Subjektwissenschaftliche Lerntheorie

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Die subjektwissenschaftliche Lerntheorie, die maßgeblich vom Berliner Psychologen Klaus Holzkamp im Rahmen der Kritischen Psychologie entwickelt wurde, stellt einen radikalen Paradigmenwechsel in der psychologischen Lernforschung dar, indem sie das Lernen konsequent aus der Perspektive des lernenden Subjekts betrachtet. Im Gegensatz zu traditionellen Lerntheorien wie dem Behaviorismus oder Kognitivismus, die Lernen oft als eine Reaktion auf äußere Reize oder als bloße Informationsverarbeitung beschreiben, also das Individuum gewissermaßen als Objekt von Instruktionen und Einflüssen behandeln, begreift dieser Ansatz das Lernen als eine subjektiv begründete Handlung.

Zentral ist hierbei der Begriff der Handlungsfähigkeit, d. h., Menschen streben danach, über ihre eigenen Lebensbedingungen zu verfügen und ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Lernen findet laut Holzkamp immer dann statt, wenn ein Subjekt in seiner Lebenspraxis auf eine Problematik stößt, die mit den vorhandenen Mitteln und Kenntnissen nicht mehr bewältigt werden kann. Anstatt das Lernen als bloßes Muss zu sehen, das von Lehrern oder Arbeitgebern verordnet wird, wird gefragt, welche Gründe das Individuum selbst hat, sich neues Wissen anzueignen. Holzkamp unterscheidet dabei fundamental zwischen zwei Lernformen: dem expansiven und dem defensiven Lernen.

Expansives Lernen ist dadurch gekennzeichnet, dass der lernende Mensch eine reale Erweiterung seiner Handlungsmöglichkeiten anstrebt, d. h. das Lernen dient dazu, die Welt besser zu verstehen und mehr Einfluss auf die eigene Lebensgestaltung zu gewinnen. Ein Beispiel hierfür wäre ein Arbeitnehmer, der sich aus eigenem Antrieb in eine neue Software einarbeitet, nicht weil er dazu gezwungen wird, sondern weil er erkennt, dass er dadurch seine Arbeitsabläufe selbstbestimmter gestalten und komplexere, interessantere Projekte übernehmen kann.

Demgegenüber steht das defensive Lernen, das primär der Abwehr von Beeinträchtigungen oder Sanktionen dient, d.h. hier wird gelernt, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wie etwa schlechte Noten, Kritik vom Vorgesetzten oder den Verlust des Arbeitsplatzes. In diesem Fall bleibt der Lerngegenstand dem Subjekt oft fremd und die Motivation ist rein instrumentell,, sodass das Wissen häufig nur oberflächlich angeeignet wird und nach dem Wegfall des Drucks (z. B. nach der Prüfung) schnell wieder vergessen. Ein klassisches Beispiel ist das Bulimie-Lernen im Bildungssystem, bei dem Schüler und Schülerinnen sich Stoff aneignen, den sie für ihr eigentliches Leben als bedeutungslos empfinden, nur um die drohende Sanktion einer schlechten Note abzuwenden. Die subjektwissenschaftliche Theorie kritisiert daher, dass institutionelle Lernkontexte (Schule, Universität, Betrieb) oft Rahmenbedingungen schaffen, die defensives Lernen erzwingen, anstatt die subjektiven Interessen und die Erweiterung der Handlungsfähigkeit in den Vordergrund zu stellen.

Ein weiterer Kernaspekt ist die Analyse von Begründungsmustern, denn warum entscheidet sich ein Mensch unter gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen für oder gegen das Lernen? Die Theorie betont, dass auch Nicht-Lernen eine subjektiv vernünftige Entscheidung sein kann, wenn der Aufwand in keinem sinnvollen Verhältnis zum subjektiven Nutzen steht oder wenn das Lernen die eigene Lebenssituation nicht spürbar verbessert. Damit wird der Fokus von einem moralisierenden Blick auf faule oder unmotivierte Lernende weggenommen und stattdessen die Frage nach der Qualität der Lernumgebungen und der gesellschaftlichen Teilhabe gestellt. Lernen wird somit nicht als isolierter kognitiver Prozess, sondern als Teil der sozialen und gesellschaftlichen Praxis verstanden, bei dem es um nichts Geringeres geht als um die Rückgewinnung von Autonomie in einer komplexen Welt.

Literatur

Faulstich, P. (2013). Menschliches Lernen: Eine kritisch-pragmatistische Lerntheorie. Transcript Verlag.
Holzkamp, K. (1993). Lernen: Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Campus Verlag.
Holzkamp, K. (1996). Wider den Lehr-Lern-Kurzschluß. In R. Voß (Hrsg.), Die Schule neu erfinden (S. 21–30). Luchterhand.
Ludwig, J. (2012). Die subjektwissenschaftliche Lerntheorie. In Handbuch Lern- und Lehrtheoretische Grundlagen der Weiterbildung (S. 145–158). Springer VS.


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