Golem-Effekt

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Der Golem-Effekt bezeichnet in der Psychologie ein Phänomen der sozialen Erwartungswirkungen, bei dem niedrige Erwartungen an eine Person zu einer Verschlechterung ihrer tatsächlichen Leistung führen. Der Golem-Effekt bezeichnet somit eine negative Variante des Galatea-Effekts, bei dem die durch die Erwartungen einer Autoritätsperson, etwa eines Vorgesetzten oder Lehrers, eine verminderte Erwartung einer Person an sich selbst als entscheidender Faktor der Leistung betrachtet wird. Er geht davon aus, dass die Erwartungen, die Vorgesetzte bezüglich ihrer MitarbeiterInnen haben, deren Leistungen und Vorankommen beeinflussen können. Es handelt sich dabei um ein intrapersonelles Phänomen.

Der Begriff geht auf die Forschung zu selbsterfüllenden Prophezeiungen zurück und bildet das negative Gegenstück zum sogenannten Pygmalion-Effekt, bei dem hohe Erwartungen die Leistung einer Person verbessern können. Beim Golem-Effekt hingegen wirken sich pessimistische oder abwertende Erwartungen so auf das Verhalten der betreffenden Person aus, dass diese Erwartungen schließlich bestätigt werden. Der Ausdruck „Golem“ stammt ursprünglich aus der jüdischen Mystik und bezeichnet eine aus Lehm erschaffene Figur, die durch magische Worte zum Leben erweckt wird, jedoch als unbeholfen und geistig eingeschränkt gilt. In der sozialpsychologischen Forschung dient dieser Begriff metaphorisch dazu, die Wirkung negativer Zuschreibungen auf menschliche Leistungsfähigkeit zu beschreiben.

Im Zentrum des Golem-Effekts steht der Mechanismus der selbsterfüllenden Prophezeiung, ein Konzept, das besonders durch den Soziologen Robert K. Merton geprägt wurde. Eine selbsterfüllende Prophezeiung beschreibt eine anfänglich falsche oder unbegründete Annahme über eine Person oder Situation, die durch entsprechendes Verhalten der Beteiligten tatsächlich Wirklichkeit wird. Wenn beispielsweise Lehrkräfte davon ausgehen, dass bestimmte Schülerinnen und Schüler weniger begabt oder weniger motiviert sind, behandeln sie diese häufig unbewusst anders als leistungsstärkere Lernende. Sie stellen ihnen möglicherweise weniger anspruchsvolle Aufgaben, geben weniger ermutigendes Feedback oder investieren weniger Zeit in deren Förderung. Diese subtile Veränderung im Verhalten kann dazu führen, dass die betroffenen Schülerinnen und Schüler tatsächlich schlechtere Leistungen zeigen, wodurch sich die ursprüngliche Erwartung scheinbar bestätigt.

Ein klassisches Beispiel für den Golem-Effekt findet sich im schulischen Kontext. Wenn eine Lehrperson davon überzeugt ist, dass ein bestimmter Schüler Schwierigkeiten beim Lernen hat, kann sich diese Erwartung in vielen kleinen Interaktionen widerspiegeln. Der Schüler erhält vielleicht weniger Gelegenheit, sich im Unterricht zu äußern, wird seltener gelobt oder bekommt häufiger kritische Rückmeldungen. Diese Signale können das Selbstvertrauen und die Motivation des Schülers beeinträchtigen. Im Laufe der Zeit kann dies dazu führen, dass der Schüler tatsächlich schlechtere Leistungen erbringt, nicht weil seine Fähigkeiten objektiv geringer wären, sondern weil die negative Erwartung seine Lernbedingungen verschlechtert hat.

Der Golem-Effekt wurde auch in organisationalen und arbeitspsychologischen Zusammenhängen untersucht. Führungskräfte, die geringe Erwartungen an bestimmte Mitarbeitende haben, übertragen diesen häufig weniger verantwortungsvolle Aufgaben, geben weniger Unterstützung oder vermeiden es, ihnen Entwicklungsmöglichkeiten anzubieten. Die betroffenen Mitarbeitenden erleben dadurch geringere Wertschätzung und weniger Lernchancen, was sich negativ auf ihre Motivation, ihr Selbstwirksamkeitserleben und ihre Leistung auswirken kann. In der Folge bestätigen sich die ursprünglichen niedrigen Erwartungen scheinbar, obwohl sie maßgeblich durch das Verhalten der Führungskraft mitverursacht wurden.

Psychologisch lässt sich der Golem-Effekt durch mehrere Mechanismen erklären. Eine wichtige Rolle spielt das Selbstkonzept der betroffenen Person. Wenn Menschen wiederholt negative Rückmeldungen oder geringe Erwartungen wahrnehmen, können sie diese internalisieren und beginnen, an ihren eigenen Fähigkeiten zu zweifeln. Dieser Prozess steht in engem Zusammenhang mit Konzepten wie Selbstwirksamkeit, Motivation und Attribution. Niedrige Erwartungen können außerdem zu einer Reduktion von Lerngelegenheiten und Feedback führen, wodurch sich tatsächlich weniger Kompetenz entwickeln kann. Darüber hinaus beeinflussen nonverbale Signale wie Tonfall, Blickkontakt oder Körpersprache die Wahrnehmung von Wertschätzung und Vertrauen.

Empirische Studien zeigen, dass Erwartungseffekte besonders stark wirken können, wenn sie über längere Zeiträume bestehen und von Autoritätspersonen ausgehen, etwa von Lehrkräften, Vorgesetzten oder Trainerinnen und Trainern. Gleichzeitig sind sie nicht unvermeidlich. Bewusstsein über Erwartungsprozesse, reflektiertes Feedbackverhalten und eine unterstützende Lern- oder Arbeitsumgebung können dazu beitragen, negative Erwartungsspiralen zu verhindern. Pädagogische und organisationspsychologische Forschung betont daher die Bedeutung realistischer, aber grundsätzlich förderlicher Erwartungen gegenüber Lernenden oder Mitarbeitenden.

Der Golem-Effekt hat zudem eine wichtige gesellschaftliche Dimension, da er mit Stereotypen und Vorurteilen in Verbindung stehen kann. Wenn bestimmte Gruppen aufgrund von Geschlecht, sozialer Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit oder anderen Merkmalen systematisch mit geringeren Erwartungen konfrontiert werden, können diese Erwartungen strukturelle Benachteiligungen verstärken. In diesem Zusammenhang wird der Golem-Effekt häufig gemeinsam mit Konzepten wie Stereotype Threat oder Erwartungsbias diskutiert.

Der Golem-Effekt beschreibt demnach einen sozialen und psychologischen Mechanismus, bei dem negative Erwartungen die Leistung und Entwicklung von Menschen beeinträchtigen können. Durch subtile Veränderungen im Verhalten von Bezugspersonen, durch verringerte Unterstützung sowie durch die Internalisierung negativer Zuschreibungen kann eine Dynamik entstehen, in der niedrige Erwartungen tatsächlich zu niedriger Leistung führen. Das Konzept verdeutlicht damit, wie stark menschliche Leistungsfähigkeit nicht nur von individuellen Fähigkeiten, sondern auch von sozialen Wahrnehmungen und Interaktionen geprägt ist.

Zum Begriff: Benannt wurde der Effekt nach der mythischen Figur Golem, die in der jüdischen Mythologie erschaffen wurde, um als Beschützer zu dienen, dann aber mehr korrupt und gewalttätig wurde und deswegen zerstört werden musste und wird in der Theorie mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung verglichen.

Literatur

Babad, E. (1993). Pygmalion—25 years after interpersonal expectations in the classroom. International Journal of Educational Research, 19(6), 459–574.
Eden, D. (1990). Pygmalion in management: Productivity as a self-fulfilling prophecy. Lexington Books.
Jussim, L., & Harber, K. D. (2005). Teacher expectations and self-fulfilling prophecies: Knowns and unknowns, resolved and unresolved controversies. Personality and Social Psychology Review, 9(2), 131–155.
Merton, R. K. (1948). The self-fulfilling prophecy. The Antioch Review, 8(2), 193–210.
Rosenthal, R., & Jacobson, L. (1968). Pygmalion in the classroom: Teacher expectation and pupils’ intellectual development. Holt, Rinehart & Winston.

 


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