prosoziales Verhalten

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Es ist schlimm, erst dann zu merken,
dass man keine Freunde hat,
wenn man Freunde nötig hat.
Plutarch

Ich war schon immer der Ansicht,
dass das größte Privileg,
die größte Hilfe und der größte Trost
in einer Freundschaft darin bestehen,
dass man nichts erklären muss.
Katherine Mansfield

Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte.
George Bernard Shaw

Der beste Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.
Ralph Waldo Emerson

Prosoziales Verhalten ist ein positives, konstruktives, hilfsbereites Verhalten und das Gegenteil von antisozialem Verhalten. Allerdings spielen die Erwartungen darüber, ob sich jemand sozial verhält, für die zwischenmenschlichen Beziehungen eine große Rolle, denn Menschen passen ihr eigenes Verhalten an, je nachdem, ob sie von anderen Hilfe erwarten oder nicht.

Mit prosozialem Verhalten meint man in der Sozialpsychologie vor allem freiwillige Handlungen, die dazu bestimmt sind, einer anderen Person oder Gruppe von Personen zu helfen oder zu nutzen, wobei sich diese Definition vor allem auf die Folgen der Handlungen und nicht auf die Motivation bezieht, die hinter diesen Handlungen steht. Die Motivation hinter einer prosozialen Handlung kann nämlich auch egoistisch sein, wenn etwa eine Spende vor allem dazu dient, das eigene Prestige zu verbessern und Freunde zu gewinnen. Wenn ein Mensch an eine Institution anonym spendet, dann ist die Motivation wohl eher altruistisch, weil allein das Wohl dieser Institution im Vordergrund steht.

Dreijährige Kinder machen noch keinen Unterschied, ob jemand beim Teilen etwas erhält mit dem sie befreundet oder nicht befreundet sind. Sie verhalten sich in den meisten Fällen sozial und erwarteten dies auch von anderen, wobei dieses Vertrauen in den guten Willen des Gegenübers offensichtlich eine generelle Grundlage dafür ist, dass sie Beziehungen aufbauen können. Vier- und fünfjährige Kinder hingeben teilen eher mit jemandem, den sie mögen, als mit jemandem, den sie nicht mögen. Zugleich erwarteten sie aber auch, dass der Gebende beim Teilen darauf achtet, wen er mag oder nicht mag.

Bei Fünfjährigen gibt es also einen Zusammenhang zwischen der Erwartung, wie andere teilen, und der eigenen Bereitschaft, zu teilen. Mit fünf Jahren haben Kinder vermutlich schon gelernt, wie man sich beim Teilen anderen gegenüber verhält. Dies kann entweder daran liegen, dass sie in diesem Alter bereits die Fähigkeit haben, zu erfassen, wie ein Anderer über eine Situation urteilt und daraufhin handelt, bzw. oder haben bereits eine klare Vorstellung von Freundschaft erworben und davon, wie man sich als Freund verhalten muss.

Die evolutionäre Entwicklung des prosozialen Verhaltens im Kindesalter

Neuere Forschungsarbeiten zeigen, dass die Wurzeln des sozialen Miteinanders überraschend tief verankert sind und bereits in den ersten Lebensmonaten aktiv zutage treten. So konnte in experimentellen Untersuchungen nachgewiesen werden, dass bereits 14 Monate alte Kleinkinder eine deutliche Tendenz zeigen, anderen Menschen uneigennützig zu helfen, indem sie beispielsweise nach Gegenständen greifen und diese anreichen, die für eine andere Person unerreichbar sind. Obwohl die Fähigkeiten zur komplexen verhaltensmäßigen Koordination in diesem zarten Alter im Vergleich zu älteren Kleinkindern noch rudimentär ausgeprägt sind, lässt sich bereits ein frühes Gespür für gemeinsame Ziele und die Interdependenz menschlicher Handlungen erkennen. Diese intuitive, kooperative Grundhaltung erweist sich in der frühen Kindheit als bemerkenswert robust und bildet das Fundament für die weitere soziale Entwicklung. Um zu verstehen, wie sich dieses soziale Gespür im Laufe des Heranwachsens verändert, untersuchte ein Forschungsteam das Verhalten von über 530 Kindern im Alter zwischen drei und zehn Jahren in verschiedenen sozialen Entscheidungssituationen. Dabei wurden die Kinder zufällig zwei Bedingungen zugeteilt: Entweder mussten sie unter Zeitdruck eine schnelle, intuitive Entscheidung treffen oder sie wurden zu einer bewussten, reflektierten Verzögerung angeleitet. Die Ergebnisse dieser groß angelegten Untersuchung offenbaren einen faszinierenden Entwicklungswechsel in der Art und Weise, wie prosoziale Entscheidungen getroffen werden. In der frühen Kindheit, etwa im Kindergartenalter, ist das soziale Verhalten primär durch automatische Impulse und einen inhärenten sozialen Optimismus geprägt; fordert man Dreijährige jedoch dazu auf, vor einer Teilungsaufgabe gründlich nachzudenken, agieren sie plötzlich zögerlicher und kooperieren seltener, als wenn sie rein intuitiv aus dem Bauch heraus handeln. Wenn Kinder älter werden, bleibt diese wertvolle prosoziale Intuition zwar erstaunlich stabil und übersteht selbst den Einzug in den oft kompetitiven Schulalltag ohne sichtbare Schäden, doch parallel dazu reift ein zweites, reflektiertes System heran. Ab einem Alter von etwa acht Jahren kehrt sich der ursprüngliche Effekt nämlich um: Ältere Kinder handeln nach einer Phase des Nachdenkens und Abwägens weitaus prosozialer, ehrlicher und gemeinschaftsorientierter als jene, die eine spontane Entscheidung fällen müssen.Psychologie Dieser Wandel geht mit einer zunehmenden geistigen Reife einher, die es den Heranwachsenden erlaubt, abstrakte moralische Regeln anzuwenden, langfristige Konsequenzen abzuschätzen und Ungerechtigkeiten bewusst zu erkennen. Während dreijährige Kinder unfaire Aufteilungen in sozialen Spielen noch klaglos hinnehmen, sinkt diese blinde Akzeptanz und Fügsamkeit mit steigendem Alter drastisch, sodass ältere Kinder ungerechtes Verhalten aktiv ablehnen. Der Mensch muss demnach nicht erst mühsam lernen , freundlich und hilfsbereit zu sein, da den Menschen ein kooperativer Kern in die Wiege gelegt wurde; der entscheidende Entwicklungsschritt im Zuge des Heranwachsens besteht vielmehr darin, dass Menschen lernen, sich im reiferen Alter ganz bewusst und reflektiert für die Freundlichkeit zu entscheiden und diese fest in ihren alltäglichen Denksystemen zu verankern.

Eine Studie (Hilbrand et al., 2016) hat in der Überlebensanalyse von über fünfhundert Menschen im Alter zwischen 70 und 103 Jahren (Daten der Berliner Altersstudie aus den Jahren 1990 bis 2009) nachgewiesen, dass wer sich im Alter um andere kümmert, sich damit auch selbst etwas Gutes tut, denn Großeltern, die sich um ihre Enkelkinder kümmern, leben im Schnitt länger als Großeltern, die das nicht tun. Doch dieser positive Effekt des Kümmerns gilt aber nicht nur bei Hilfeleistungen und Betreuung innerhalb der eigenen Familie, sondern auch kinderlose, ältere Erwachsene, die etwa anderen Menschen emotionalen Beistand leisten, profitieren davon. Die Hälfte der Engagierten lebte noch sieben weitere Jahre, während diejenigen, die sich sozial nicht engagierten, im Schnitt nur noch vier weitere Jahre weiter lebten. Man vermutet, dass die Wurzeln prosozialen Verhaltens ursprünglich in der Familie liegen, und es erscheint plausibel, dass die Entwicklung von prosozialem Verhalten der Eltern und Großeltern gegenüber ihren Nachkommen durch ein neuronales und hormonales System möglich gemacht wurde, das dann auch die Grundlage für Kooperation und altruistisches Verhalten gegenüber Nichtverwandten ermöglichte. Man geht zumindest davon aus, dass vor allem bei einem moderaten Maß von Engagement positive Effekte auf die Gesundheit zu erwarten sind, den zu große Belastungen können zu Stress führen, der sich negativ auf die physische und psychische Gesundheit auswirken kann.

Aus den ethnographischen Untersuchungen geht hervor, dass sich die Menschen oft auch auf Beziehungen außerhalb ihrer eigenen Gruppe verlassen müssen, um Zugang zu nicht-lokalen Ressourcen zu erhalten, doch weiß man wenig darüber, wie die Menschen solche Kooperationspartner außerhalb ihrer eigenen Gruppe auswählen. Die Wahl der von gruppeninternen Partnern beruht meist auf Merkmalen, die mit einer besseren Zusammenarbeit verbunden sind, also etwa Vertrauenswürdigkeit und Produktivität. Daher stell sich die Frage, ob die Auswahl von Partnern außerhalb der eigenen Gruppe auf denselben Kriterien wie innerhalb der Gruppe beruht. Pisor & Gurven (2018) haben an einer kleinen bolivianischen Stichprobe untersucht, nach welchen Kriterien diese ihre Freunde auswählt, die einer anderen Gruppe angehören. Es zeigte sich dabei, dass Menschen ähnliche Kriterien anwenden wie bei der Auswahl von Freunden innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft, denn in beiden Fällen zählen vor allem individuelle Eigenschaften, die die Kooperation fördern können. Es zeigte sich aber auch, wenn es darum geht, begrenzte Ressourcen aufzuteilen, spezielle vorurteilshafte Gruppeneigenschaften diese Wahl beeinflussen. Offenbar können Gruppengrenzen nur dann überwunden werden, wenn zwei Gruppen eine gemeinsame Basis finden (Stangl, 2020).

Die Dichte des Netzwerks ist entscheidend

Studien legen auch nahe, dass die Menschen glauben, sie hätten mehr soziale Unterstützung von einer Gruppe von Freunden oder Familienmitgliedern, die sich alle untereinander kennen und freundschaftlich verbunden sind, als von einer gleich großen Anzahl von anderen Beziehungen, die nicht miteinander freundschaftlich verbunden sind. Offenbar ist ein Netzwerk von Menschen allein, an das man sich anlehnen kann, nur ein Teil dessen, was soziale Unterstützung für einen Menschen vorteilhaft macht, vielmehr je mehr Zusammenhalt unter diesen besteht, also je dichter dieses Netzwerk ist, desto mehr hat man das Gefühl, dass man sich auf ihre Unterstützung verlassen kann. Es ist also auch wichtig, dass die eigenen Freunde sich aufeinander verlassen können, so wie man sich auf sie verlässt. Auch spielt die Dichte eines sozialen Netzwerks in einer bestimmten Situation, in der Menschen Hilfe brauchen, eine wichtige Rolle. Offenbar ist nicht nur die Anzahl der Freunde und der Familie, die man in seinem Netzwerk hat, wichtig, sondern auch wie stark diese Freunde untereinander verbunden sind.

Prosoziales Verhalten im Gehirn

Lockwood et al. (2022) sind der Frage nachgegangen, wie das menschliche Gehirn die Kosten der Anstrengung kodiert, wenn Handlungen anderen Menschen zugute kommen. Dabei mussten Probanden eine Entscheidungsaufgabe absolvieren, bei der sie in jedem Versuch wählen konnten, wieviel Kraft sie für eine Belohnung aufwenden wollten. Diese Entscheidungen mussten sie dabei in getrennten Versuchen entweder zugunsten einer anderen Person oder zugunsten von sich selber treffen. Da bei diesen Versuchen Gehirnscans durchgeführt wurden, zeigte sich, dass der antriore cinguläre Cortex nur dann aktiv war, wenn es um Anstrengungen ging, die anderen zugutekommen, während dies bei selbstnützlichen Verhaltensweisen nicht der Fall war. Darüber hinaus waren stärkere, spezifische Repräsentationen prosozialer Bemühungen auch mit einem höheren Maß an Empathie und einer höheren Kraftausübung zum Nutzen anderer verbunden. Im Gegensatz dazu repräsentierten das ventrale tegmentale Areal und die ventrale Insula bevorzugt Werte, wenn man sich für sich selbst entschied und nicht für prosoziale Handlungen. Diese Ergebnisse unterstreichen die entscheidende Rolle, die Anstrengung in den Gehirnarealen spielt, wenn es um die Hilfe für andere oder für sich selbst geht.

Siehe auch Prosozialität.

Literatur

Gaschler, K. (2026). Kooperieren, teilen, streiten: Kinder entwickeln prosoziales Verhalten auf zwei Wegen. Spektrum der Wissenschaft.
Hilbrand, S., Coall, D. A., Gerstorf, D., & Hertwig, R. (2016). Caregiving within and beyond the family is associated with lower mortality for the caregiver: A prospective study. Evolution and Human Behavior, doi:10.1016/j.evolhumbehav.2016.11.010.
Lockwood, Patricia L., Wittmann, Marco K., Nili, Hamed, Matsumoto-Ryan, Mona, Abdurahman, Ayat, Cutler, Jo, Husain, Masud & Apps, Matthew A.J. (2024). Distinct neural representations for prosocial and self-benefiting effort. Current Biology, doi:10.1016/j.cub.2022.08.010.
Margoni, F., Nava, F., Sotis, C., Levy, M. R., Capraro, V., & Nava, E. (2026). Stable intuition and the rise of deliberative prosociality in childhood. Nature Human Behaviour, doi:10.1038/s41562-026-02487-4
Paulus, M. & Moore, C. (2014). The development of recipient-dependent sharing behavior and sharing expectations in preschool children. Developmental Psychology, 50,914-921.
Stangl, W. (2020). Stichwort: ‚Reziprokes Handeln‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/21837/reziprokes-handeln/ (2020-04-04)
Stangl, W. (2022, 30. August). Wie sich prosoziales Verhalten im Gehirn widerspiegelt. Stangl notiert …
https:// notiert.stangl-taller.at/grundlagenforschung/wie-sich-prosoziales-verhalten-im-gehirn-widerspiegelt/
Stangl, W. (2026, 10. Juli). Die evolutionäre Entwicklung des prosozialen Verhaltens im Kindesalter. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/6452/die-evolutionaere-entwicklung-des-prosozialen-verhaltens-im-kindesalter.
Warneken, F., & Tomasello, M. (2007). Helping and Cooperation at 14 Months of Age. Infancy, 11(3), 271–294.


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1 Kommentar zu „prosoziales Verhalten“

  1. Prosoziales Verhalten ist übrigens ein entscheidender Faktor für den Erfolg eines Menschen auf dem Arbeitsmarkt, wobei es für den Zusammenhang zwischen prosozialem Verhalten und dem Erfolg auf dem Arbeitsmarkt klare Belege aus verhaltensökonomischen Studien gibt. Die Bedeutung dieser Soft-Skills ergibt sich letztendlich daraus, dass es auch im Berufsalltag darum geht, dass man gut miteinander auskommt.

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