Pragmatistische Lerntheorie

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Die pragmatistische Lerntheorie ist eine psychologisch-pädagogische Strömung, die ihre Wurzeln im US-amerikanischen Pragmatismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat, maßgeblich geprägt durch Denker wie John Dewey, William James und Charles Sanders Peirce. Im Kern postuliert diese Theorie, dass Lernen kein passiver Prozess der Informationsaufnahme ist, sondern eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt, bei der Wissen als Werkzeug zur Problemlösung verstanden wird.

Das zentrale Credo „Learning by Doing“ beschreibt dabei nicht bloßen Aktionismus, sondern die untrennbare Einheit von Handeln und Denken: Wissen wird erst dann wahr oder bedeutsam, wenn es sich in der Praxis bewährt und die Handlungsfähigkeit des Individuums erweitert. Aus pragmatistischer Sicht beginnt ein Lernprozess meist mit einer Störung des gewohnten Handlungsflusses, einer Irritation oder einem Problem, das mit dem vorhandenen Wissen nicht gelöst werden kann. Dies löst eine Phase der Inquiry (Untersuchung) aus, in der Hypothesen gebildet, erprobt und reflektiert werden. Lernen ist somit ein zyklischer Prozess der Erfahrungstransformation.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist ein Kind, das mit Bausteinen spielt: Es möchte einen Turm bauen, der jedoch immer wieder einstürzt. Die rein theoretische physikalische Schwerkraft ist für das Kind zunächst irrelevant, und erst durch das aktive Experimentieren mit der Statik, das Scheitern und das anschließende Anpassen der Bauweise (Reflexion) entsteht funktionales Wissen über Gleichgewicht. Ein weiteres Beispiel aus dem schulischen Kontext ist das Projektlernen: Anstatt Vokabeln und Grammatikregeln isoliert zu büffeln, lernen Schüler eine Fremdsprache, indem sie gemeinsam eine Schülerzeitung erstellen oder ein Theaterstück inszenieren. Hier dient die Sprache als Werkzeug, um ein greifbares Ziel zu erreichen.

Die pragmatistische Theorie betont zudem die soziale Dimension des Lernens, denn Dewey sah die Schule als einen Ort der gelebten Demokratie“ in dem soziale Interaktion und gemeinsame Problemlösung die Grundlage für kognitive und moralische Entwicklung bilden. Wahrheit wird hier nicht als absolute Korrespondenz zu einer objektiven Realität gesehen, sondern als behauptbare Berechenbarkeit, d. h., Wissen ist das, was Menschen hilft, sich in einer komplexen Welt besser zurechtzufinden. Da sich die Umwelt ständig wandelt, bleibt auch das Wissen ein vorläufiges Konstrukt, das permanent durch neue Erfahrungen revidiert werden muss. Man könnte sagen: In der Welt des Pragmatismus ist eine Theorie ohne Praxis wie ein Auto ohne Räder, d. h. man kann darin zwar bequem sitzen, aber man kommt nirgendwohin.

Literatur

Dewey, J. (1916). Democracy and education: An introduction to the philosophy of education. Macmillan.
Dewey, J. (1938). Experience and education. Kappa Delta Pi.
James, W. (1907). Pragmatism: A new name for some old ways of thinking. Longmans, Green, and Co.
Oelkers, J. (2009). John Dewey und die Pädagogik. Beltz.
Reich, K. (2005). Systemisch-konstruktivistische Pädagogik. Beltz.


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