Ammensprache

Als Ammensprache (baby talk) oder Kleinkindersprache wird in der Entwicklungspsychologie und der Sprachentwicklungsforschung jene spezielle Form der Sprache bezeichnet, die Eltern und auch andere Bezugspersonen in der Kommunikation mit einem kleinen Kind wählen. Kleinen Kindern gegenüber werden in ähnlichen Situationen ähnliche Sprachmelodiemuster benutzt, die in der Kommunikation Erwachsener untereinander selten vorkommen. Eine wesentliche biologische Funktion der Ammensprache besteht darin, eine sprachliche Kommunikation zwischen Kleinkindern und Erwachsenen zu ermöglichen, bevor die Kinder die Sprache verstehen können. Diese Kommunkation hat für die Kinder Schutz­funktion und erleichtert ihnen wesentliche Lernprozesse. Erwachsene sind übrigens unabhängig von ihrem Alter oder Geschlecht sowohl in der Lage in Ammensprache zu sprechen als auch deren Muster zu verstehen.

Die Ammensprache passt sich in der Regel den Anforderungen des Kindes an und stellt ein vereinfachtes und besonderes Sprachregister dar, das vermutlich universeller Natur ist. Das Register dieser Sprache wird dem Entwicklungsstand des Kindes angepasst und entsprechend dem Entwicklungsfortschritt verändert. Am wichtigsten scheinen jene Anpassungen zu sein, die es dem Kind ermöglichen, aktiv an der Konversation teilzunehmen.

Das Phänomen des Baby-Talk lässt sich in allen Sprachen und Kulturen beobachten. Die Muster der Ammensprache sind daher weitgehend unabhängig von der jeweils verwendeten Sprache und unabhängig von den tatsächlich ausgesprochenen Sätzen, d. h., sie prägen sich als Sprachmelo­die den ausgesprochenen Sätzen auf. Die Melodiemuster der Ammensprache sind demnach kulturunabhängig, da ihre charakteristischen Verläufe in allen Kulturen beobachtet werden können. Man nimmt daher an, dass die Muster der Ammensprache genetisch verankert sind. In der Ammensprache verändert sich dabei nicht nur die Stimmhöhe und das Gesprochene an sich, sondern man spricht mit kleinen Kindern auch deutlich langsamer als mit Erwachsenen. Die Worte werden deutlicher artikuliert, sieht das Kind dabei an und verändert in den meisten Fällen auch den Gesichtsausdruck. Die Betonung der einzelnen, besonders der wichtigen Worte unterscheidet sich ebenfalls gegenüber Gesprächen mit Erwachsenen, wobei noch eine vereinfachte Grammatik mit kurzen Sätzen hinzukommt, damit das Kind gut versteht, was man von ihm möchte.

Auch Kinder sprechen übrigens mit jüngeren Kindern diese Ammensprache, d. h., ihre Tonlage wird höher bzw. auch sie formulieren einfachere Sätze, Vor allem Kinder ab dem dritten oder vierten Lebensjahr gebrauchen selbst diese Baby-Sprache, wobei unklar ist, ob dies spontan geschieht oder auf Modelllernen beruht.

Manche Merkmale der Baby-Sprache werden auch gegenüber Haustieren oder bei Verliebten verwendet. Es zeigen sich vor allem folgende Merkmale:

  • Ersetzung schwieriger Laute durch einfachere,
  • Hervorhebung neuer Information durch Betonung,
  • Übertreibung der Intonationskontur von Äußerungen,
  • Tonhöhe beim Sprechen ist insgesamt höher,
  • Ersetzung von Pronomen der ersten und zweiten Person durch Eigennamen,
  • Verwendung von Diminuitiven,
  • längere Pausen an Phrasen- und Satzgrenzen,
  • kurze und grammatisch korrekte Sätze,
  • Wiederholung von Wörtern und Satzteilen,
  • begrenzter kindgemäßer Wortschatz,
  • Durchführung ritualisierter Sprachspiele.

Wie neuere Untersuchungen zeigen, unterstützt  diese kindliche Form von Sprache zunächst den Spracherwerb und ist z. B. durch die hohe Tonlage, eine meist übertriebene Satzmelodie und vor allem Wiederholungen gekennzeichnet. Studien zeigen allerdings, dass man Kleinkindersprache über einen längeren Zeitraum eher vermeiden soll, denn wenn man zu Kleinkindern wie zu Erwachsenen spricht, fördert man deren Lernfähigkeit am ehesten. Fehlende direkte Ansprache in den ersten beiden Lebensjahren ist oft ein Grund, aus dem Kinder aus sozial schwachen Familien im Einschulungsalter um bis zu zwei Jahre hinter ihren Altersgenossen herhinken. Sprache muss reich und komplex sein, denn das menschliche Gehirn entwickelt sich in den ersten Jahren unglaublich schnell. Bis zum Alter von drei Jahren bildet es wesentliche Neuronen-Verbindungen, und diese frühkindlichen Erfahrungen spielen die zentrale Rolle, ob die Verbindungen stärker oder schwächer ausgeprägt werden.
In Studien verglich man die Gehirne von Kindern aus schwierigem Umfeld und aus Familien mit hohem Bildungsstandard, wobei die Unterschiede in den Gehirnstrukturen am stärksten waren, die für die Sprachentwicklung zuständig sind, denn mit zunehmendem Alter setzen Kinder mit hohem sozioökonomischen Hintergrund diese Regionen stärker ein. Auch zeigte sich, dass Kinder nicht viel von dem mitnehmen, was ihre Eltern oder andere Bezugspersonen untereinander sprechen, sondern echtes Lernen stellte sich erst dann ein, wenn sie direkt angesprochen werden. Es ist daher von großer Bedeutung, Eltern dazu zu bringen, dass sie schon mit ihren Kleinkindern normal reden. Übrigens sollten Eltern, die ihren Kindern eine Zweitsprache nur dann wirklich beibringen, wenn sie diese selbst sicher beherrschen, denn Kinder lernen sonst nur ein begrenztes Vokabular, was ihre allgemeinen sprachlichen Fähigkeiten einschränkt.
Erst am Ende des ersten Lebensjahres beginnen Kinder, die Sprache so wie Erwachsene wahrzunehmen, denn erst mit sieben Monaten reagieren sowohl die auditorischen Bereiche des Gehirns, die für die Verarbeitung von Sprache zuständig sind, als auch motorische Bereiche auf Laute der Muttersprache wie auch einer Fremdsprache. Die Aktivität der motorischen Gehirnareale deutet nach Ansicht von Wissenschaftlern (Can et al., 2013) daraufhin, dass die Kinder in ihrer Vorstellung üben, wie sich bestimmte Worte bilden lassen. Das ändert sich im Alter von elf bis zwölf Monaten, denn ab dann reagieren die auditorischen Areale stärker auf die Muttersprache als auf eine Fremdsprache, wobei die motorischen Bereiche beim Hören der Fremdsprache eine größere Aktivität zeigen, da es für die Kinder vermutlich anstrengender ist, sich die Motorik vorzustellen, die diese Laute hervorbringen könnten. Sie reagieren damit in gleicher Weise wie das Gehirn Erwachsener auf fremde Sprachäußerungen. Aus diesen Forschungsergebnissen schließt man, dass Kleinkinder schon ganz zu Beginn üben, auf Sprache zu antworten. Die Studie weist auch darauf hin, dass übertrieben deutliches Sprechen Kleinkindern helfen kann, das Gehörte zu imitieren, denn es macht ihren Gehirnen einfacher, die zum Sprechen nötigen Bewegungen zu modellieren.

Andere Begriffe für Baby-Talk sind übrigens Motherese, Kinder- oder Babysprache, Mutterisch oder Elterisch, wovon nur Baby Talk als etablierter Begriff der Kindersprachenforschung für ein kulturübergreifendes Phänomen gilt. Übrigens wurde daraus der Ausdruck secondary baby talk für den Sprachgebrauch von Pflegepersonal oder Angehörigen gegenüber älteren und pflegebedürftigen Menschen.

Literatur
Can, D. C., Richards, T. L., & Kuhl, P. K. (2013). Early gray-matter and white-matter concentration in infancy predict later language skills: A whole-brain voxel-based morphometry study. Brain & Language, 124, 34-44.
Download: http://ilabs.uw.edu/sites/default/files/2013%20Deniz%20Can%20et%20al%20.pdf (13-12-12)
Jakobson, R. (1969). Kindersprache, Aphasie und allgemeine Lautgesetze. Frankfurt: Suhrkamp.




Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017