Ammensprache

Als Ammensprache (baby talk, Motherese, Parentese) oder Kleinkindersprache wird in der Entwicklungspsychologie und der Sprachentwicklungsforschung jene spezielle Form der Sprache bezeichnet, die Eltern und auch andere Bezugspersonen in der Kommunikation mit einem kleinen Kind wählen. Kleinen Kindern gegenüber werden in ähnlichen Situationen ähnliche Sprachmelodiemuster benutzt, die in der Kommunikation Erwachsener untereinander selten vorkommen. Wenn Eltern mit ihren Babys reden, sprechen sie unbewusst automatisch anders, d. h., sie verwenden kurze einfache Sätze, wiederholen Wörter, machen längere Pausen, übertreiben Betonungen, die Stimme wird höher und verfällt mitunter in eine Art Sing-Sang.
Eine wesentliche biologische Funktion der Ammensprache besteht darin, eine sprachliche Kommunikation zwischen Kleinkindern und Erwachsenen zu ermöglichen, bevor die Kinder die Sprache verstehen können. Diese Kommunkation hat für die Kinder Schutz­funktion und erleichtert ihnen wesentliche Lernprozesse. Erwachsene sind übrigens unabhängig von ihrem Alter oder Geschlecht sowohl in der Lage in Ammensprache zu sprechen als auch deren Muster zu verstehen.

Die Ammensprache passt sich in der Regel den Anforderungen des Kindes an und stellt ein vereinfachtes und besonderes Sprachregister dar, das vermutlich universeller Natur ist. Das Register dieser Sprache wird dem Entwicklungsstand des Kindes angepasst und entsprechend dem Entwicklungsfortschritt verändert. Am wichtigsten scheinen jene Anpassungen zu sein, die es dem Kind ermöglichen, aktiv an der Konversation teilzunehmen. Anfangs passt sich die Mutter bzw. die Betreuungsperson in ihrer Sprachverwendung in Form des Baby-Talk noch ganz dem Kind an, sodass sich die ersten Wörter mit ihren Bedeutungen genau auf das Handeln der Betreuungs- und Pflegepersonen in Bedürfnissituationen beziehen. Zwischen 12 und 18 Monaten erwerben Kinder eine ganze Anzahl von Wörtern, die holophrasisch gebraucht (Einwort-Satz) werden.

Das Phänomen des Baby-Talk lässt sich in allen Sprachen und Kulturen beobachten. Die Muster der Ammensprache sind daher weitgehend unabhängig von der jeweils verwendeten Sprache und unabhängig von den tatsächlich ausgesprochenen Sätzen, d. h., sie prägen sich als Sprachmelo­die den ausgesprochenen Sätzen auf. Die Melodiemuster der Ammensprache sind demnach kulturunabhängig, da ihre charakteristischen Verläufe in allen Kulturen beobachtet werden können. Untersuchungen von Piazza et al. (2017) zeigten, dass die Klangfarbe des Baby-Talk in neun untersuchten Sprachen fast identisch ist. Klangfarbe ist das, was eine Stimme einzigartig macht, wobei sich sogar dieses individuelle stimmliche Merkmal im Kontakt mit Kindern verändert. Man fertigte Aufnahmen an, während die Mütter mit ihren sieben bis zwölf Monate alten Babys spielten und sprachen, aus denen Stimmprofile der Mütter mit Hilfe einer Frequenzanalyse aus der automatischen Spracherkennung extrahiert wurden, und zwar sowohl im normalen Sprachmodus als auch in der babysprachlichen Variante. Dabei war die stimmliche Verschiebung zwischen den beiden Profilen bei allen Müttern recht ähnlich, und auch das Computerprogramm konnte zwischen Baby- und Normalsprache treffsicher unterscheiden. Die Verschiebung der Klangfarbe fand sich dabei nicht nur bei den englischsprachigen Müttern, sondern auch in Deutsch, Französisch, Ungarisch, Mandarin, Polnisch und Russisch. Dass sich beim Baby Talk die Klangfarbe ändert, könnte nach Ansicht der AutorInnen beim Spracherwerb helfen, denn die Kleinkinder reagierten auf die stimmliche Veränderung und schenken dem Gesagten mehr Aufmerksamkeit.

Man nimmt daher an, dass die Muster der Ammensprache genetisch verankert sind. In der Ammensprache verändert sich dabei nicht nur die Stimmhöhe und das Gesprochene an sich, sondern man spricht mit kleinen Kindern auch deutlich langsamer als mit Erwachsenen. Die Worte werden deutlicher artikuliert, sieht das Kind dabei an und verändert in den meisten Fällen auch den Gesichtsausdruck. Die Betonung der einzelnen, besonders der wichtigen Worte unterscheidet sich ebenfalls gegenüber Gesprächen mit Erwachsenen, wobei noch eine vereinfachte Grammatik mit kurzen Sätzen hinzukommt, damit das Kind gut versteht, was man von ihm möchte.

Auch Kinder sprechen übrigens mit jüngeren Kindern diese Ammensprache, d. h., ihre Tonlage wird höher bzw. auch sie formulieren einfachere Sätze, Vor allem Kinder ab dem dritten oder vierten Lebensjahr gebrauchen selbst diese Baby-Sprache, wobei unklar ist, ob dies spontan geschieht oder auf Modelllernen beruht.

Manche Merkmale der Baby-Sprache werden auch gegenüber Haustieren oder bei Verliebten verwendet. Es zeigen sich vor allem folgende Merkmale:

  • Ersetzung schwieriger Laute durch einfachere,
  • Hervorhebung neuer Information durch Betonung,
  • Übertreibung der Intonationskontur von Äußerungen,
  • Tonhöhe beim Sprechen ist insgesamt höher,
  • Ersetzung von Pronomen der ersten und zweiten Person durch Eigennamen,
  • Verwendung von Diminuitiven,
  • längere Pausen an Phrasen- und Satzgrenzen,
  • kurze und grammatisch korrekte Sätze,
  • Wiederholung von Wörtern und Satzteilen,
  • begrenzter kindgemäßer Wortschatz,
  • Durchführung ritualisierter Sprachspiele.

Wie neuere Untersuchungen zeigen, unterstützt  diese kindliche Form von Sprache zunächst den Spracherwerb und ist z. B. durch die hohe Tonlage, eine meist übertriebene Satzmelodie und vor allem Wiederholungen gekennzeichnet. Studien zeigen allerdings, dass man Kleinkindersprache über einen längeren Zeitraum eher vermeiden soll, denn wenn man zu Kleinkindern wie zu Erwachsenen spricht, fördert man deren Lernfähigkeit am ehesten. Fehlende direkte Ansprache in den ersten beiden Lebensjahren ist oft ein Grund, aus dem Kinder aus sozial schwachen Familien im Einschulungsalter um bis zu zwei Jahre hinter ihren Altersgenossen herhinken. Sprache muss reich und komplex sein, denn das menschliche Gehirn entwickelt sich in den ersten Jahren unglaublich schnell. Bis zum Alter von drei Jahren bildet es wesentliche Neuronen-Verbindungen, und diese frühkindlichen Erfahrungen spielen die zentrale Rolle, ob die Verbindungen stärker oder schwächer ausgeprägt werden.
In Studien verglich man die Gehirne von Kindern aus schwierigem Umfeld und aus Familien mit hohem Bildungsstandard, wobei die Unterschiede in den Gehirnstrukturen am stärksten waren, die für die Sprachentwicklung zuständig sind, denn mit zunehmendem Alter setzen Kinder mit hohem sozioökonomischen Hintergrund diese Regionen stärker ein. Auch zeigte sich, dass Kinder nicht viel von dem mitnehmen, was ihre Eltern oder andere Bezugspersonen untereinander sprechen, sondern echtes Lernen stellte sich erst dann ein, wenn sie direkt angesprochen werden. Es ist daher von großer Bedeutung, Eltern dazu zu bringen, dass sie schon mit ihren Kleinkindern normal reden. Übrigens sollten Eltern, die ihren Kindern eine Zweitsprache nur dann wirklich beibringen, wenn sie diese selbst sicher beherrschen, denn Kinder lernen sonst nur ein begrenztes Vokabular, was ihre allgemeinen sprachlichen Fähigkeiten einschränkt.
Erst am Ende des ersten Lebensjahres beginnen Kinder, die Sprache so wie Erwachsene wahrzunehmen, denn erst mit sieben Monaten reagieren sowohl die auditorischen Bereiche des Gehirns, die für die Verarbeitung von Sprache zuständig sind, als auch motorische Bereiche auf Laute der Muttersprache wie auch einer Fremdsprache. Die Aktivität der motorischen Gehirnareale deutet nach Ansicht von Wissenschaftlern (Can et al., 2013) daraufhin, dass die Kinder in ihrer Vorstellung üben, wie sich bestimmte Worte bilden lassen. Das ändert sich im Alter von elf bis zwölf Monaten, denn ab dann reagieren die auditorischen Areale stärker auf die Muttersprache als auf eine Fremdsprache, wobei die motorischen Bereiche beim Hören der Fremdsprache eine größere Aktivität zeigen, da es für die Kinder vermutlich anstrengender ist, sich die Motorik vorzustellen, die diese Laute hervorbringen könnten. Sie reagieren damit in gleicher Weise wie das Gehirn Erwachsener auf fremde Sprachäußerungen. Aus diesen Forschungsergebnissen schließt man, dass Kleinkinder schon ganz zu Beginn üben, auf Sprache zu antworten. Die Studie weist auch darauf hin, dass übertrieben deutliches Sprechen Kleinkindern helfen kann, das Gehörte zu imitieren, denn es macht ihren Gehirnen einfacher, die zum Sprechen nötigen Bewegungen zu modellieren.
In einer aktuellen Studie (Becker et al., 2017) konnte nun nachgewiesen werden, dass auch Säuglinge bereits mit drei Monaten gesprochene Wörter in Silbenbetonung und Silbenlaute zerlegen, doch können sie diese verschiedenen Pfade der Verarbeitung gesprochener Sprache aber erst am Ende des ersten Lebensjahres zusammenführen. Säuglinge können daher schon früh das Sprachsignal auf der Suche nach Wörtern zerlegen, doch sie müssen erst lernen, diese auch wieder zusammen zu setzen. Die Fähigkeit, die Betonung und die Sprachlaute zu verbinden zeigen die Säuglinge erst mit etwa neun Monaten, also nachdem sie bereits viele Wörter erkennen, und benötigen dann für das Zusammenführen der Sprachlaute und der Betonung nur geringfügig länger als Erwachsene. Offenbar sind Säuglinge schon sehr effiziente Hörer.

Andere Begriffe für Baby-Talk sind übrigens Motherese, Kinder- oder Babysprache, Mutterisch oder Elterisch, wovon nur Baby Talk als etablierter Begriff der Kindersprachenforschung für ein kulturübergreifendes Phänomen gilt. Übrigens wurde daraus der Ausdruck secondary baby talk für den Sprachgebrauch von Pflegepersonal oder Angehörigen gegenüber älteren und pflegebedürftigen Menschen.

Auch Zweisprachigkeit kann durch die Verwendung der Ammensprache gefördert werden, denn die deutliche Aussprache hilft einem Kleinkind, die Phoneme der eigenen Sprache zu unterscheiden. Je öfter ein Kind ein Phonem hört, desto leistungsstärker werden die Verknüpfungen der Nervenzellen, wobei die Wahrnehmung der eigenen Sprache (meist 40-50 Phoneme) immer feiner wird, während diejenige fremder Sprachen dabei abnimmt. Wächst ein Kleinkind jedoch schon zweisprachig auf, wird der Umfang der Phoneme (der Mensch kann etwa 100 Phoneme unterscheiden) von Beginn der Sprachentwicklung an erweitert, was später eher schwierig zu bewerkstelligen ist

Literatur

Becker, A., Schild, U. & Friedrich, C.K. (2017). Tracking independence and merging of prosodic and phonemic processing across infancy. Developmental Science, Published online February 4 2017. doi: 10.1111/desc.12525.
Can, D. C., Richards, T. L., & Kuhl, P. K. (2013). Early gray-matter and white-matter concentration in infancy predict later language skills: A whole-brain voxel-based morphometry study. Brain & Language, 124, 34-44.
Download: http://ilabs.uw.edu/sites/default/files/2013%20Deniz%20Can%20et%20al%20.pdf (13-12-12)
Jakobson, R. (1969). Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze. Frankfurt: Suhrkamp.
Piazza, Elise A., Iordan, Marius Catalin & Lew-Williams, Casey (2017). Mothers Consistently Alter Their Unique Vocal Fingerprints When Communicating with Infants. Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2017.08.074.





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