Narzissmus

Der Narzissmus ist eine starke Selbstverliebtheit oder auch Eitelkeit. Narzissten sind ständig auf der Suche nach Bewunderung und haben gleichzeitig eine enorme Angst vor Kränkung, was sie oftmals unberechenbar in ihren Reaktionen macht. Nach Expertenmeinung ist die aktuelle Struktur der Gesellschaft ein Nährboden für narzisstische Verhaltensweisen, denn wenn man Erfolg haben will, braucht man gewisse narzisstische Eigenschaften. Eine mögliche Ursache dieser Störung können bestimmte elterliche Erziehungsmuster sein, etwa eine übertrieben starke Bevorzugung in der Kindheit bzw. eine übermäßige Leistungsfokussierung durch die Eltern. Wenn Eltern ihrem Kind immer wieder vermitteln, dass es besser ist als andere oder mehr wert ist als seine Mitmenschen, dann wird das Kind diese Haltung übernehmen und eine unangemessene Anspruchshaltung verbunden mit Tendenz zum Narzissmus entwickeln. Aber auch wenn Eltern sehr wenig auf ihr Kind eingehen und ihm nur dann Beachtung schenken, wenn es etwas Besonderes geleistet hat, z.B. sehr gute Noten in der Schule hat, kann dies zu einer übergroßen Leistungsorientierung führen, wobei das Gefühl entsteht, selbst wenig Wert zu sein und nur durch auffallenden Leistungen oder zumindest das besondere Hervorheben der eigenen Erfolge Anerkennung zu erhalten. Vor allem zu hohe Anforderungen an Kinder und Jugendliche bei fehlender emotionaler Unterstützung begünstigen narzisstische Eigenschaften, aber auch später kann auch eine starke Erfolgsorientierung in der Arbeitswelt den Narzissmus befördern, wobei vor allem Anforderungen an Führungskräfte oft jenen Kriterien ähneln, die einen Narzissten ausmachen: von sich übermäßig überzeugt zu sein. Merkmale von Narzissten sind oft Gefühle besonderer Wichtigkeit, Überlegenheit, Einzigartigkeit oder gar Grandiosität, d. h., ein Narzisst fordert Anerkennung und Bewunderung, häufig auch, dass er besser behandelt wird. Betroffene können mit Kritik oder ausbleibender Anerkennung schlecht umgehen und reagieren diesbezüglich oft unbeherrscht, teils auch mit starker Niedergeschlagenheit. Typisch für die meisten Narzissten sind Probleme, sich in ihre Mitmenschen hineinzuversetzen, deren Sichtweise zu verstehen und zu akzeptieren. Dabei ist ein selbstverliebter Mensch, der vielleicht häufig großspurig auftritt, nicht automatisch krank, denn ein gesunder Narzissmus gehört zum Menschen dazu, doch wenn normale Eigenschaften ein krankhaftes Ausmaß annehmen, ist jemand von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen. Maßstäbe sind unter anderem Größegefühl, Erfolgsphantasien, Neid oder das Ausnutzen anderer, wobei für eine positive Diagnose das Verhalten der Betroffenen dauerhaft von der Norm abweichen muss.

Das digitale Selbstporträt oder das Selfie mit einer Stange samt Handyhalterung aufgenommen, scheint übrigens das moderne Symbol des Narzissmus zu sein 😉

Das Wort Narzissmus entstammt der altgriechischen Sage vom schönen Jüngling Narkissos, der mit unstillbarer Liebe seinem eigenen Spiegelbild verfallen war und die Liebe der Nymphe Echo verschmähte, weil sie seiner Schönheit nicht gerecht wurde. Die Liebesgöttin Aphrodite bestrafte ihn dafür mit einer unstillbaren Selbstliebe. Der Mythos endet damit, dass der seinem Spiegelbild Verfallene sich aus Schmerz über die Unerfüllbarkeit seiner Liebe mit einem Dolch das Leben nimmt. Dieser Mythos aus dem antiken Griechenland hat die moderne Vorstellung von Narzissmus als übersteigerter und damit nicht gerade sympathischer Selbstliebe geprägt, wobei die alten Griechen dachten, dass ein wenig davon für einen Menschen gut sei, und auch Sigmund Freud erklärte den Narzissmus zu einem eher gesunden Mechanismus der Selbsterhaltung.

Nach Millon und Davis haben manche Menschen in ihrer frühkindlichen Entwicklung unzureichende Liebe und Anerkennung von ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen erhalten, sie leiden oft lebenslang darunter und geben ihre Reaktionen auf ihre Entbehrungen an andere weiter. Narzissten sind oft Meister darin, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen, sie sind meist sehr kontaktfreudig und beim Kennenlernen äußerst erfolgreich und werden von den anderen in einer Gruppe oft als natürliche Anführer wahrgenommen und auch akzeptiert, was dem Naturell des Narzssten natürlich entegegenkommt. Viele Narzissten haben in ihren Karrieren Erfolg, was mit ihrer Kommunikationsstärke und Offenheit zu tun hat, aber auch mit der Durchsetzungskraft und Leistungsbereitschaft. Sie sind in ihrem Beruf sehr leistungsorientiert und manchmal auch kreativ, schreiben sich dann allerdings auch oft den Erfolg eines ganzen Teams nur sich selber zu, was andere vor den Kopf stoßen kann, denn Narzissten betonen ständig ihre Überlegenheit und beuten manchmal andere für ihren eigenen Erfolg aus. Allerdings haben Narzissten auch ein ziemlich ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis und fühlen sich in der Beziehung bereits bedroht, wenn das geringste Zeichen an Desinteresse an ihrer Person auftritt. Narzissten benötigen daher ständige Achtung, Wertschätzung und Beachtung, wobei auch die anderen Ansprüche an das Leben groß sind. Sie wollen nicht von anderen Menschen gestört oder belästigt werden, denn sie denken, wie kann man eine wichtige Person mit solch unwichtigem Kram belästigen. Das Zusammenleben mit Narzissten ist daher sehr anstrengend, denn sie pressen Anerkennung und Lob aus der Pertnerin oder dem Partner heraus, denn für sie ist der Mitmensch in erster Linie ein Instrument, um Anerkennung zu erhalten. Beziehungen mit für unwichtig gehaltenen Mitmenschen oder Arbeitskollegen gelangen dann in untergeordnete Positionen auf der Rangliste eines Narzissten, was auch Familienangehörige betreffen kann. Eine Therapie kann Betroffenen helfen, wobei in dieser am Verhalten gearbeitet wird und nach der Ursache der Persönlichkeitsstörung gesucht wird. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kommen häufig aber gar nicht auf die Idee, dass sie eine Therapie brauchen, denn sie erleben sich als jemand, der unfehlbar ist und keine Hilfe braucht.

Brummelman et al. (2015) verglichen in Untersuchung daher zwei unterschiedliche Erklärungsansätze für die Entstehung von Narzissmus: Zum einen betrachteten sie die Perspektive der sozialen Lerntheorie, nach dieser entsteht Narzissmus dadurch, dass Eltern ihre Kinder überbewerten, ihnen vermitteln, sie seien etwas Besonderes und mehr wert als andere Kinder, mit der psychoanalytische Erklärung, nach der die Wurzeln des Narzissmus in fehlender elterlicher Wärme, Zuneigung und Wertschätzung liegen. Im Rahmen einer prospektiven Langzeitstudie mussten über fünfhundert Kinder und ihre Eltern viermal im Abstand von jeweils sechs Monaten Fragen zum kindlichen Narzissmus, zum Selbstwert des Kindes, zur Bewertung des Kindes durch die Eltern sowie zur elterlichen Wärme und Zuneigung beantworten. Zu Beginn der Untersuchung waren die Kinder dabei sieben bis zwölf Jahre alt, also in jenem Alter, in dem sich interindividuelle Unterschiede in den Narzissmuswerten zeigen. Die Ergebnisse stützen dabei die soziale Lerntheorie, denn hohe Narzissmuswerte hingen vor allem mit elterlicher Überbewertung des Kindes zusammen, nicht aber mit einem Mangel an elterlicher Wärme. Offensichtlich erwerben Kinder narzisstische Verhaltensweisen zum Teil dadurch, indem sie die überhöhten Ansichten und Erwartungen ihrer Eltern verinnerlichen. Elterliche Wärme, Zuneigung und Wertschätzung stand zwar nicht mit den Narzissmuswerten, wohl aber mit einem gesunden Selbstbewusstsein der Kinder im Zusammenhang. Man kann daher annehmen, dass Narzissmus ein Ergebnis bereits früher Sozialisationserfahrungen ist, wobei narzisstische Persönlichkeitszüge nicht mit einem gesunden Selbstbewusstsein verwechselt werden sollten.

Nach neueren Untersuchungen sehen im Gehirn von Narzissten spezielle Strukturen messbar anders aus, von denen einige mit der Steuerung von Empathie verbunden werden. Als Sitz der Empathie gelten Netzwerke in der Großhirnrinde bzw. in der Steuerungszentrale für Mitgefühl in der Inselrinde im seitlichen Teil des Stirnlappens, etwa zwischen Auge und Ohr. Auch beidseits in der unteren und mittleren Stirnwindung, dazu im rechten vorderen und linken mittleren Cingulum sowie im prä- und postzentralen Gyrus fand man bei Narzissten veränderte Strukturen. Allerdings kann natürlich nicht festgestellt werden, ob diese Strukturen die Ursache oder die Folgen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind.

Das Selbstbewusstsein des (pathologischen) Narzissten ist im Grunde zu gering, wobei diese Persönlichkeitsstörung meist im frühen Erwachsenenalter beginnt und sich in verschiedenen Situationen zeigt. Diagnostische Kriterien für die Narzisstische Persönlichkeitstörung:

  • Man hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, übertreibt die eigenen Leistungen und Talente.
  • Man erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden, ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, von Macht, Schönheit oder idealer Liebe.
  • Man glaubt von sich, einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen Personen oder Institutionen verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können.
  • Man verlangt nach übermäßiger Bewunderung.
  • Man erwartet eine bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen.
  • Man ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, zieht Nutzen aus Anderen, um eigene Ziele zu erreichen.
  • Man zeigt einen Mangel an Empathie, ist also nicht fähig, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.
  • Man ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf einen selbst.
  • Man zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Handlungen.

Narzissten verhalten sich häufig wenig einfühlsam und scheinen sich vor allem für eines zu interessieren: für sich selbst. Ihr Beziehungsstil ist weitgehend durch Macht und Manipulation gekennzeichnet, wobei es nach Keith Campbell (University of Georgia) derzeit eine Epidemie an Narzissten in unserer Gesellschaft geben dürfte, die durch den Celebrity-Kult und selbstherrliche Darstellungen in sozialen Netzwerken gekennzeichnet ist. Viele Narzissten verhalten sich ihren Mitmenschen gegenüber auch aggressiv und kränkend. Andere abzuwerten, um sich selbst aufzuwerten, scheint ein beliebtes Verhaltensmuster bestimmter Persönlichkeiten zu sein. In einer experimentellen Studie äußerten sich bei einer Bewertungsaufgabe anderer Menschen besonders Narzissten als aggressiv und abwertend. Ob verbale Attacken der Narzissten tatsächlich kränken, hängt natürlich auch vom Selbstwert des Gegenübers ab, denn ein geringer Selbstwert geht mit stärkerer Verletzlichkeit einher. Menschen, die sich gegenüber anderen distanzieren können, sind im allgemeinen eher vor Kränkungen geschützt.

Narzisstisch veranlagte Eltern

verstehen es häufig nicht, ein Kind zu beschützen, wie es der Mutter- oder Vaterrolle entspricht, sondern sie wollen kontrollieren und erwarten fast Unterwerfung, wobei es manchmal zu abstrusen Selbstbestrafungstheorien kommt, die die Kinder ständig an sich zweifeln lassen. Ein Kind wird dabei vom Narzissten nicht als eigenständig gesehen, was spätestens in der Pubertät sichtbar wird, wenn sich Kinder abnabeln und Konflikte bei der Suche nach ihrer Identität nicht scheuen. Die Erscheinungsformen des Narzissmus im Elternhaus können sehr unterschiedlich sein und Kinder entsprechend negativ prägen, denn narzisstische Eltern können oft wütend sein, ständig kritisieren oder fordern, so dass das Kind das Gefühl entwickelt, alles falsch zu machen. Dabei geht es für den narzisstischen Elternteil eigentlich nur darum, seine Überlegenheit ohne Rücksicht auf Verletzungen des Kindes zu demonstrieren, denn viele Narzissten sind selber emotional verkümmert, ohne ausreichend Mitgefühl und Blick für den anderen und dabei selbst oft sehr ängstlich. In vielen Fällen handelt es sich um versteckte Muster, die sich beharrlich ein Leben lang halten und für die Betroffenen seelisches Leid bedeuten, vor allem, weil Eltern bekanntlich schwerlich zu ändern sind und die Kinder letztlich bei sich selbst anfangen müssen, um diese Lasten abzuwerfen und Verbitterung zu vermeiden.

Narzissmus und soziale Netzwerke

Auch das Internet spielt für Menschen mit narzisstischen Eigenschaften eine große Rolle, sie sind dort aktiver als andere und nutzten soziale Netzwerke zur positiven Selbstvermarktung. Sich im Internet darzustellen ist besonders reizvoll für Menschen mit narzisstischen Eigenschaften, weil jemand, der sich online besonders präsentiert, auch deutlicher wahrgenommen wird. Die Online-Medien setzt auch die Hemmschwelle herab, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Nach einer Studie von Meghan M. Saculla und W. Pitt Derryberry fördert Facebook bei StudentInnen narzisstische Veranlagungen, wenn sie das soziale Netzwerke primär zur Selbstdarstellung benutzen. Interessanterweise schätzten sich diese StudentInnen auch bei der Selbstbeurteilung als narzisstische Persönlichkeit ein, wobei männliche Studenten Facebook weit seltener benutzten als ihre weibliche, allerdings neigen Studentinnen trotz mehr verbrachter Zeit im sozialen Netzwerk viel weniger zum Narzissmus.

In einer amerikanischen Untersuchung (Foxx & Rooney, 2015) an Männern im Alter von 18 bis 40 Jahren wurden diese zum Posten von Bildern in sozialen Netzwerken befragt und hatten standardisierte Fragen zu asozialem Verhalten und ihrer Selbsteinschätzung gegenüber anderen beantwortet. Außerdem hatten sie Angaben darüber gemacht, wie oft sie Bilder posten, und auch ob und wie sie sie zuvor bearbeiten. Dabei zeigte sich, dass Männer, die viele Selfies posten und viel Zeit damit verbringen, diese auch zu bearbeiten, zu Narzissmus neigen. Darüber hinaus wiesen diese inszenierenden Selbstdarsteller auch eher andere antisoziale Charakterzüge auf und waren eher psychopathisch veranlagt als Männer, die seltener Selfies machen, jedoch neigten Männer mit psychopathischen Zügen nicht dazu, ihre Bilder vor dem Absenden zu optimieren.

Narzissmus in den Medien

Übrigens geht die Theorie von der narzisstischen Gesellschaft davon aus, dass es einige Berufsgruppen gibt, die narzisstische Neigungen fördern, etwa die Politik, die Kunst oder die Medien, in denen Bewunderung und Applaus eine zentrale Rolle spielten, sodass in diesen narzisstisches Verhalten gewissermaßen gezüchtet wird. Unter Prominenten in der Unterhaltungsbranche findet sich daher eine Häufung von Narzissten, wie amerikanische Wissenschaftler nachgewiesen haben. Young &  Pinksy (2009) legten 200 Prominenten aus dem Unterhaltungssektor einen psychologischen Test für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPI – Narcissistic Personality Inventory) vor. Der Test erfasst sieben zentrale Merkmale von Narzissten: Überheblichkeit, Exhibitionismus, Autorität, Ausbeutung, Einzigartigkeit, Anspruchsdenken, Eitelkeit. Die Untersuchten aus der Unterhaltungsbranche waren statistisch signifikant narzisstischer als die Allgemeinheit und übertrafen darin auch Studenten, die gerne Unternehmer werden möchte. Vermutlich produzieren nicht die Medien oder die Unterhaltungsbranche Narzissten durch ihre vermehrte Aufmerksamkeit, sondern Narzissten haben in aller Regel durch ihr Verhalten bereits Möglichkeiten gefunden, die Aufmerksamkeit anderer Menschen auf sich zu ziehen und im Mittelpunkt zu stehen. In einer narzisstisch geprägten Gesellschaft baut sich vermutlich ein Sebstdarstellungsdruck auf, der sich selbst verstärkend dazu führt, dass Narzissten in einer Scheinweltleben und immer mehr den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren.

Weiblicher Narzissmus

Nach Untersuchungen zeigt sich der weiblichen Narzissmus verdeckter, denn er äußert sich in Perfektionismus, Leistungsdruck und einem extremen Schönheitsideal. Während narzisstische Männer sich fast immer als grandios empfinden, schwanken Frauen häufig in ihrem Selbstwert hin und her zwischen Überschätzung und Minderwertigkeitsgefühlen, wobei der Kern des männlich-offenen und weiblich-verdeckten Narzissmus  aber gleich ist, denn das ganze Leben soll sich nur um die eigene Person drehen. Narzisstische Frauen wollen immer herausfinden, wie gut sie ankommen, d. h., wenn ihnen ein Auftritt gelingt, fühlen sie sich als die Tollsten, die Besten, die Schönsten. Sie glauben, dass sie nur gemocht werden, wenn sie etwas Besonderes sind, wobei die äußere Fassade ihnen extrem wichtig ist, also Schönheit, Schlankheit, Jugendlichkeit, alles muss perfekt sein. Bei Frauen schlägt dieses Gefühl jedoch schnell in Minderwertigkeit um, wenn sie nicht bestätigt werden oder sogar Kritik ernten. Im übrigen wird weiblicher Narzissmus sehr häufig von Essstörungen begleitet.

Narzissmus und Web 2.0 & Web  3.0

Wissenschaftler der der Western Illinois University haben in einer Untersuchung an StudentInnen nachgewiesen, dass Menschen mit  narzisstischer Neigungen mehr Freunde bei Facebook haben, sich öfter selbst taggen, mit höherer Frequenz posten, häufiger ihr Profilfoto wechseln und ungehaltener auf sie betreffende negative Aussagen reagieren. Dieses Ergebnis passt zum theoretischen Verständnis des Narzissmus, denn diese Menschen brauchen Bestätigung zur Aufwertung des Selbstwertgefühls, während ein Mensch mit gesundem Maß an Narzissmus sich über Lob lediglich freut. Facebook bietet eine gute Bühne, um mehr Kontakte zu knüpfen, die dann vermeintlich Bestätigung für Narzissten bietet. Man vermutet auch, dass der Einfluss sozialer Netzwerke Kinder zunehmend narzisstisch macht, weil das Bild, das andere von einem haben, immer wichtiger wird. Allerdings ist die Wirkungsrichtung nicht eindeutig, d.h., ob nunzunehmender Narzissmus zu einem anderen Nutzungsverhalten in sozialen Netzwerken führt oder das Nutzungsverhalten mehr Selbstverliebtheit bedingt, ist nicht eindeutig festzustellen.

Aktuell ist die Suche der Menschen nach Anerkennung ein Zeitgeistphänomen, denn nie war der Hunger nach Anerkennung so groß. Anerkennung ist ein fundamentales Bedürfnis und manche Menschen betreiben einen hohen Aufwand, um sich selbst möglichst gut darzu­stellen, etwa in Form von Selbstoptimierung mit Hilfe von Training, Diät, teurer Kleidung, Kosmetik. Das Problem dabei ist, dass das Gefühl des Selbstwerts sehr stark und exklusiv an die Bestätigung in einem einzigen Bereich geknüpft ist, und dass ein Mensch mit der Zeit stark von diesen Feedbacks abhängt ist, denn man fühlt sich in einer nach Anerkennung strebenden Gesellschaft ständig in seinem Selbst­wert bedroht. Anerkennung hängt nämlich nicht nur von Menschen als Individuen ab, sondern auch von den Gruppen, denen man angehört bzw. denen man angehören möchte (Affiliationsbedürfnis).

Siehe auch Narzisstischer Führungsstil

Kurioses

Narzissten lassen sich nach einer amerikanischen Studie mit einer einzigen Frage recht gut erkennen: “Wie sehr stimmen Sie der Aussage zu: “Ich bin ein Narzisst.” Dabei stimmt diese Selbsteinschätzung gut mit den Ergebnissen psychologischer Fragebögen zur Beurteilung narzisstischer Persönlichkeiten überein, die aber deutlich mehr Fragen umfassten. Übrigens hat man auch untersucht, ob Narzissten häufiger „ich“, „mich“ oder „mein“ verwenden, was eigentlich naheliegt, denn Selbstverliebte kreisen häufig um sich als Person. Es zeigte sich allerdings in zahlreichen Studien in unterschiedlichen Kulturkreisen, dass Narzissmus und Ich-Gebrauch nicht miteinander zusammenhängen.

Quellen & Literatur

Brummelman, E., Thomaes, S., Nelemans, S. A., Orobio de Castro, B., Overbeek, G., & Bushman, B. J. (2015). Origins of narcissism in children. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 112, 3659–3662. doi:10.1073/pnas.1420870112
Angela L. Carey, Melanie S. Brucks, Albrecht C. P. Küfner, Nicholas S. Holtzman, Fenne große Deters, Mitja D. Back, M. Brent Donnellan, James W. Pennebaker & Matthias R. Mehl (2015). Narcissism and the Use of Personal Pronouns Revisited. Journal of Personality and Social Psychology, 109, 1068-1089.
Pinsky, Drew & Young, S. Mark (2009). The Mirror Effect: How Celebrity Narcissism Is Seducing America. Harper.
http://de.wikipedia.org/wiki/Narzissmus (09-08-01)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOGNITIVEENTWICKLUNG/Narzissmus.shtml (08-03-02)


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  1. 4 Responses to “Narzissmus”

  2. Sehr schöne Zusammenfassung für ein Phänomen, das meiner Meinung nach in den letzten Jahren wieder stärker geworden ist. Das mag viele Ursachen haben, aber ich denke eine ist die ewige zur Schau Stellung in den zahlreichen Fernsehformaten in Deutschland, bzw. der Welt.

    By Guido on Dez 7, 2010

  3. Dieser Text stimmt

    By Wichmann on Dez 25, 2011

  4. Narziss war in der griechischen Mythologie der hochmütige Sohn des Flussgottes Kephisos. Er wurde von Jünglingen und Mädchen gleichermaßen umworben, war aber von trotzigem Stolz auf seine eigene Schönheit erfüllt und wies alle Verehrer und Verehrerinnen herzlos zurück. Diese Kränkung erlebte auch die Bergnymphe Echo, woraufhin ihn Nemesis, die Göttin des Zorns (auch Aphrodite wird in manchen Quellen genannt) mit unstillbarer Selbstliebe bestraft: Als Narziss sich bei einer Wasserstelle niederlässt, verliebt er sich in sein eigenes Spiegelbild.
    Über den Ausgang der Geschichte gibt es mehrere Versionen, eine davon lautet: Als Narziss am Ufer sein Spiegelbild bewundert, fällt ein Blatt ins Wasser und trübt die Spiegelung. Schockiert von der vermeintlichen Erkenntnis, er sei hässlich, stirbt er. Die zweite Überlieferung berichtet, dass sich Narziss in sein Spiegelbild verliebt und sich mit ihm vereinigen will und dabei ertrinkt.

    By Die Sage von Narziss on Feb 11, 2013

  5. Wissenschaftler orten die Ursache von Narzissmus der Kindern bei den Eltern, wobei Mütter und Väter, die ihre Kinder für etwas Besseres und Besonderes halten, die Entwicklung dieser Persönlichkeits­störung fördern. Psychologen und Erziehungswissenschaftler befragten Kinder im Alter von sieben bis elf Jahren sowie deren Eltern über einen Zeitraum von zwei Jahren jeweils alle sechs Monate. Jene Heranwachsenden, deren Eltern angaben, ihr Nachwuchs sei «besonderer als andere Kinder» oder «verdiene im Leben etwas Aussergewöhnliches», hatten später narzisstischere Charaktere. Die auf diese Weise erzogenen Kinder besassen wenig Einfühlungsvermögen und reagierten überempfindlich auf Kritik. Demnach sei es dem Wohl eines Kindes nicht förderlich, wenn Väter oder Mütter es für «Gottes Geschenk an die Menschheit» hielten, denn Kinder glauben ihren Eltern, wenn diese ihnen sagen, sie seien besser als andere. Narzissmus ist somit ein Ergebnis übertriebener elterlicher Zuwendung und nicht etwa von zu wenig Zuwendung, was die soziale Lerntheorie stützt und dem psychoanalytischen Ansatz einer Erklärung des Narzissmus widerspricht. Narzissmus darf man daher nicht mit ­einem hohen Selbstwertgefühl zu verwechseln, denn Eltern, die ihre Kinder mit viel emotionaler Wärme behandelten, stärken das Selbstwertgefühl, und Menschen mit hohem Selbstwertgefühl sehen sich auf Augenhöhe mit anderen, während Narzissten denken, sie stünden darüber.

    By Kindernarzissmus on Mrz 10, 2015

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