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Moralische Selbstdarstellung

    Moralische Selbstdarstellung – moral grandstanding – bezeichnet die Verwendung moralischer Reden zur Selbstdarstellung, was nach Ansicht mancher eine Bedrohung der freien Meinungsäußerung, darstellt denn wenn in einem öffentlichen Diskurs die Selbstdarstellung oder Selbstinszenierung als wesentliches Element eingeführt wird, werden zahlreiche Ideale der freien Meinungsäußerung weniger wahrscheinlich verwirklicht. Es ist dann weniger wahrscheinlich, dass populäre Ansichten in Frage gestellt werden, die Menschen sind weniger frei, sich mit heterodoxen Ideen auseinanderzusetzen, und die Kosten für einen Meinungswechsel steigen. Nach Kurt Baier (1965) ist moralisches Gerede oft ziemlich widerwärtig, denn nicht wenige Menschen stört es extrem, wenn andere moralische Anschuldigungen erheben, moralische Empörung zum Ausdruck bringen, moralische Urteile fällen, Schuld zuweisen, moralische Zurechtweisungen erteilen, sich rechtfertigen und vor allem moralisieren.Das liegt daran, dass der öffentliche moralische Diskurs, also die Rede, die eine Angelegenheit von moralischer Bedeutung in das öffentliche Bewusstsein bringen soll, seinem eigenen Ideal manchmal nicht gerecht wird, d. h., der öffentliche moralische Diskurs kann in vielerlei Hinsicht schief gehen. Was auch immer über die Natur der Moral wahr ist, ihre Wirksamkeit in der realen Welt hängt in hohem Maße aber von der Praxis des öffentlichen moralischen Diskurses ab.

    Erstens wollen moralische Selbstdarsteller, dass andere von ihren moralischen Qualitäten beeindruckt sind, d. h., von der Reinheit ihrer moralischen Überzeugungen, ihrem Engagement für Gerechtigkeit, ihrer Fähigkeit, moralische Einsichten zu gewinnen (Anerkennungsbedürfnis), und zweitens versuchen moralische Selbstdarsteller, diesen Wunsch zu befriedigen, indem sie einen Beitrag zum öffentlichen moralischen Diskurs leisten (grandstanding expression). Die Grundidee besteht darin, dass ein Mensch damit auftrumpft, wenn er im Rahmen einer öffentlichen moralischen Diskussion etwas sagt oder schreibt, um andere mit ihren vermeintlichen moralischen Qualitäten zu beeindrucken.

    Die Fähigkeit, mit anderen Menschen effektiv über moralische Fragen zu diskutieren, ist aber ein unverzichtbares Instrument sowohl für den zwischenmenschlichen Umgang als auch für die Förderung moralischer Verbesserungen. Man könnte also annehmen, dass eine solch wichtige Praxis allgemein anerkannt ist bzw. sollte man erwarten können, dass Menschen diese Instrumente des moralischen Diskurses sorgfältig einsetzen, damit sie wirksam bleiben. Doch geht das moralische Gerede häufig schief, und wenn moralisches Gerede abstoßend wird, ist das abträglich für die Praxis des öffentlichen moralischen Diskurses. Vor allem wird es respektlos gegenüber anderen, diese Praxis des moralischen Diskurses vor allem zur Förderung der eigenen Interessen zu missbrauchen. Moralisches Gerede kann also selbst zu einer Form von schlechtem Verhalten werden, wobei vor allem in der Politik, in der ein gesunder öffentlicher Diskurs von entscheidender Bedeutung ist, der Vorwurf der Selbstherrlichkeit kaum zu überhören. Oft streben Menschen danach, nach außen ein Bild als moralisch integre Personen zu pflegen, wobei sich viele als Debatten verkaufte öffentliche Streitereien als Wettbewerb um Status interpretieren lassen. In einer Studie gaben Menschen auch an, dass sie vor allem zu ihrer eigenen Befriedigung ein moralisch besserer Mensch werden wollen, denn wer einen Heiligenschein trägt, darf sich der Bewunderung anderer meist sicher sein. Offenbar gleichen sich der Wunsch nach äußerer und der nach innerer oder moralischer Schönheit, da beide Varianten Status und Ansehen versprechen, wonach wohl letztlich alle Menschen in irgendeiner Form streben.

    Literatur

    Baier, Kurt (1965). The Moral Point of View: A Rational Basis of Ethics. New York: Random House.
    Tosi, J. & Warmke, B. (2016). Moral Grandstanding. Philosophy & Public Affairs, 44, 197-217.


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