Wahrnehmungskonstanz

Als Wahrnehmungskonstanz bezeichnet man in der Psychologie die Fähigkeit eines Menschen, Objekte als unverändert, also etwa mit gleichbleibender Helligkeit, Farbe, Form und Größe wahrzunehmen, auch wenn sich die Lichtverhältnisse und somit objektiv betrachtet die Bilder auf der Netzhaut im Auge verändern.

Wenn Menschen kurz hintereinander dieselben Objekte betrachten, gibt dieser zweite Blick etwa auf Grund von Bewegung immer ein leicht anderes Bild der Objekte wieder, d. h., das Kurzzeitgedächtnis macht hier systematische Fehler, wobei es sich an verschiedenen Merkmalen der Objekte wie Bewegungsrichtung, Farbe und räumliche Position orientiert. Daher bleibt das Automobil, das man beim ersten Blick nach links gesehen hat, auch beim zweiten Blick dasselbe, obwohl es näher gekommen ist und jetzt in einem anderen Winkel und objektiv betrachtet auch mit einer leicht veränderten Farbe zu sehen ist. Offenbar helfen solche Ungenauigkeiten, die ständig wechselnden Eindrücke der Umgebung zu stabilisieren. Das leichte Verschleifen der Wahrnehmung durch die Erinnerung führt letztlich dazu, dass man seine Umgebung, deren Erscheinung sich ja durch Bewegungen und Lichtwechsel permanent ändert, als stabil wahrnimmt. Nach einer Untersuchung von Fischer et al. (2020) tragen vor allem Kontext-Informationen, besonders Raum und Verlauf, entscheidend zur Verzerrung der Folgewahrnehmung im Kurzzeitgedächtnis bei, d. h., solche Kontext-Informationen helfen den Menschen dabei, zwischen verschiedenen Objekten zu unterscheiden und so nur Informationen des gleichen Objektes über die Zeit hinweg zu integrieren.

Repräsentationsdrift vs. stabile Repräsentation

Das Prinzip der Wahrnehmungskonstanz erfordert, dass das Gehirn eine stabile Repräsentation des sensorischen Inputs aufrechterhält. So wird etwa im olfaktorischen System angenommen, dass die Aktivität im primären olfaktorischen Cortex die Geruchsidentität bestimmt. Schoonover et al. (2021) haben jüngst bei Mäusen allerdings festgestellt, dass zwar dieses Hirnareal Düfte erkennt und sie voneinander unterscheidet, allerdings veränderten sich mit der Zeit die Zellen, die auf einen bestimmten Geruch reagierten und damit auch die Repräsentation dieses Geruchs. Mehr als 97 Prozent der untersuchten Neuronen änderten im Studienverlauf ihr Antwortverhalten in Form eines Repräsentationsdrifts (representational drift). Man vermutet neben anderen Hypothesen nun, dass in der verschobenen Aktivität ein verborgenes Muster liegen könnte, mit dem sich ein Geruch identifizieren lässt, was jedoch nicht bestätigt werden konnte. Es könnte aber auch sein, dass der piriforme Cortex womöglich überhaupt nicht für die Erkennung von Gerüchen verantwortlich ist. Ein solcher Repräsentationsdrifts wurde danach auch im primären visuellen Cortex von Mäusen festgestellt, was noch unerwarteter als bei der Geruchserkennung ist, denn die Neuronen der Sehrinde spiegeln ja den Aufbau der Retina wider. Möglicherweise ist mit zunehmender Vertrautheit mt einem Reiz ein Repräsentationsdrift in der Wahrnehmung eher die Regel als die Ausnahme.

Literatur

Fischer, Cora, Czoschke, Stefan, Peters, Benjamin, Rahm, Benjamin, Kaiser, Jochen & Bledowski, Christoph (2020). Context information supports serial dependence of multiple visual objects across memory episodes. Nature Communications, 11, doi: 10.1038/s41467-020-15874-w.
Schoonover, Carl E., Ohashi, Sarah N., Axel, Richard & Fink, Andrew J. P. (2021). Representational drift in primary olfactory cortex. Nature, doi:10.1038/s41586-021-03628-7.
https://www.muk.uni-frankfurt.de/87889583/Wie_uns_Fehler_beim_Erkennen_helfen (20-04-28)


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