Derealisierung

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In der Psychologie bezeichnet Derealisierung eine qualitative Veränderung der Wahrnehmung der Außenwelt, bei der die Umgebung als fremd, unwirklich, künstlich oder emotional bedeutungslos erlebt wird. Betroffene berichten häufig, dass ihre Umwelt wie durch eine Glasscheibe, einen Schleier oder einen Traum wahrgenommen wird. Farben können blass oder übermäßig scharf erscheinen, Geräusche dumpf oder mechanisch wirken, Entfernungen verzerrt sein. Trotz dieser intensiven Veränderungen bleibt die Realitätsprüfung erhalten: Den Betroffenen ist bewusst, dass die Welt objektiv unverändert ist und das veränderte Erleben aus ihnen selbst heraus entsteht.

Derealisierung tritt oft gemeinsam mit Depersonalisierung auf, bei der das eigene Selbst als fremd oder losgelöst erlebt wird. Während sich Depersonalisierung auf das innere Erleben richtet, betrifft Derealisierung primär die Außenwelt. Typische Beispiele sind Personen, die durch eine vertraute Straße gehen und plötzlich den Eindruck haben, alles wirke wie eine Kulisse, leblos oder zweidimensional, oder die Stimmen anderer Menschen klängen wie aus großer Entfernung oder wie aus einem Lautsprecher. Manche beschreiben ihre Umwelt als „zu real“, überdeutlich und künstlich zugleich, was zu starker Verunsicherung führen kann.

Derealisierung kann kurzzeitig und situationsgebunden auftreten und ist dann eine relativ häufige Reaktion auf akuten Stress, extreme Angst, Überforderung, Schlafmangel oder psychoaktive Substanzen. Besonders häufig wird sie im Rahmen von Panikattacken berichtet, wenn eine plötzliche physiologische Übererregung mit intensiver Angst einhergeht. In diesen Fällen wird Derealisierung als Schutzmechanismus verstanden, der eine emotionale Distanzierung von einer als bedrohlich erlebten Situation ermöglicht. Das Symptom klingt meist ab, sobald sich das Angstniveau normalisiert.

Klinische Bedeutung erlangt Derealisierung, wenn sie anhaltend, wiederkehrend oder chronisch auftritt und mit erheblichem Leidensdruck verbunden ist. In solchen Fällen kann sie Teil einer Depersonalisations-/Derealisationserkrankung sein oder im Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen stehen, insbesondere Angststörungen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Zwangsstörungen. Betroffene leiden häufig weniger unter dem Wahrnehmungsphänomen selbst als unter der damit verbundenen Angst, die Kontrolle zu verlieren, psychotisch zu werden oder dauerhaft von der Realität abgeschnitten zu sein, obwohl objektiv keine Psychose vorliegt.

Theoretische Erklärungsmodelle betrachten Derealisierung aus unterschiedlichen Perspektiven. Neurobiologische Ansätze gehen von einer veränderten Verarbeitung sensorischer Reize und einer verminderten emotionalen Bewertung durch limbische Strukturen aus, was zu einer entkoppelten, „leblosen“ Wahrnehmung der Umwelt führt. Kognitiv-behaviorale Modelle betonen die Rolle von Angst, Hypervigilanz und katastrophisierenden Interpretationen ungewöhnlicher Wahrnehmungen, die das Symptom aufrechterhalten können. Psychodynamische Theorien verstehen Derealisierung als Abwehrreaktion gegen überwältigende Affekte oder traumatische Erfahrungen.

Zusammenfassend beschreibt Derealisierung ein verändertes Welt- und Wirklichkeitserleben, bei dem die Außenwelt subjektiv ihre Selbstverständlichkeit verliert, ohne dass der Bezug zur objektiven Realität aufgegeben wird. Gerade diese Diskrepanz zwischen Wissen und Erleben macht Derealisierung für Betroffene besonders irritierend und erklärt, warum sie häufig mit intensiver Angst und Grübelneigung einhergeht.

Literatur

American Psychiatric Association. (2022). DSM-5-TR: Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed., text rev.). American Psychiatric Publishing.
Hunter, E. C. M., Sierra, M., & David, A. S. (2004). The epidemiology of depersonalisation and derealisation: A systematic review. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 39(1), 9–18. [
Sierra, M. (2009). Depersonalization: A new look at a neglected syndrome. Cambridge University Press.
Simeon, D., & Abugel, J. (2006). Feeling unreal: Depersonalization disorder and the loss of the self. Oxford University Press.


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