verkörperte Intelligenz

Intelligenz ist nicht allein eine Sache des Gehirns, sondern Beobachtungen in der Natur belegen, dass sich intelligentes Verhalten von Lebewesen in erster Linie aus einer Wechselwirkung zwischen Gehirn, Körper und Umgebung entfaltet. So erfolgt beim Menschen etwa die Rückschwungphase des Beines beim Laufen ohne jegliche Steuerung durch das Gehirn, sondern einzig durch das Zusammenspiel von Körper und Gravitationskraft, d. h., das Muskel-Sehnen-Prinzip hilft bei der Stabilisierung der Körperposition, ohne dass das Gehirn zu jedem Zeitpunkt eingreifen muss.

Zur verkörperten Intelligenz gehören eine Vielzahl von Fortbewegungsabläufen bei Mensch und Tier, aber auch natürliche Augenbewegungen oder sicheres Greifen von Objekten. Obwohl solche Abläufe von Verhaltensweisen auf den ersten Blick sehr einfach erscheinen, sind sie aber noch immer komplex genug, um sich einer Umsetzung in künstlichen Systemen zu widersetzen, die mit ihren biologischen Originalen auch nur annähernd konkurrieren können.

Die Relevanz des Grundgedankens einer verkörperten Intelligenz als Zusammenspiel von Gehirn, Körper und Umgebung wird in der allgemeinen Intelligenzforschung zunehmend stärker wahrgenommen. Vor allem im Laufe der letzten drei Jahrzehnte hat die Intelligenzforschung einen Wandel erfahren, der zu diesem aktuellen Forschungsgebiet der verkörperten Intelligenz (embodied intelligence) geführt hat.

Durch die Robotik hat man ebenfalls erkannt, dass es ein Fehler ist, zu sagen, Geist und Körper sind getrennt, sodass man in der Fachrichtung Embodied Intelligence davon ausgeht, dass nicht ein künstliches oder natürliches Gehirn sich etwas ausdenkt und daraufhin Befehle an den Körper schickt, sondern man hat akzeptiert, dass der Geist nicht ohne den Körper existieren kann. Das Gehirn ist mit dem Körper gekoppelt und nur die beiden gemeinsam können in einem sensumotorischen Kreislauf Bewegungsformen entwickeln. Auch in der Evolution des Menschen haben sich Gehirn und Körper stets gemeinsam entwickelt und einer hat ohne den anderen nicht vorwärts kommen können.

Intelligenz und Zukunftserwartungen

Eine Studie von Dawson (2025) zeigte, dass Menschen mit einem höheren Intelligenzquotienten (IQ) realistischer und konsistenter einschätzen, wie lange sie leben werden. Diese Forschung basiert auf Daten der English Longitudinal Study of Ageing, in der die Lebensprognosen von über 3.900 Personen im Alter von über 50 Jahren untersucht wurden. Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage, ob ein höherer IQ mit einer besseren Kalibrierung subjektiver Überzeugungen – in diesem Fall zur eigenen Lebenserwartung – einhergeht. Kalibrierung bedeutet in diesem Fall, dass eine Einschätzung möglichst nahe an der statistischen Realität liegt. Man fand heraus, dass eine Erhöhung des IQ um eine Standardabweichung mit einer etwa 20% geringeren Fehlerquote bei den Lebenszeitprognosen einherging, wobei Menschen mit höherem IQ nicht nur zu genaueren Vorhersagen neigten, sondern zeigten auch deutlich weniger Schwankungen in ihren Einschätzungen über die Zeit hinweg. Diese Stabilität gilt als zentral für gute Entscheidungen in unsicheren Kontexten. Ein besonders interessanter Aspekt der Studie war der Einbezug genetischer Informationen, denn man nutzte genetische Varianten, die mit kognitiven Fähigkeiten und Bildungsniveau zusammenhängen, um die kausalen Effekte von Intelligenz auf die Genauigkeit der Prognosen zu überprüfen. Mithilfe der Mendelscher Randomisierung konnte man bestätigen, dass die beobachteten Effekte tatsächlich auf genetisch bedingte Unterschiede in der Intelligenz zurückzuführen sind und nicht bloß auf äußere soziale oder bildungsbedingte Faktoren. Die Ergebnisse werfen ein Licht auf die Rolle kognitiver Fähigkeiten bei Entscheidungen unter Unsicherheit, denn Menschen mit geringerem IQ machten nicht nur häufiger Fehler, sondern ihre Prognosen waren tendenziell auch weniger stabil. Solche Schwankungen können sich negativ auf langfristige Lebensentscheidungen auswirken, etwa in Bezug auf Finanzen, Gesundheit oder Ruhestandsplanung. Darüber hinaus stützen die Befunde frühere Beobachtungen, dass geringere kognitive Fähigkeiten mit finanziellen Fehlentscheidungen, niedrigerem wirtschaftlichem Wachstum und systematischen Denkfehlern in Verbindung stehen. Intelligenz ist demnach ein Schlüsselmerkmal für die Bildung realistischer Erwartungen und damit für die erfolgreiche Lebensgestaltung in komplexen, unsicheren Umwelten.

Siehe dazu auch das Stichwort Embodiment.

Literatur

Dawson, C. (2025). IQ, genes, and miscalibrated expectations. Journal of Personality and Social Psychology, doi:10.1037/pspp0000567
Stangl, W. (2025, 4. August). Intelligenz prägt die Genauigkeit von Zukunftserwartungen. Psychologie-News.
https:// psychologie-news.stangl.eu/5983/intelligenz-praegt-die-genauigkeit-von-zukunftserwartungen.
http://idw-online.de/pages/de/news520174 (13-02-19)


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