Philematologie

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Philematologie bezeichnet die wissenschaftliche Erforschung des Kusses bzw. des Küssens, wobei sowohl physiologische als auch soziale und kulturelle Aspekte des Küssens untersucht werden. Der Kuss gilt in vielen Kulturen als Ausdruck von Liebe, Freundschaft und Ehrerbietung, wobei die Bedeutung des Kusses, insbesondere des in der Öffentlichkeit entbotenen Kusses, jedoch kulturell äußerst unterschiedlich ist. In der westlichen Kultur ist der Kuss meist Ausdruck von Liebe und Zuneigung und auch häufig Bestandteil sexueller Aktivitäten.

Beim Küssen schüttet der Körper Hormone aus, der Herzschlag beschleunigt sich und der Blutdruck steigt, wodurch der Kuss auf Gehirn und Immunsystem meist positive Auswirkungen hat. Bei einem Kuss steigt der Herzschlag bei Männern im Durchschnitt auf 110 Schläge pro Minute, bei der Frau auf 108 Schläge. Der Kuss, der auch bei Schimpansen als Geste der Zuneigung vorkommt, ist möglicherweise ein von unseren evolutionären Ahnen aus der Kinderaufzucht abgeleitetes und im folgenden ritualisiertes Mund-zu-Mund-Füttern, bei dem ursprünglich das Muttertier seinen Jungen vorgekaute Nahrung in den Mund schob. Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat ausführlich die Kuss-Fütterung beim Menschen dokumentiert, die zum Beispiel bei den Himbas in Afrika auch heute noch praktiziert wird. Die Mutter kaut dabei die Nahrung für ihr Kind vor und überträgt sie dann per Mundkuss. Mund-zu-Mund-Fütterung ist auch bei vielen Tierarten, etwa bei Vögeln, üblich. Man vermutet daher, dass sich das Küssen von erwachsenen Menschen irgendwann aus der Kussfütterung des Nachwuchses entwickelt haben könnte.

KussAndere Wissenschaftler interpretieren den Kuss hingegen als rein sexuell motiviertes Verhalten, das als Ersatz für das Beschnüffeln im Anal- bzw. Genitalbereich entstanden ist. Der Geruch dieser Region ist für sie entscheidend, denn beim Kuss beschnüffeln Menschen, ritualisiert in die Intimdistanzzone eindringend, etwa bei Begrüßungen, aber auch als intimes Paar. Das geschieht vor allem dann, wenn man den Geruch des anderen schätzt, sodass der Kuss als Mittel dazu dient, herauszufinden, ob man jemanden riechen kann, denn am Mund laufen der Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn zusammen, also Sinne, die bei der Partnerwahl eine wichtige Rolle spielen.

Manche Biologen vermuten, dass man beim Küssen aus gutem Grund den Mund sowie Brustwarzen und Geschlechtsorgane des Partners bevorzugt, denn hier tummeln sich besonders viele Mikroorganismen, auf die man es evolutionsbiologisch abgesehen haben könnte. Manche vermuten daher auch, dass der Sexualtrieb nicht nur der Fortpflanzung dient, sondern auch der Aneignung einer vielfältigen Bakterienschar durch Körperkontakt, wodurch der eigene Organismus widerstandsfähiger wird.

Küssen ist über viele Kulturen hinweg verbreitet, wobei auch manche Primaten wie Schimpansen und Bonobos hie und da ähnliches Verhalten zeigen, aber unregelmäßiger als Menschen. Bonobos und Schimpansen küssen eher zum Stressabbau, manchmal auch im Spiel. In einer Studie befragte man Menschen aus verschiedenen Ländern zu ihren Einstellungen zum Küssen, und fand, dass für Menschen, die anspruchsvoll bei der Partnersuche sind, das Küssen am Anfang ihrer Beziehungen  wichtiger ist als Menschen, die weniger selektiv sind. Frauen finden Küssen übrigens wichtiger als Männer, was vielleicht damit zusammenhängt, dass bei den Säugetieren generell die Weibchen selektiver in der Auswahl eines Partners sind als Männchen.

Nach kulturanthropologischen Untersuchungen wirkt ein Kuss mit Höhenunterschied erotischer als wenn Mann und Frau sich auf gleicher Ebene küssen, denn nicht umsonst waren in Hollywood noch vor fünfzig Jahren Kussszenen verboten, bei denen die Frau auf dem Bett liegt und der Mann sich über sie beugt. Nach Spaulding (2016) unterliegt Küssen kulturellen Traditionen, denn nicht in allen ist das Küssen verbreitet, denn in einigen Kulturen ist es gänzlich unbekannt, gilt in anderen sogar als verpönt oder ekelerregend. Sie nennt drei Funktionen des Küssens: Entscheidungshilfe bei der Partnerwahl, Auslöser von Erregung bei der Sexualität sowie zur Aufrechterhaltung von Bindungen. So kann etwa ein therapeutisch verordnetes Küssen über einen Zeitraum von mehreren Wochen zu einer Abnahme von Streit und Stress und einer Zunahme der Zufriedenheit mit der Partnerschaft sowie einer besseren Kommunikation der Partner führten.

Küssen geschieht für Frauen eher aus Gründen der emotionalen Bindung, während es bei Männern eher mit sexuellen Aspekten zusammenhängt. Paare, die sich häufig küssen, zeigen übrigens in ihren Mündern nach einiger Zeit eine ähnliche Bakterienmischung (Mikrobiom), wobei vor allem der leidenschaftliche Kuss dabei die Nervenenden in den Lippen stimuliert und eine emotionale Kaskade in Gang setzt: im Gehirn wird das Hormon Dopamin ausgeschüttet, das Menschen in euphorische Stimmung versetzt, was den Grundstein für das Bedürfnis legt, das Küssen bald zu wiederholen. Bei einem zehn Sekunden dauernden Zungenkuss werden nicht nur Speichel sondern auch bis zu achtzig Millionen Bakterien übertragen. Beim Küssen werden Endorphine und andere Glückshormone ausgeschüttet, Phenylethylamine stimulieren die Sexualorgane und der Körper wechselt in eine Art Sportmodus, bei dem die Gesichtsmuskeln trainiert werden.

Neuen Erkenntnissen zufolge hat das beim Küssen ausgetauschte Mikrobiom auch Auswirkungen auf die Gesundheit und womöglich sogar auf das Verhalten eines Individuums, denn manche Bakterien produzieren Substanzen, die im Gehirn an komplexen Reaktionen wie sozialem Verhalten beteiligt sind. Sobald sich die Menschen küssend aufeinander eingelassen und aneinander gewöhnt haben, wirkt Küssen stresslindernd, denn die Konzentration des Stresshormons Cortisol sinkt. Japanische Wissenschaftler erprobten sogar die Wirksamkeit des Kusses bei Heuschnupfen und ließen 24 männliche und weibliche Allergiker jeweils 30 Minuten lang zu sanfter Musik ihre jeweiligen Partner küssen. Diese Zärtlichkeit reduzierte die Produktion von Allergen-Antikörpern und Botenstoffen wie Histamin. Nicht zuletzt verbraucht man pro Minute Küssen ca. sechs Kilokalorien.

Die Evolution des Küssens

Aktuelle evolutionsbiologische Forschung legt nahe, dass das Küssen als Form des nicht-aggressiven Mundkontakts eine weit ältere Geschichte besitzt, als bislang angenommen. Ein Team der Universität Oxford entwickelte ein statistisches Modell, das verschiedene Datenstränge vereint: mikrobielle Analysen fossiler Funde, genetische Befunde sowie Verhaltensbeobachtungen lebender Primaten. Auf dieser Grundlage zeigt sich, dass bereits die frühen Vorfahren heutiger Menschenaffen – und damit auch die Vorfahren des Menschen – vor rund 20 Millionen Jahren Formen des Küssens praktizierten (Brindle, Talbot & West, 2025). Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Feststellung, dass Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans regelmäßig nicht-aggressiven Mund-zu-Mund-Kontakt zeigen. Diese Beobachtungen wurden systematisch erfasst, phylogenetisch eingeordnet und statistisch ausgewertet. Das Modell wurde millionenfach durchgerechnet, wodurch sich eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit dafür ergab, dass frühere Menschenaffen und auch Neandertaler solche Formen des Kontakts nutzten. Besonders bemerkenswert erscheint, dass die Analyse auch genetische und mikrobiologische Hinweise auf Austauschprozesse berücksichtigt: Der Transfer oraler Mikroben und der genetische Austausch zwischen Neandertalern und frühen Homo-sapiens-Populationen sprechen dafür, dass körperliche Nähe – einschließlich Küssen – ein regulärer Bestandteil ihrer sozialen Interaktion war. Die Forschenden betonen, dass Küssen evolutionär nicht zwingend auf sexuelle Motivation reduziert werden kann. Bei Menschenaffen tritt es oft im Kontext sozialer Bindung auf, etwa beim Abschluss gegenseitiger Fellpflege. Der Kontakt dient offenbar der Stabilisierung von Beziehungen und der Herstellung von Nähe. Die Frage, ob Küssen eine kulturelle Erfindung oder ein angeborenes Verhalten ist, wird dadurch neu beleuchtet: Obwohl nur etwa die Hälfte aller menschlichen Kulturen küssende Rituale dokumentiert, sprechen die rekonstruierten Verhaltenspfade dafür, dass das Verhalten tief in der Primaten-Evolution verankert ist. Zusätzliche Erkenntnisse über die Funktion des Küssens liefert eine weiter zurückliegende Studie von Kort et al. (2014). Diese Untersuchung konnte zeigen, dass sich das orale Mikrobiom von Paaren im Laufe der Zeit angleicht – insbesondere durch häufigen und intensiven Kusskontakt. Der Austausch von Mikroorganismen kann dabei immunologische Vorteile mit sich bringen und das Gleichgewicht der Mundflora positiv beeinflussen. Insgesamt entsteht das Bild eines komplexen Verhaltens, das biologische, soziale und möglicherweise gesundheitliche Dimensionen miteinander verknüpft. Küssen erscheint in dieser Perspektive weniger als romantisches oder kulturell festgelegtes Ritual, sondern vielmehr als evolutionäres Erbe, das bei großen Menschenaffen entstand, von Neandertalern fortgeführt und von modernen Menschen in einer Vielzahl kultureller Formen weitergelebt wurde.
Der Knutschkuss oder Knutschfleck ist technisch betrachtet kein echter Kuss, sondern aus medizinischer Sicht eher eine Prellung oder ein Unterdruck-Hämatom. Das Blut verteilt sich im umliegenden Gewebe und führt zu einem blauen Fleck, wobei während der Heilung dieser wie ein Bluterguss mehrere Phasen durchläuft und sich von rot über blau und grün bis hin zu gelb verfärben kann, bevor er verblasst.

Wohin neigt man den Kopf beim Küssen?

Metaanalysen von Untersuchungen zu sozialen Berührungen zeigen, dass seitliche Verzerrungen in allen Formen der sozialen Berührung auftreten, aber aber diese nicht vollständig durch Händigkeit bestimmt werden. So gibt gibt es allgemein eine Präferenz, den Kopf beim Küssen nach rechts zu neigen, eine Umarmung mit der rechten Hand zu initiieren und Babys im linken Arm zu wiegen. Beim Küssen und Umarmen geht man davon aus, dass Menschen eine dominante Führungshand haben, mit der sie die Bewegung initiieren, doch in emotionalen Situationen verschiebt sich die Seitenpräferenz allerdings nach links, und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um den Ausdruck einer positiven oder negativen Emotionen handelt. Man vermutet, dass die Verschiebung nach links in emotionalen Situationen dadurch entsteht, dass Emotionen vornehmlich in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet werden, die die Bewegungen der linken Körperhälfte steuert. Demnach gibt es also bei sozialen Berührungen Seitenverzerrungen, die durch den emotionalen Kontext ausgelöst werden, und zwar am stärksten bei der Umarmung. Offenbar interagieren motorische und emotionale Netzwerke im Gehirn, die miteinander eng verschaltet sind.


Kurioses: Der 6. Juli ist der Internationale Tag des Kusses. Ursprünglich soll diese Idee in Großbritannien entstanden sein und unter dem Namen „National Kissing Day“ ihren Anfang genommen haben. Später verbreitete sich der Tag als „International Kissing Day“ weltweit. Es wird angenommen, dass dieser Tag möglicherweise als Gegenpol zu den strengen moralischen Vorstellungen der konservativen Lady Margaret Thatcher gedacht war. Am 6. Juli 1990 soll der erste „Welt-Kuss-Tag“ gefeiert worden sein.

Philemaphobie bezeichnet übrigens die Angst vor Küssen.

Literatur

Brindle, M., Talbot, C. F., & West, S. (2025). A comparative approach to the evolution of kissing. Evolution and Human Behavior, do:10.1016/j.evolhumbehav.2025.106788
Charisius, H. (2014). 100 Billionen Freunde. DIE ZEIT Nr. 12 vom 13. März.
Kort, R., Caspers, M., van de Graaf, A., van Egmond, W., Keijser, B., & Roeselers, G. (2014). Shaping the oral microbiota through intimate kissing. Microbiome, 2(1), 41.
Spaulding, K. N. (2016). What’s in a kiss? The role of kissing in romantic relationships. Dissertation, University at Albany, State University of New York.
WWW: http://search.proquest.com/openview/ca13ab699278e8a38d92b1ffdf8c24fa/1?pq-origsite=gscholar&cbl=18750&diss=y (17-02-12)
Stangl, W. (2011). Ritualisierte Gesten. [werner stangl]s arbeitsblätter.
WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/KommNonverbale3.shtml (11-02-11)
Stangl, W. (2012). Die Wissenschaft vom Küssen. Werner Stangls Arbeitsblätter-News.
WWW: https://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/die-wissenschaft-vom-kuessen/ (12-07-06).
Stangl, W. (2025, 20. November). Küssen in der Evolution: Verhaltensspuren von Menschenaffen bis zum modernen Menschen. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/6145/kuessen-in-der-evolution-verhaltensspuren-von-menschenaffen-bis-zum-modernen-menschen


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