Unter dem Akronym FOBO – im arbeits- und wirtschaftspsychologischen Kontext als „Fear of Becoming Obsolete“ definiert; übersetzt: „Angst, überflüssig zu werden“ – versteht man die psychologische und existenzielle Sorge von Beschäftigten, aufgrund technologischer Disruptionen, Automatisierung und insbesondere durch den rasanten Fortschritt Künstlicher Intelligenz (KI) ihre berufliche Relevanz, Qualifikation oder ihren Arbeitsplatz vollständig zu verlieren. Das Akronym besitzt in der Psychologie und Entscheidungstheorie eine zweite, ältere Bedeutung (Fear of Better Options – die Angst vor der Festlegung aufgrund potenziell besserer Alternativen), bezeichnet jedoch im modernen arbeitsweltlichen Diskurs primär das Phänomen der technologisch bedingten Dequalifizierungs- und Redundanzangst. Geprägt und in die psychologische Fachliteratur eingeführt wurde diese arbeitspsychologische Definition maßgeblich durch den Wirtschaftspsychologen Tomas Chamorro-Premuzic. FOBO beschreibt dabei eine tiefgreifende Bedrohung des subjektiven Kompetenz- und Selbstwirksamkeitsgefühls, die weit über punktuelle, konjunkturelle Jobangst hinausgeht.
Psychologische Mechanismen, Symptome und Risiken
FOBO manifestiert sich als chronischer Stressor, der durch die wahrgenommene Diskrepanz zwischen den eigenen, traditionellen Fähigkeiten und den dynamischen Anforderungen einer digitalisierten Arbeitswelt entsteht. Psychologisch lässt sich das Phänomen eng mit dem Konzept des Deskilling (Dequalisierung) verknüpfen – der Entwertung von menschlicher Expertise durch technologische Systeme, die dieselben Aufgaben schneller, fehlerfreier oder kostengünstiger bewältigen können.
Typische psychologische und verhaltensbezogene Indikatoren für FOBO sind:
- Kognitive Bedrohungseinschätzung: Neue Technologien und organisationale Veränderungen werden primär als Bedrohung der eigenen Existenz und nicht als Ressource oder Lernchance wahrgenommen.
- Sozialer Vergleich und Insuffizienzgefühle: Betroffene vergleichen sich permanent mit Kolleginnen und Kollegen, die bereits fortgeschrittene KI-Kompetenzen besitzen, was das eigene Selbstwertgefühl mindert.
- Vermeidungsverhalten: Aus Angst vor dem Versagen oder der Offenlegung eigener Wissensdefizite wird die aktive Auseinandersetzung mit KI-Tools blockiert.
- Maladaptive Bewältigungsstrategien: Hierzu zählt unter anderem das sogenannte „Wintering“ – ein Verharren in vermeintlich sicheren, aber unbefriedigenden Positionen sowie der Verzicht auf berufliche Weiterentwicklung aus reiner Lähmung.
Langfristig birgt FOBO gravierende Risiken für die mentale Gesundheit und die Karriere. Chronische Existenzängste und sinkendes Selbstvertrauen können in eine innere Kündigung, berufliche Resignation oder psychische Erkrankungen wie das Burnout-Syndrom münden. Auf organisationaler Ebene führt FOBO zu einem drastischen Sinken von Motivation und Produktivität.
Empirische Evidenz und Betroffenheit
Die Relevanz von FOBO wird durch weltweite und nationale Arbeitsmarktstudien untermauert. Daten des World Economic Forum (WEF) prognostizieren gravierende Transformationen, bei denen erhebliche Anteile etablierter Jobprofile wegfallen oder sich fundamental verändern, während gleichzeitig ein Drittel der heute zentralen Kompetenzen an Bedeutung verliert. Internationale Erhebungen des Instituts Gallup zeigen einen signifikanten Anstieg der Technologieangst: Mittlerweile befürchtet fast jeder vierte Beschäftigte in den USA den technologischen Identitäts- und Arbeitsplatzverlust.
Im deutschsprachigen Raum bestätigen Untersuchungen des ifo-Instituts, dass ein beträchtlicher Teil der Unternehmen innerhalb der kommenden Jahre mit stellenreduzierenden Effekten durch KI rechnet. Empirisch zeigt sich, dass FOBO kein Phänomen ist, das sich auf niedrigqualifizierte Tätigkeiten beschränkt. Durch generative KI sind zunehmend hochqualifizierte Wissensarbeiter, Kreativberufe sowie die Finanz-, Informations- und Kommunikationsbranchen betroffen. FOBO zieht sich somit quer durch alle Hierarchieebenen, vom Berufseinsteiger bis zur Führungskraft.
Beispiele aus der Praxis
Die Grafikdesignerin im Agenturalltag: Eine erfahrene Grafikdesignerin stellt fest, dass Kundenprojekte und Bildkompositionen zunehmend über KI-Bildgeneratoren (wie Midjourney oder DALL-E) in Sekundenbruchteilen realisiert werden. Sie entwickelt Symptome von FOBO, da ihre jahrelang perfektionierte Handwerkskunst an Marktwert verliert. Aus Angst, den Anschluss zu verpassen, gerät sie in eine Blockade, meidet die neuen Tools und zieht sich sozial im Team zurück.
Der Texter in einer Marketingagentur: Ein Content-Creator erlebt, dass standardisierte Suchmaschinenoptimierungs-Texte (SEO) vollständig von Large Language Models (LLMs) übernommen werden. Er leidet unter FOBO und Existenzängsten, bis er durch ein gezieltes Coaching lernt, die KI als Entwurfswerkzeug zu nutzen, und sich stattdessen auf rein menschliche Stärken wie emotionale Markenstrategie und komplexe Kundenberatung spezialisiert.
Die Führungskraft im mittleren Management: Eine Abteilungsleiterin im Finanzwesen bemerkt, dass datenbasierte Prognosen und Reportings präziser durch Algorithmen erstellt werden als durch ihr Team. Sie befürchtet, als Kontrollinstanz überflüssig zu werden. Anstatt die Technologie zu blockieren, nutzt sie die freiwerdenden Ressourcen, um ihr Team im Bereich strategisches Datenmanagement und KI-Ethik weiterzubilden.
Bewältigungsstrategien und Interventionen
Die psychologische Resilienz gegenüber FOBO basiert im Kern auf dem Konzept des Growth Mindsets (Dweck, 2006) – der Überzeugung, dass eigene Fähigkeiten durch Engagement und kontinuierliches Lernen weiterentwickelt werden können.
Individuelle Ebene (Employability): Beschäftigte reduzieren FOBO am effektivsten durch den aktiven, experimentellen Umgang mit den angstauslösenden Technologien (z. B. ChatGPT, Google Gemini). Die Aneignung von KI-Kompetenzen in Kombination mit dem Ausbau spezifisch menschlicher Schlüsselkompetenzen (Soft Skills wie Empathie, kritisches Denken, Kreativität und komplexe Problemlösung) stärkt die eigene Arbeitsmarktfähigkeit. Nicht die Technologie an sich macht den Menschen überflüssig, sondern eine dauerhafte Verweigerung der Lernbereitschaft.
Organisationale Ebene (Leadership): Führungskräfte sind gefordert, FOBO durch transparente Kommunikation zu begegnen. Unternehmen müssen psychologische Sicherheit bieten und massiv in Upskilling (Weiterentwicklung vorhandener Kompetenzen) und Reskilling (Umschulung) investieren. Die strategische Positionierung von KI als unterstützendes Werkzeug (Augmentation) statt als vollständiger menschlicher Ersatz (Substitution) nimmt Beschäftigten die existenzielle Bedrohung und transformiert FOBO in produktive Lernenergie.
Literatur
Bughin, J., Hazan, E., Ramaswamy, S., Chui, M., Allas, T., Dahlström, P., Henke, N., & Trench, M. (2018). Skill shift: Automation and the future of the workforce. McKinsey Global Institute.
Chamorro-Premuzic, T. (2023). I, Human: AI, Automation, and the Quest to Reclaim What Makes Us Unique. Harvard Business Review Press.
Dweck, C. S. (2006). Mindset: The new psychology of success. Random House.
ifo Institut. (2024). KI führt in jedem vierten deutschen Unternehmen zu Stellenabbau. ifo Schnelldienst, 77(5), 22–26.
Peitz, M., & Pizzinini, M. (2025). Künstliche Intelligenz und der Wandel der Arbeitswelt: Deskilling und Beschäftigungsfähigkeit aus wirtschaftspsychologischer Perspektive. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 69(2), 85–98.
World Economic Forum. (2023). The Future of Jobs Report 2023. World Economic Forum.
Mit dem rasanten Fortschritt der Künstlichen Intelligenz (KI) hat sie jedoch eine neue Dimension erreicht und betrifft heute Berufseinsteiger genauso wie Führungskräfte. Laut dem „Future of Jobs“-Report des World Economic Forum (WEF) werden bis zum Jahr 2030 weltweit rund 92 Millionen Jobs wegfallen oder sich durch KI grundlegend verändern. Rund 39 % der heute noch gefragten Fähigkeiten werden dann nicht mehr, oder nur noch eingeschränkt relevant sein. Eine McKinsey-Studie legt nahe, dass mit den heutigen Technologien bis zu 45 % der derzeitigen Arbeitsaufgaben automatisierbar wären. Eine Gallup-Studie wiederum kommt zu dem Ergebnis, dass bereits jeder vierte Beschäftigte in den USA (22 %) befürchtet, sein Arbeitsplatz könne durch neue Technologien überflüssig werden – vier Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei 15 %.
Nach einer Studie des ifo-Instituts erwarten 27,1 % der Unternehmen hierzulande, dass KI innerhalb der kommenden 5 Jahre Stellen vernichten wird – insbesondere in der Kommunikations-, Finanz- und Informationsbranche. Besonders hart trifft es kreative Berufe. Der Grund dafür: Deskilling (deutsch: Dequalifizierung). Also die Entwertung von bisher wichtigen Fähigkeiten und Kompetenzen durch neue Technologien.
Wer sich also aktuell auf bestehendes Fachwissen verlässt oder neue Technologien ignoriert, läuft tatsächlich Gefahr, an Relevanz oder gar seinen Job zu verlieren. Allerdings hat der technologische Fortschritt schon immer Berufe und Branchen verändert sowie einzelne Jobprofile verdrängt. Dabei entstehen jedoch gleichzeitig immer auch neue Berufsbilder und Karrierechancen. FOBO kann daher auch eine Art Weckruf sein, die eigene Beschäftigungsfähigkeit aktiv weiterzuentwickeln und mit der KI arbeiten zu lernen.
Quelle: https://karrierebibel.de/fobo/