In der Psychologie bezeichnet Depersonalisierung ein verändertes Erleben des eigenen Selbst, bei dem Betroffene das Gefühl haben, von sich selbst entfremdet oder innerlich „unwirklich“ zu sein. Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen oder Handlungen werden dabei nicht als verloren erlebt, sondern als fremd, automatisch oder wie durch eine Distanz wahrgenommen. Häufig beschreiben Betroffene, sie fühlten sich wie ein Beobachter ihrer selbst, als lebten sie „neben sich“ oder handelten wie eine Figur in einem Film. Entscheidend ist, dass die Realitätsprüfung erhalten bleibt: Den Betroffenen ist bewusst, dass diese Wahrnehmungen subjektiv sind und nicht einer tatsächlichen Veränderung der Realität entsprechen.
Depersonalisierung tritt oft gemeinsam mit Derealisation auf, bei der die Umwelt als unwirklich, flach, leblos oder künstlich erlebt wird. Während Derealisation die Außenwelt betrifft, richtet sich Depersonalisierung primär auf das Selbst. Typische Symptome sind emotionale Abstumpfung, ein Gefühl innerer Leere, veränderte Körperwahrnehmung (z. B. Hände erscheinen fremd oder zu groß), eine gedämpfte Wahrnehmung von Schmerz oder Freude sowie die Empfindung, nicht wirklich zu existieren oder keinen „Kern“ zu haben. Ein häufiges Beispiel ist eine Person, die in einem Gespräch merkt, dass sie spricht und gestikuliert, dies aber erlebt, als würde jemand anderes ihren Körper steuern.
Depersonalisierung kann vorübergehend auftreten und ist dann eine relativ häufige Reaktion auf extreme Belastung, Angst, Übermüdung, Drogenkonsum oder akuten Stress. So berichten manche Menschen während einer Panikattacke, sie fühlten sich plötzlich wie betäubt oder losgelöst von sich selbst, was die Angst oft weiter verstärkt. In diesen Fällen wird Depersonalisierung als eine Schutzreaktion des psychischen Systems verstanden, die dazu dient, überwältigende Emotionen abzuflachen. Das Erleben klingt meist ab, sobald sich die Belastung reduziert.
Von klinischer Relevanz spricht man, wenn die Symptome anhaltend oder wiederkehrend auftreten und zu deutlichem Leidensdruck führen. In diesem Fall kann eine Depersonalisations-/Derealisationserkrankung diagnostiziert werden. Betroffene leiden dann oft über Monate oder Jahre unter einem chronischen Gefühl innerer Fremdheit, ohne dass klassische psychotische Symptome vorliegen. Besonders belastend ist dabei die Angst, „verrückt zu werden“, die eigene Persönlichkeit zu verlieren oder emotional nie wieder normal empfinden zu können, obwohl objektiv keine Ich-Auflösung stattfindet.
Depersonalisierung tritt zudem häufig im Rahmen anderer psychischer Störungen auf, insbesondere bei Angststörungen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Zwangsstörungen. Neuropsychologisch werden Veränderungen in der Emotionsverarbeitung, eine verstärkte präfrontale Kontrolle sowie eine gedämpfte Aktivität limbischer Strukturen diskutiert, was die typische emotionale Distanz erklären könnte. Psychodynamische Ansätze betonen hingegen den Abwehrcharakter des Symptoms, während kognitiv-behaviorale Modelle die Rolle von Aufmerksamkeitsfokussierung, Katastropheninterpretationen und Angstspiralen hervorheben.
Depersonalisierung beschreibt somit ein komplexes, oft hochbelastendes Phänomen zwischen Normalreaktion und Störungsbild, bei dem das Selbstgefühl vorübergehend oder dauerhaft verändert ist, ohne dass der Bezug zur Realität verloren geht. Gerade diese Diskrepanz zwischen rationalem Wissen und subjektivem Erleben macht die Depersonalisierung für Betroffene besonders irritierend und erklärungsbedürftig.
Literatur
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