Staunen (engl. awe) bezeichnet in der modernen Emotionspsychologie ein vielschichtiges, meist als positiv erlebtes Gefühl der Ergriffenheit und Ehrfurcht, das auftritt, wenn Menschen mit Reizen konfrontiert werden, die ihre bisherigen Vorstellungen übersteigen und den eigenen Horizont weiten.
Theoretische Grundlagen und Kognition
Als Pionierarbeit der empirischen Erforschung gilt das Framework von Dacher Keltner und Jonathan Haidt. Sie bestimmen zwei zentral auslösende Faktoren:
- Wahrgenommene Weite (perceived vastness): Das Erleben von etwas, das physisch, zeitlich oder konzeptionell das gewöhnliche Maß weit übersteigt. Dies kann eine imposante Bergkulisse sein, das unendliche Universum, herausragende Kunst, architektonische Meisterleistungen oder außergewöhnliche menschliche Fähigkeiten.
- Notwendigkeit zur Akkommodation (need for accommodation): Die wahrgenommene Weite lässt sich nicht ohne Weiteres in bestehende Denkmuster oder mentale Schemata integrieren. Das Gehirn wird gefordert, seine bisherige Weltsicht anzupassen und zu erweitern.
Psychologische und physiologische Wirkungen
Staunen gehört zu den transzendenten und epistemic (wissensbezogenen) Emotionen. In den letzten Jahren haben empirische Studien – unter anderem Metaanalysen und Übersichtsarbeiten – gezeigt, dass Staunen wesentliche psychische Mechanismen in Gang setzt:
Das „kleine Ich“ (small self): Durch das Erleben von etwas ungleich Größerem tritt das eigene Ego in den Hintergrund. Die Neigung zur Selbstzentrierung sinkt, Alltagsgrübeleien und das Bedürfnis nach ständiger Kontrolle lassen nach.
Prosoziales Verhalten und Sinnempfinden: Das Schrumpfen der eigenen Wichtigkeit stärkt das Gefühl sozialer Verbundenheit. Menschen fühlen sich als Teil eines größeren Ganzen, was Hilfsbereitschaft, Empathie und das Wahrnehmen von Lebenssinn begünstigt.
Stressreduktion und Gesundheit: Staunen greift tief in das autonome Nervensystem ein. Es reduziert Entzündungsmarker (wie Zytokine), senkt die Stressbelastung und fördert das Wohlbefinden. Aktuelle Untersuchungen und Interventionsstudien (etwa aus dem Jahr 2025) belegen, dass gezielte Staunen-Übungen dazu beitragen können, depressive Symptome spürbar zu mildern und das allgemeine Stressempfinden zu senken.
Praxis und Beispiele
Während im Alltag Leistung, Zahlen und messbare Parameter (wie Herzfrequenz, Zeiten oder Leistungsdaten im Sport) oft das Handeln dominieren, entsteht Staunen nicht durch Optimierung, sondern durch bewusste Aufmerksamkeit. Exemplarische Auslöser sind:
- Natur und Landschaft: Der unverbauter Blick auf eine Gebirgskette im ersten Morgenlicht, das lautlose Naturschauspiel eines Sonnenuntergangs oder der freie Blick in einen klaren Sternenhimmel. Naturerlebnisse entfalten ihr gesundheitliches Potenzial vor allem dann nachhaltig, wenn sie diese emotionale Ergriffenheit hervorrufen.
- Persönliche und kulturelle Momente: Die Verwirklichung eines lange gehegten Kindheitstraums (beispielsweise das erste Betreten eines legendären Ortes) oder die Begegnung mit herausragender Musik und Kunst.
- Alltägliche Mikromomente: Das gezielte Entschleunigen – etwa durch wöchentliche Aufmerksamkeitsspaziergänge ohne digitale Ablenkung –, um gewöhnliche Augenblicke in ihrer Besonderheit neu wahrzunehmen.
In Abgrenzung zu bloßer Motivation erfordert Staunen kein aktives Tun, sondern die Bereitschaft, sich von der Welt berühren zu lassen.
Literatur
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Keltner, D., & Haidt, J. (2003). Approaching awe, a moral, spiritual, and aesthetic emotion. Cognition and Emotion, 17(2), 297–314.
Piff, P. K., Dietze, P., Feinberg, M., Stancato, D. M., & Keltner, D. (2015). Awe, the small self, and prosocial behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 108(6), 883–899.
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