Kausalität

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Als das Wort „Warum“ erfunden wurde, war plötzlich alles anders.
Elmar Schenkel

Kausalität bezeichnet die Vorstellung eines Menschen, dass jedes Ereignis durch ein vorangegangenes Ereignis (Ursache=lat. causa) hervorgerufen wird, bezeichnet also das Vorliegen eines (gesetzmäßigen) Wirkungszusammenhangs zwischen Ereignissen beziehungsweise Erscheinungen in der Weise, dass ein Ereignis A unter bestimmten Bedingungen ein Ereignis B (mit Notwendigkeit) hervorbringt (verursacht), wobei die Ursache A der Wirkung B zeitlich vorausgeht und B niemals eintritt, ohne dass vorher A eingetreten ist.

In den empirischen Wissenschaften bezeichnet Kausalität einen nicht umkehrbaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung zwischen zwei oder mehreren Phänomenen, dargestellt in Form von Variablen. Eine Voraussetzung, um einen kausalen Zusammenhang feststellen zu können, ist die Ermittlung der unabhängigen, einflussgebenden und der abhängigen, also der beeinflussten Variablen. Durch gezielte Manipulation der unabhängigen Variablen mittels experimentellem Design, in dem alle anderen beeinflussenden Faktoren (Störvariablen) nach Möglichkeit ausgeschaltet und kontrolliert werden, kann die veränderte Wirkung auf die abhängige Variable gemessen werden. Letztlich kann das Vorliegen einer Kausalität nur inhaltlich begründet und mittels experimentellem Design überprüft werden. Auch wenn die statistischen Auswertungsmethoden bei Korrelation und Kausalität methodisch dentisch sind und die Stärke des Zusammenhangs jeweils mittels Korrelationskoeffizienten dargestellt wird.

Die klassische Lehre von den verschiedenen Ursachen beruht auf der aristotelischen Einteilung:

  • causa materialis (materiale Ursache) gehört zu den inneren Ursachen. Sie liegt im Stoff (griech. hyle), „woraus etwas entsteht, und was in diesem Etwas ist, z. B. ist die Bronze die Ursache der Statue“ (Aristoteles).
  • causa formalis (formale Ursache) gilt als die zweite innere Ursache. Sie besteht in der Form (griech. idea oder eidos), der Struktur oder dem Muster, das sich im Seienden findet. Die Bronzestatue z. B. entsteht dadurch, daß die Bronze in der Form der Statue gestaltet ist.
  • causa efficiens (wirkende Ursache) ist eine äußere Ursache; sie ist „die Quelle, worin die Veränderung oder die Ruhe ihren Ursprung hat“ (Aristoteles), d. h. die causa efficiens bewirkt, daß etwas erzeugt wird. So ist das Hämmern des Schmieds auf die Bronze und der Schmied selber eine der wirkenden Ursachen, die die Bronzestatue erzeugen.
  • causa finalis (Zweckursache) ist eine äußere Ursache; sie gibt den Zweck unseres Tuns an. „Z. B. ist Gesundheit die Ursache eines Spaziergangs. Denn „Warum macht man einen Spaziergang?“ sagen wir. „Wegen der Gesundheit.“ Die causa finalis war für Aristoteles ein naturwissenschaftliches Prinzip.

Die naturwissenschaftliche Kausalität beschreibt die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, wobei in der makroskopischen Welt strenge Kausalität gilt, d. h., dass eine Wirkung immer nach der Ursache eintritt und niemals gleichzeitig. So sagt etwa das dritte Newtonsche Axiom (actio und reactio) aus, dass bei der Wechselwirkung zwischen zwei Körpern jede Aktion (Kraft von Körper A auf B) gleichzeitig eine gleich große Reaktion (Gegenkraft von Körper B auf A) erzeugt wird, die auf den Verursacher der Aktion zurückwirkt.

Ist das Herstellen von Kausalität genetisch vorprogrammiert?

Wie neuere Untersuchungen (Rolfs et al., 2013) gezeigt haben, entsteht das Verständnis von kausalen Zusammenhängen schon beim Sehprozess ohne Beteiligung von höheren kognitiven Vorgängen. Das zeigt sich vor allem daran, dass beim wiederholten Betrachten von kausalen Zusammenhängen ein ähnlicher Gewöhnungseffekt eintritt wie bei der Wahrnehmung der Größe, Farbe oder Distanz eines Objektes, wobei vor allem schnelle Kausalitätsurteile bereits auf der Stufe der einfachen visuellen Wahrnehmung gefällt werden.

Kausalität auf der Basis von Spiegelneuronen?

In einer Studie haben Caggiano et al. (2016) Neuronen entdeckt, die möglicherweise an der Wahrnehmung von ursächlichen Zusammenhängen beteiligt sind. Bisher war nicht bekannt, wie Kausalitätsurteile auf der Ebene von Nervenzellen verarbeitet werden, man vermutete jedoch einen Zusammenhang mit der Verarbeitung von motorischen Handlungen, denn in beiden Fällen muss das Gehirn räumlich-zeitliche Zusammenhänge zwischen Reizen auswerten, die sich gegenseitig beeinflussen. Wieder sind es die berüchtigten Spiegelneuronen, die beim Betrachten einer Szene mit einer Kausalität aktiviert werden. denn diese Nervenzellen sind auch beim Ausführen und Betrachten motorischer Handlungen aktiv und spiegeln das Geschehen, auch wenn der Beobachter an den Handlungen gar nicht aktiv beteiligt ist. In der konkreten Studie maß man die Aktivität der Spiegelneuronen in der motorischen Hirnrinde von Makaken, denen auf einem Bildschirm natürliche Handbewegungen sowie abstrakte Reize in Form von bewegten Scheiben gezeigt wurden, wobei der Bewegungsverlauf der Hände und Scheiben durch die gleichen kausalen Beziehungen zustande kam. Es zeigte sich, dass die Aktivitätsmuster der Spiegelneuronen für beide Reizarten fast identisch waren, was darauf hindeutet, dass motorische Bewegungen und bestimmte Aspekte visueller Kausalitätsurteile möglicherweise gemeinsam von den gleichen Nervenzellen verarbeitet werden, denn beide Funktionen greifen auf überlappende Gehirnbereiche scheinbar zurück. Man vermutet daher, dass höhere Formen der Kausalitätswahrnehmung aus solchen einfachen Mechanismen der Bewegungserkennung und Interpretation entstanden sein könnten.

Neue Perspektiven auf Kausalität in der Psychologie

Die Corona-Pandemie hat das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft zeitweise in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Diskurses gerückt, wobei zahlreiche psychologische Studien zunächst zeigten, dass Menschen mit höherem Wissenschaftsvertrauen auch eher bereit waren, Schutzmaßnahmen wie Maskentragen, Händedesinfektion oder soziale Distanz einzuhalten. Dieses Vertrauen wurde von Politik und Medien rasch als entscheidender Hebel im Pandemieschutz interpretiert, doch neue Forschungsergebnisse differenzieren dieses Bild und stellen die Kausalität dieser Beziehung in Frage. Eine aktuelle Studienreihe von Wingen, Posten & Dohle (2025) untersuchte systematisch, ob Vertrauen in die Wissenschaft tatsächlich ursächlich für die Bereitschaft zu gesundheitsrelevantem Verhalten ist. Dazu wurde das Vertrauen von über 5.000 Teilnehmenden experimentell manipuliert, und zwar durch die gezielte Darstellung erfolgreicher wissenschaftlicher Ergebnisse und gescheiterter Forschungsprojekte. Anschließend wurden Indikatoren wie Impfbereitschaft und Befolgung von Hygieneregeln erfasst, wobei sich herausstellte, dass trotz erfolgreicher Manipulationen des Wissenschaftsvertrauens sich kein kausaler Effekt auf das Schutzverhalten zeigte. Dieses Ergebnis widerspricht der verbreiteten Annahme, dass aus der Korrelation zwischen Vertrauen in die Wissenschaft und Schutzverhalten automatisch auch eine Kausalität folgt. Hier handelt es sich also um die klassische Unterscheidung wissenschaftlicher Methodik zwischen Korrelation und Kausalität, denn nur weil zwei Variablen miteinander zusammenhängen, bedeutet dies nicht, dass eine die andere verursacht. Die Forschenden replizierten zwar den bekannten Zusammenhang zwischen Vertrauen und gesundheitsbezogenen Verhaltensintentionen, doch die experimentelle Überprüfung zeigte, dass kurzfristige Veränderungen des Vertrauens keine messbaren Auswirkungen auf das Verhalten hatten, wobei auch statistische Verfahren wie Äquivalenztests, interne Metaanalysen und ein Machine-Learning-Modells die Abwesenheit signifikanter Effekte bestätigten. Die Ergebnisse liegen also nahe, dass Vertrauen in die Wissenschaft zwar eine stabile Begleitvariable im gesellschaftlichen Kontext von Krisen ist, kurzfristige Kommunikationsstrategien zur Steigerung dieses Vertrauens jedoch kaum unmittelbare Wirkung auf das Verhalten entfalten. Auch deuten sie darauf hin, dass wissenschaftliches Vertrauen möglicherweise ein tiefgreifenderes, langfristig erlerntes Konstrukt ist, das über Jahre hinweg durch Bildung, soziale Prägung und Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Akteure geformt wird. Damit verschiebt sich der Fokus politischer und gesellschaftlicher Kommunikation, denn nicht die kurzfristige Inszenierung von Wissenschaft, sondern die kontinuierliche Förderung wissenschaftlicher Bildung und Transparenz scheinen entscheidend zu sein. Insgesamt wird auch verdeutlicht, dass das Vertrauen in die Wissenschaft nach wie vor eine zentrale Rolle für gesellschaftliche Stabilität und Rationalität spielt, seine Wirkung aber komplexer ist als bisher angenommen. Statt in unmittelbarer Kausalität äußert sich Wissenschaftsvertrauen womöglich in langfristigen Prozessen sozialer und kognitiver Entwicklung, woraus sich ein neues Forschungsfeld öffnet, das die Psychologie vor die doppelte Aufgabe stellt, einerseits zu verstehen, wie Vertrauen entsteht und andererseits zu erkennen, wann es tatsächlich wirkt.

Kann Kausalität mit Hilfe künstliche Intelligenz erkannt werden?

Künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen (ML) werden zunehmend eingesetzt, um komplexe Muster in großen Datenmengen zu erkennen. Dr. Philipp Bach und das Team von Prof. Dr. Martin Spindler an der University of Hamburg Business School erforschen darüber hinaus, wie diese Technologien genutzt werden können, um kausale Zusammenhänge zu erkennen und valide Schlussfolgerungen über Ursache-Wirkung-Beziehungen zu ziehen. Ziel ist es, über bloße Vorhersagen hinauszugehen und KI-Modelle zur fundierten Entscheidungsunterstützung einzusetzen – sei es im medizinischen Bereich, bei politischen Maßnahmen oder im wirtschaftlichen Kontext. Die Herausforderung liegt dabei darin, trotz begrenzter Daten und statistischer Unsicherheit belastbare Kausalabschätzungen zu treffen. Dafür kommen spezialisierte Verfahren wie das „Double Machine Learning“ zum Einsatz, die maschinelles Lernen mit strengen statistischen Anforderungen kombinieren. In einem konkreten Projekt untersucht das Team etwa, wie sich Text- und Bilddarstellungen auf Online-Kaufentscheidungen auswirken – beispielsweise bei Spielzeugautos auf Verkaufsplattformen. Mithilfe neuronaler Netze und großer Sprachmodelle werden Zusammenhänge zwischen Produktdarstellung und Kaufverhalten analysiert, um Einblicke in die Zahlungsbereitschaft und Optimierungsmöglichkeiten für die Preisgestaltung zu gewinnen.

Literatur

Caggiano, V., Fleischer, F., Pomper, J. K., Giese, M. & Thier, P. (2016). Mirror neu-rons in monkey premotor area F5 show tuning for critical features of visual causality perception. Current Biology, doi.org/10.1016/j.cub.2016.10.007.
Rolfs, M., Dambacher, M., & Cavanagh, P. (2013). Visual adaptation of the perception of causality. Current Biology, 2013; doi: 10.1016/j.cub.2012.12.017.
Stangl, W. (2011). Was ist Kausalität?
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTGEIST/Kausalitaet.shtml (11-02-21)
Stangl, W. (2026, 9. Jänner). Bedeutung, Grenzen und neue Perspektiven auf Kausalität in der Psychologie. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/6226/bedeutung-grenzen-und-neue-perspektiven-auf-kausalitaet-in-der-psychologie.
Universität Hamburg (2025, 26. Juni). KI trifft Kausalität: Wie maschinelles Lernen beim Erkennen von Ursache-Wirkung hilft. https://www.uni-hamburg.de/newsroom/forschung/2025/0626-fv-43-bwl-ki-kausalitaet.html
Wingen, T., Posten, A.-C., & Dohle, S. (2025). No evidence for causal effects of trust in science on intentions for health-related behavior. Communications Psychology, doi:10.1038/s44271-025-00375-7


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1 Gedanke zu „Kausalität“

  1. Zu den sieben Todsünden der populären Psychologie gehört nach Steve Ayan, Psychologe und Redakteur bei Gehirn und Geist, dass Korrelation und Kausalität verwechselt werden. Nur weil zwei Dinge gleichzeitig auftreten, heißt das nicht, dass das eine das andere bedingt. Klassisches Beispiel: Im Frühjahr kommen die Störche aus dem Süden zurück und in dieser Zeit werden mehr Kinder geboren. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Störche die Babys bringen. Bei einfachen Patentrezepten nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip ist also Vorsicht geboten. Das gilt auch, wenn Ratgebende sich als Heilsbringer inszenieren und angeblich den Stein der Weisen, also eine Idee oder ein Konzept, auf das noch niemand gekommen ist, entdeckt haben wollen.
    https://detektor.fm/wissen/spektrum-podcast-psychologie-ratgeber-fehler (23-02-06)

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