Sekundäres Trauma

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Unter dem sekundären Trauma – auch Sekundäre Traumatisierung, Sekundärer Traumatischer Stress (STS) oder Stellvertretende Traumatisierung  – versteht man die indirekte psychische Belastungsreaktion, die durch den intensiven, wiederholten Kontakt mit den traumatischen Erlebnissen anderer Personen entsteht. Im Gegensatz zur primären Traumatisierung, bei der eine Person ein potenziell lebensbedrohliches oder erschütterndes Ereignis selbst erlebt oder direkt bezeugt, entwickelt sich ein sekundäres Trauma durch das Zuhören, die Aufarbeitung oder die Mitgestaltung der Verarbeitung von Traumata anderer Menschen.

Das Phänomen betrifft vor allem Berufsgruppen im helfenden, therapeutischen, medizinischen oder juristischen System. Psychotherapeutinnen, Rettungskräfte, Sozialarbeitende, Pflegende sowie Seelsorgende oder Errmittlungsbeamte im Bereich von Schwerstverbrechen sind einem besonders hohen Risiko ausgesetzt. Durch das Empathievermögen, das für eine gelingende Beziehungsgestaltung in diesen Berufen notwendig ist, nehmen Helferinnen und Helfer das Leid, die Ängste und die Verzweiflung der primär Betroffenen emotional auf. Diese Konfrontation kann dazu führen, dass sich das innere Weltbild, das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen sowie die eigene psychische Stabilität grundlegend verändern.

Symptomatisch ähnelt die sekundäre Traumatisierung stark der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Zu den typischen Anzeichen gehören:

  • Intrusive Symptome: Ungewollte, aufdringliche Bilder, Alpträume oder gedankliche Wiederholungen der Schilderungen von Klientinnen und Klienten.
  • Vermeidungsverhalten: Das bewusste oder unbewusste Umgehen von Themen, Personen oder Situationen, die an das gehörte Leid erinnern.
  • Kognitive und emotionale Veränderungen: Gefühle von Hilflosigkeit, Taubheit, Zynismus, chronischer Erschöpfung sowie eine tiefgreifende Veränderung von Grundannahmen (z. B. der Glaube, die Welt sei ein grundsätzlich sicherer Ort).
  • Hyperarousal: Eine anhaltende körperliche Übererregbarkeit, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen und Reizbarkeit.

Ein anschauliches Beispiel ist ein Psychotherapeut, der über Monate hinweg schwer misshandelte Kinder behandelt. Obwohl er selbst nie Gewalt erfahren hat, beginnt er, intrusive Bilder der geschilderten Tatorte vor sich zu sehen, entwickelt Panikattacken, wenn seine eigenen Kinder außer Sichtweite sind, und zieht sich zunehmend aus seinem Privatleben zurück. Ein anderes Beispiel betrifft Sozialarbeiterinnen in der Flüchtlingshilfe, die durch die tägliche, detaillierte Übersetzung und Dokumentation von Foltererfahrungen Symptome einer schweren Angststörung und Schlafstörungen entwickeln.

In der Abgrenzung zur reinen Empathiemüdigkeit (Compassion Fatigue) oder dem klassischen Burnout geht das sekundäre Trauma über emotionale Erschöpfung hinaus: Es greift die kognitiven Schemata an und erzeugt eine spezifische, traumaähnliche Symptomatik. Zur Vorbeugung und Bewältigung sind neben individueller Selbstfürsorge vor allem institutionalisierte Maßnahmen wie regelmäßige Supervision, Fortbildungen zum Thema Psychotraumatologie, eine klare Abgrenzung von Dienst- und Privatleben sowie eine offene Fehler- und Belastungskultur im Kollegium entscheidend.

Literatur

Daniels, J. (2006). Sekundäre Traumatisierung: Wenn Berater, Therapeutinnen und Pflegekräfte mit dem Trauma anderer konfrontiert werden. Junfermann Verlag.
Figley, C. R. (Hrsg.). (1995). Compassion fatigue: Coping with secondary traumatic stress disorder in those who treat the traumatized. Brunner/Mazel.
Krüger, A. (2018). Mit-Leden oder Mit-Fühlen? Sekundäre Traumatisierung in helfenden Berufen. Klett-Cotta.
McCann, I. L., & Pearlman, L. A. (1990). Vicarious traumatization: A framework for understanding the psychological effects of working with victims. Journal of Traumatic Stress, 3(1), 131–149.
Seidler, G. H., Freyberger, H. J., & Maercker, A. (Hrsg.). (2019). Handbuch der Psychotraumatologie (3. Aufl.). Klett-Cotta.


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