Das Second Victim Phenomenon (SVP) bezeichnet in der Psychologie und Versorgungsforschung die psychische Belastungsreaktion von Fachkräften im Gesundheitswesen infolge eines unerwarteten, negativen oder potenziell schädigenden Ereignisses in der Patientenversorgung. Während Patientinnen und Patienten als „erste Opfer“ gelten, können Behandelnde zu „zweiten Opfern“ werden, wenn sie durch das Ereignis emotional erschüttert, traumatisiert oder in ihrer beruflichen Identität verunsichert sind. Der Begriff wurde Ende der 1990er-Jahre zunächst für Ärztinnen und Ärzte geprägt, die nach einem selbst verursachten Behandlungsfehler unter intensiven Schuldgefühlen litten. In den folgenden Jahren wurde die Definition erweitert und umfasst heute alle in der Gesundheitsversorgung tätigen Personen, die infolge eines belastenden Ereignisses im Behandlungskontext psychische Symptome entwickeln – unabhängig davon, ob sie selbst einen Fehler begangen haben oder ob objektiv überhaupt ein Fehler vorlag. Maßgeblich ist die subjektiv erlebte Belastung (Rösner et al., 2024).
Eine international konsensbasierte Definition beschreibt Second Victims daher als Gesundheitsfachpersonen, die infolge eines unerwarteten Ereignisses im Rahmen der Patientenversorgung emotional belastet sind und Unterstützung benötigen. Die deutschsprachige Übersetzung und Adaptation dieser Definition wurde mittels Delphi-Methode erarbeitet und trägt zur konzeptuellen Schärfung des Begriffs im deutschsprachigen Raum bei (Rösner et al., 2024). Das Phänomen steht in engem Zusammenhang mit Burnout-Risiko, beruflicher Unzufriedenheit, erhöhter Fehlerangst und im Extremfall mit dem Verlassen des Berufs. Inzwischen wird SVP nicht mehr primär als individuelles Versagen verstanden, sondern als Ausdruck systemischer Belastungen innerhalb komplexer Versorgungssysteme. Eine offene Fehlerkultur, Supervision, Peer-Support-Programme und institutionalisierte Nachbesprechungen gelten als zentrale Präventions- und Interventionsmaßnahmen.
Typische Auslöser sind schwerwiegende Komplikationen, unerwartete Todesfälle, traumatisch verlaufende Geburten, Fehlbehandlungen oder sogenannte Near Miss-Ereignisse, bei denen es beinahe zu einem Schaden gekommen wäre. Auch wenn Patientinnen oder Patienten letztlich keinen bleibenden Schaden erleiden, kann allein das Bewusstsein, dass ein Fehler hätte passieren können, intensive Schuld- und Versagensgefühle auslösen. Eine Operation mit tödlichem Ausgang, die Fehleinschätzung eines Unfallopfers oder eine dramatische Notfallsituation können bei den beteiligten Fachkräften intrusive Gedanken, Schlafstörungen, Angst, Selbstzweifel, Scham und Rückzugstendenzen hervorrufen. Häufig berichten Betroffene von anhaltendem Grübeln („Was hätte ich anders machen müssen?“), einem verminderten beruflichen Selbstwertgefühl sowie der Angst vor erneuten Fehlern. In ausgeprägten Fällen zeigen sich Symptome, die einer akuten Belastungsreaktion oder einer posttraumatischen Belastungsstörung ähneln.
Empirische Untersuchungen verdeutlichen die hohe Prävalenz des Phänomens. In einer österreichischen Querschnittsstudie mit knapp 500 Hebammen gaben rund 80 % an, im Laufe ihres Berufslebens mehr als einmal ein Second-Victim-Erlebnis gehabt zu haben. Am häufigsten wurden Ereignisse ohne bleibenden Patientenschaden (Near Miss) als Auslöser genannt, während etwa 14 % der Befragten ein SVP infolge eines tödlichen Ereignisses entwickelten. Viele Betroffene berichteten, dass eine zeitnahe kollegiale Unterstützung und die strukturierte Aufarbeitung der Situation als besonders entlastend erlebt wurden (Klemm et al., 2025). Diese Befunde unterstreichen, dass nicht allein die objektive Schwere eines Ereignisses entscheidend ist, sondern vor allem dessen subjektive Bedeutung sowie die vorhandenen organisationalen Unterstützungsstrukturen.
Eine international konsensbasierte Definition beschreibt Second Victims als Gesundheitsfachpersonen, die infolge eines unerwarteten Ereignisses im Rahmen der Patientenversorgung emotional belastet sind und Unterstützung benötigen. Die deutschsprachige Übersetzung und Adaptation dieser Definition wurde mittels Delphi-Methode erarbeitet und trägt zur konzeptuellen Schärfung des Begriffs im deutschsprachigen Raum bei (Rösner et al., 2024). Das Phänomen steht in engem Zusammenhang mit Burnout-Risiko, beruflicher Unzufriedenheit, erhöhter Fehlerangst und im Extremfall mit dem Verlassen des Berufs. Inzwischen wird SVP nicht mehr primär als individuelles Versagen verstanden, sondern als Ausdruck systemischer Belastungen innerhalb komplexer Versorgungssysteme. Eine offene Fehlerkultur, Supervision, Peer-Support-Programme und institutionalisierte Nachbesprechungen gelten als zentrale Präventions- und Interventionsmaßnahmen.
Literatur
Klemm, V., Potura, E., Fuerst, S., Roesner, H., & Strametz, R. (2025). The second victim phenomenon among midwives in Austria (SeViD-A3): A cross-sectional study. European Journal of Midwifery, 9(July), doi.:10.18332/ejm/206922.
Rösner, H., Bushuven, S., Ettl, B., Heininger, S., Hinzmann, D., Huf, W., Krommer, E., Marung, H., Potura, E., Raspe, M., Schwappach, D., Trifunovic-König, M., & Strametz, R. (2024). Second Victim: Übersetzung der internationalen konsensbasierten Definition mittels Delphi-Methode. Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie, 74, 277–282.
Nach Scott et al. (2009) durchlaufen Betroffene meist eine typische Abfolge, um den Vorfall zu verarbeiten:
Chaos & Reaktion: Akuter Stress, Schock.
Intrusive Reflexionen: Der Vorfall wird immer wieder im Kopf durchgespielt.
Wiederherstellung der persönlichen Integrität: Frage: „Bin ich ein guter Behandelnder?“.
Enduring the Inquisition: Angst vor Untersuchungen oder Konsequenzen.
Emotional First Aid: Suche nach Unterstützung (kollegial oder professionell).
„Moving on“ (Weiterkommen): Entweder „Wachstum“ (Thrive), „Überleben“ (Survive) oder „Aufgeben“ (Dropout).
Literatur
Scott, S.D., Hirschinger, L.E., Cox, K.R., McCoig, M., Brandt, J. & Hall, L.W. (2009) The natural history of recovery for the healthcare provider “second victim” after adverse patient events. Qual Saf Health Care, 18 (5): 325-330.