Erste-Nacht-Effekt“

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Unter dem Erste-Nacht-Effekt – First-Night Effect, FNE – versteht man in der Psychologie und Schlafforschung ein Phänomen, bei dem die Schlafqualität in der ersten Nacht in einer ungewohnten Umgebung signifikant vermindert ist. Dieses Phänomen ist so stabil, dass Daten aus der ersten Nacht in einem Schlaflabor für diagnostische Zwecke meist verworfen werden, da sie nicht das normale Schlafprofil der betroffenen Person widerspiegeln. Die Ursache liegt in einer neurobiologischen Besonderheit: Während wir in der Fremde ruhen, bleibt die linke Hirnhälfte in einer Art Alarmbereitschaft und agiert wacher als die rechte. Diese erhöhte Aktivität tritt primär im Default Mode Network auf, einem Netzwerk von Hirnarealen, das eigentlich im Ruhezustand aktiv ist, hier jedoch als Nachtwächter fungiert. Die Studie von Tamaki et al. (2016) lieferte die neurobiologische Erklärung für die Asymmetrie der Gehirnhälften, wobei Agnew et al. (1966) als die Pionierarbeit gilt, die das Phänomen erstmals systematisch beschrieb.

In experimentellen Studien zeigte sich, dass diese Asymmetrie bereits in der zweiten Nacht verschwindet, sobald die Umgebung als sicher eingestuft wird. Ein klassisches Beispiel für diese Sensibilität liefert die Forschung durch akustische Reize: Wenn schlafenden Probanden harmonische Klangfolgen vorgespielt werden, die sporadisch von schrillen Geräuschen unterbrochen werden, reagiert die linke Hirnhälfte deutlich empfindlicher auf die Störungen als die rechte. Dies führt dazu, dass die Versuchspersonen durch den Lärm in der ersten Nacht häufig aufschrecken, während in der darauffolgenden Nacht bereits eine Habituation – also eine Gewöhnung an die Störgeräusche – stattfindet.

Evolutionsbiologisch betrachtet handelt es sich hierbei um einen überlebenswichtigen Schutzmechanismus, der unsere Vorfahren vor Raubtieren und drohenden Gefahren in unbekanntem Terrain warnte. Während Meerestiere oder Zugvögel einen echten Ein-Hemisphären-Schlaf praktizieren, bei dem eine Gehirnhälfte (und oft ein Auge) vollständig wach bleibt, arbeiten menschliche Gehirne zwar nicht grundsätzlich asymmetrisch, haben jedoch funktionale Reste dieses Merkmals bewahrt. Um diesen Effekt bei Reisen zu minimieren, empfehlen Experten, vertraute Reize in die fremde Umgebung zu integrieren, etwa durch das Mitnehmen des eigenen Kopfkissens oder die Wahl standardisierter Hotelketten, die ein hohes Maß an Vertrautheit suggerieren.

Literatur

Agnew, H. W., Webb, W. B., & Williams, R. L. (1966). The first night effect: An EEG study of sleep. Psychophysiology, 2(3), 263–266.
Riemann, D., Baum, E., Cohrs, S., Crönlein, T., Hajak, G., Hertenstein, E., Jensen, J.-S., Kölsch, M., Rodenbeck, A., Schlarb, A., Weeß, H.-G., & Spiegelhalder, K. (2017). S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen – Kapitel „Insomnie bei Erwachsenen“. Somnologie, 21(1), 2–44.
Stangl, W. (2006, 11. April). Schlafstörungen. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/SCHLAF/Schlaf-Stoerung.shtml
Stuck, B. A., Maurer, J. T., Schredl, M., & Weeß, H.-G. (2018). Praxis der Schlafmedizin: Schlafstörungen bei Erwachsenen und Kindern (3. Aufl.). Springer.
Tamaki, M., Bang, J. W., Watanabe, T., & Sasaki, Y. (2016). Night watch in one brain hemisphere during sleep associated with the first-night effect in a novel environment. Current Biology, 26(9), 1190–1194.
Toussaint, M., Luthringer, R., Schaltenbrand, N., Carelli, G., Lainey, E., Jacqmin, A., Muzet, A., & Macher, J. P. (1995). First-night effect in normal subjects and psychiatric patients. Sleep, 18(6), 463–469.


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