen bei der Entscheidung befragt. Menschen, die sich bei Entscheidungen eher auf ihr Gefühl verließen, empfanden sich selbst beim Verzichten weniger authentisch, d. h., sie hatten das Gefühl, ihre Bedürfnisse und ihr Verlangen zu unterdrücken und sich damit selbst zu betrügen. Menschen erfahren demnach eine höhere Zufriedenheit bei der Zurückhaltung, je mehr sie sich auf die Vernunft und weniger auf ihre Gefühle verlassen. Paradoxerweise bedeutet demnach für sie der Verlust der Selbstbeherrschung gleichzeitig auch ein gewisses Maß an Selbstfindung. Selbstbeherrschung ist daher nicht nur als Fähigkeit zu sehen, sondern auch als bewusste Entscheidung und Präferenz einer Person.


Literatur

Berger, S., Wyss, A. & Knoch, D. (2018). Low self-control capacity is associated with immediate responses to smartphone signals, Computers in Human Behavior, https://doi.org/10.1016/j.chb.2018.04.031.
Friese, M., Frankenbach, J., Job, V. & Loschelder, D. (2016). Does self-control training improve self-control? A meta-analysis. Perspectives on Psychological Science, doi: 10.13140/RG.2.1.3766.0401.
Hofmann, W. , Luhmann, M. , Fisher, R. R., Vohs, K. D. & Baumeister, R. F. (2014). Trait Self‐Control and Well‐Being. Journal of Personality, 82,  265-277.
Soutschek, A., Ruff, C. C., Strombach, T., Kalenscher, T. & Tobler, P. N. (2016). Brain stimulation reveals crucial role of overcoming self-centeredness in self-control. Science Advances, 2, doi: 10.1126/sciadv.1600992.
Kokkoris, Michail D., Hoelzl, Erik & Alós-Ferrer, Carlos (2019). True to which self? Lay rationalism and decision satisfaction in self-control conflicts. Journal of Personality and Social Psychology, 117, 417-447.
Strang, S., Gross, J., Schuhmann, T., Riedl, A., Weber, B. &  Sack, A. T.  (2014). Be Nice if You Have to – The Neurobiological Roots of Strategic Fairness. Social Cognitive and Affective Neuroscience, doi: 10.1093/scan/nsu114.


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