In der Psychologie bezeichnet der Begriff „Verlernen“ – unlearning – keinen passiven Prozess des Vergessens, sondern einen aktiven kognitiven und behavioralen Vorgang, bei dem bestehende Wissensstrukturen, Gewohnheiten oder Konditionierungen bewusst oder unbewusst abgebaut oder durch neue Muster überlagert werden. Während das Vergessen oft als Zerfall von Gedächtnisspuren durch Zeit oder mangelnden Abruf verstanden wird, setzt das Verlernen meist eine Interferenz voraus: Neue Informationen treten in Konkurrenz zu alten, was neurobiologisch häufig mit Prozessen der synaptischen Plastizität und der Extinktion (Löschung) in Verbindung gebracht wird. Ein zentraler Aspekt des Verlernens ist die Erkenntnis, dass einmal gespeicherte Informationen selten vollständig aus dem Gehirn gelöscht werden. Vielmehr findet eine Hemmung oder Modifikation statt. In der klassischen Konditionierung spricht man von Extinktion, wenn ein gelernter Reiz nicht mehr die erwartete Reaktion auslöst, weil die Verstärkung ausbleibt. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Angsttherapie: Ein Patient, der Angst vor Hunden hat (gelernte Reaktion), lernt durch positive oder neutrale Erfahrungen mit Hunden, die alte Angstreaktion zu hemmen. Das ursprüngliche Angstgedächtnis bleibt oft als Spur erhalten, wird aber durch eine neue „Sicherheitserfahrung“ überlagert.
Im Bereich der Kognitionspsychologie und der Organisationspsychologie gewinnt das Verlernen vor allem bei der Korrektur von Fehlkonzepten oder veralteten Routinen an Bedeutung. Hierbei müssen Individuen aktiv Widerstände überwinden, da das Gehirn dazu neigt, an stabilen, energiesparenden Mustern festzuhalten. Ein praktisches Beispiel ist die Umstellung auf ein neues Tastaturlayout oder der Wechsel von einem Schaltwagen zu einem Automatikgetriebe: Der Fahrer muss die automatisierte Bewegung des linken Fußes (Kuppeln) „verlernen“, um die neue Fahrweise fehlerfrei zu beherrschen. Dieser Prozess ist oft mühsamer als das Neulernen, da die proaktive Interferenz – also die Störung des neuen Lernens durch das bereits vorhandene Wissen – eine hohe kognitive Last erzeugt. Effektives Verlernen erfordert daher meist eine Phase der Reflexion, in der die Unzweckmäßigkeit des alten Musters erkannt wird, gefolgt von gezielter Übung des neuen Verhaltens.
Der Unterschied zwischen Vergessen und Verlernen
In der kognitiven Psychologie und der Lernforschung herrscht oft die intuitive Annahme vor, dass das Verschwinden von Wissen oder Verhaltensweisen ein einheitlicher Prozess des Verlusts sei. Doch bei genauerer Betrachtung der neurobiologischen und behavioralen Mechanismen offenbart sich eine fundamentale Differenz zwischen dem passiven Zerfall von Gedächtnisspuren – dem Vergessen – und dem aktiven, oft mühsamen Prozess der kognitiven Umstrukturierung – dem Verlernen. Während das Vergessen ein natürliches Nebenprodukt der Informationsverarbeitung ist, stellt das Verlernen eine bewusste oder durch neue Erfahrungen induzierte Modifikation bestehender mentaler Modelle dar. Das Vergessen wird in der klassischen Psychologie häufig durch die Spurenzerfallstheorie oder die Interferenztheorie erklärt. Hierbei handelt es sich primär um ein Defizit beim Abruf oder um den tatsächlichen Verlust von Information im Langzeitgedächtnis. Wenn Menschen eine Telefonnummer vergessen, die sie lange nicht benutzt haben, liegt dies meist an einer Schwächung der synaptischen Verbindungen, die diese spezifische Information repräsentieren. Das Gehirn priorisiert Effizienz und „löscht“ oder überschreibt Daten, die keine aktuelle Relevanz mehr besitzen. Das Vergessen ist somit oft ein unbewusster, passiver Vorgang, der durch mangelnde Konsolidierung oder proaktive und retroaktive Hemmung gesteuert wird. Hierbei behindern sich alte und neue Informationen gegenseitig, ohne dass dabei eine bewusste Entscheidung zur Aufgabe des Wissens getroffen wurde. Im Gegensatz dazu ist das Verlernen – oft als „Unlearning“ oder „Extinktion“ bezeichnet – ein weitaus komplexerer und aktiverer Prozess. Psychologisch gesehen bedeutet Verlernen nicht, dass eine Information einfach gelöscht wird, sondern dass eine bestehende Reaktion oder ein tief verankertes Denkmuster durch ein neues überschrieben oder gehemmt werden muss. Ein klassisches Beispiel findet sich in der Konditionierung: Wenn ein Hund lernt, dass ein Glockenton Futter ankündigt, und diese Verknüpfung später gelöst werden soll, geschieht dies nicht durch Vergessen. Der Hund „verlernt“ die Reaktion, indem er die neue Erfahrung macht, dass auf den Ton kein Futter mehr folgt. Neuropsychologisch bleibt die ursprüngliche Spur oft erhalten, wird aber durch eine neue, stärkere Inhibitionsspur überlagert. Verlernen ist daher ein Umlernprozess, der eine hohe kognitive Flexibilität erfordert und oft mit Widerständen verbunden ist, da alte Heuristiken und Automatismen tief im prozeduralen Gedächtnis verankert sind. Der entscheidende Unterschied liegt somit in der Intentionalität und der Strukturveränderung. Vergessen ist ein Verlust von Daten, Verlernen ist die Korrektur von Programmen. In therapeutischen Kontexten, wie der kognitiven Verhaltenstherapie, ist dieser Unterschied essenziell: Ein Klient muss dysfunktionale Glaubenssätze nicht „vergessen“ – was physisch kaum möglich ist –, sondern er muss sie verlernen, indem er alternative Bewertungsmuster aufbaut, die die alten neuronalen Pfade dominieren. Während das Vergessen den Speicherplatz leert, ordnet das Verlernen die Architektur des Wissens neu. Somit ist das Verlernen keine Schwäche des Gedächtnisses, sondern eine lebensnotwendige Anpassungsleistung an eine sich verändernde Umwelt, die weit über das bloße Entfallen von Fakten hinausgeht.
Definition 1
„Verlernen […] kennzeichnet die abnehmende Verfügbarkeit von Wissen. Wird Wissen nur selten genutzt, oder wird neues Wissen erworben, das zu dem vorhandenen Wissen im Widerspruch steht, steigt die Wahrscheinlichkeit des Verlernens“ (Sonntag & Stegmaier, 2007, S. 19).
Definition 2
“Hedberg definiert: ’Unlearning is a process through which learners discard knowledge’” (Dittmar zit. nach Hedberg, 2004, S.13)
„Nach dieser Definition kann Verlernen beschrieben werden als ein Prozess, bei dem nicht mehr benötigtes Wissen aufgegeben wird. Folglich trägt Verlernen per se zunächst zu einer verminderten Handlungs- und Problemlösungsfähigkeit bei. Gleichzeitig wird […] Raum geschaffen für einen neuen Lernprozess, dessen Ergebnis eine verbesserte Handlungs- und Problemlösungsfähigkeit darstellt. Das Verlernen ist nach dieser Interpretation die Voraussetzung für die Aufnahme neuen Wissens“ (Dittmar, 2004, S. 13).
Definition 3
„Verlernen ist der Prozeß, bei dem bestehendes Wissen in Frage gestellt wird. […] Durch Verlernen besteht die Möglichkeit, neues Wissen aufzunehmen und eine Veränderung bzw. den Wegfall der alten Strukturen herbeizuführen“ (Probst & Büchel, 1998, S. 73).
Definition 4
Verlernen kann als Prozess des Verlernens von Wissen angesehen werden. Verlernen ist erforderlich, um neuem Wissen Platz zu machen (vgl. Heftberger & Stary, 2004, S.31).
Definition 5
„Verlernen bedeutet, altes, bewährtes Wissen aufzugeben, gewohnte Routinen zu verlassen und sich auf diese Weise für Neues zu öffnen. Dieser Prozess fällt auch deshalb schwer, weil der Verlust gewohnter Lösungen nicht automatisch mit dem Erkennen neuer Lösungen verbunden ist. Dazwischen liegt oft eine schwer zu ertragende Phase der Orientierungslosigkeit“ (Karstens & Schütte, 2010, S. 369).
Literatur
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Dittmar, C. (2004). Knowledge Warehouse. Ein integrativer Ansatz des Organisationsgedächtnisses und die computergestützte Umsetzung auf Basis des Data Warehouse-Konzepts. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag.
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Hedberg, B. (1981). How organizations learn and unlearn. In P. C. Nystrom & W. H. Starbuck (Hrsg.), Handbook of Organizational Design (Bd. 1, S. 3–27). Oxford University Press.
Heftberger, S. & Stary, C. (2004). Partizipatives organisationales Lernen. Ein prozessbasierter Ansatz. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag.
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Sonntag, K. & Stegmaier, R. (2007). Arbeitsorientiertes Lernen. Zur Psychologie der Integration von Lernen und Arbeit. In H. Heuer, F. Rösler & W.H. Tack (Hrsg.), Standards Psychologie (S. 19). Stuttgart: W. Kohlhammer Druckerei GmbH.
Stangl, W. (2009, 13. Mai). Der Unterschied zwischen Vergessen und Verlernen. arbeitsblätter news.
https:// arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/der-unterschied-zwischen-vergessen-und-verlernen/