Objektivitätsbias

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Der Objektivitätsbias – objectivity bias – bezeichnet in der Psychologie ein kognitives Verzerrungsphänomen, bei dem Individuen oder Institutionen dazu neigen, Informationen, Quellen oder Urteile als neutral, sachlich und objektiv einzustufen, wenn diese mit den eigenen Überzeugungen, Einstellungen oder Wertvorstellungen übereinstimmen. Die eigene Sichtweise wird dabei implizit als vernünftig, realitätsnah und faktenbasiert erlebt, während abweichende Positionen eher als ideologisch gefärbt, voreingenommen oder emotional motiviert wahrgenommen werden.

Der Objektivitätsbias steht in engem Zusammenhang mit dem Bestätigungsfehler – Confirmation Bias -, geht jedoch insofern darüber hinaus, als er nicht nur die selektive Bevorzugung bestätigender Informationen beschreibt, sondern insbesondere die subjektive Zuschreibung von Objektivität an konsonante Inhalte. Dadurch entsteht die Illusion, die eigene Perspektive sei weniger verzerrt als die anderer Personen. Dieses Phänomen überschneidet sich konzeptuell mit dem von Emily Pronin beschriebenen Bias Blind Spot“ als der Tendenz, kognitive Verzerrungen bei sich selbst weniger stark wahrzunehmen als bei anderen, sowie mit dem naiven Realismus, d. h., der Annahme, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich“ist.

Psychologisch beruht der Objektivitätsbias unter anderem auf motivierten Informationsverarbeitungsprozessen, denn Menschen streben nach kognitiver Konsistenz und einem positiven Selbstbild als rational handelnde Akteure. Informationen, die mit bestehenden Überzeugungen übereinstimmen, werden fluenter verarbeitet, erzeugen weniger kognitive Dissonanz und werden daher als glaubwürdiger und objektiver eingeschätzt. Neurokognitive Studien deuten darauf hin, dass bestätigende Informationen geringere konfliktbezogene Aktivierungen auslösen, während widersprechende Inhalte verstärkte Kontroll- und Bewertungsprozesse erfordern. In sozialen Kontexten stabilisiert der Objektivitätsbias Gruppennormen, da gemeinsame Überzeugungen als sachlich gerechtfertigt erlebt werden, was Polarisierungsprozesse begünstigen kann.

Empirisch zeigt sich der Objektivitätsbias besonders deutlich im politischen und medialen Bereich, wenn Rezipienten identische Nachrichtenberichte dann als ausgewogen und objektiv beurteilen, wenn diese ihrer politischen Haltung entsprechen, während sie denselben Bericht als tendenziös bewerten, wenn er der Gegenseite zugerechnet wird. Ein klassisches Beispiel liefert die Untersuchung von Vallone, Ross und Lepper (1985), die zeigte, dass sowohl pro-israelische als auch pro-arabische Studierende dieselbe Nachrichtenberichterstattung als gegen die eigene Position gerichtet interpretierten. Der Objektivitätsbias wirkt hier komplementär zum sogenannten Hostile-Media-Effect. Auch in wissenschaftlichen oder organisatorischen Kontexten kann das Phänomen auftreten, etwa wenn Forschende methodische Ansätze bevorzugen, die ihren theoretischen Vorannahmen entsprechen, und diese als besonders neutral oder evidenzbasiert charakterisieren. In juristischen oder administrativen Entscheidungsprozessen kann der Bias dazu führen, dass bestimmte Gutachten oder Expertisen als rein sachlich gelten, obwohl sie implizite normative Prämissen enthalten.

In der Psychologie gibt es einige Begriffe, die in engem Zusammenhang mit dem Objektivitätsbias stehen oder diesen in einem breiteren Kontext behandeln. Dabei wird das Phänomen meist nicht explizit als Objektivitätsbias benannt, sondern als Teilbereich der kognitiven Verzerrungen (kognitive Biases), der menschlichen Informationsverarbeitung bzw. der Wahrnehmung von Objektivität. Dazu zählen etwa kognitive Verzerrungen als systematische Denk- und Wahrnehmungsfehler, die die menschliche Wahrnehmung, das Denken und Urteilen beeinflussen und damit auch die subjektive Einschätzung von Objektivität und Neutralität. Der Begriff Verzerrungsblindheit (engl. Blind Spot Bias) beschreibt die Tendenz, die eigenen Denkverzerrungen nicht zu sehen, während man sie bei anderen erkennt, also ein zentrales Element dessen, was man beim Objektivitätsbias beobachtet, nämlich die subjektive Wahrnehmung, selbst weniger voreingenommen zu sein als andere. Nicht zuletzt wird in Diskussionen über Objektivität in Wissenschaft und Wissenschaftstheorie betont, dass Objektivität nicht einfach gegeben ist, sondern stets kritisch reflektiert werden muss, wie etwa bei Max Weber’s Auseinandersetzungen mit Objektivität in den Sozialwissenschaften oder in Sammlungen, die den Begriff in historischen und methodologischen Kontexten analysieren.

Gesellschaftlich gewinnt der Objektivitätsbias im Kontext digitaler Medien an Bedeutung. Algorithmisch kuratierte Informationsumgebungen verstärken die Wahrscheinlichkeit, mit übereinstimmenden Perspektiven konfrontiert zu werden, wodurch diese als mehrheitsfähig und objektiv erscheinen. Die subjektive Gewissheit, die eigene Position sei faktenbasiert, kann die Dialogbereitschaft reduzieren und die ideologische Polarisierung fördern. Präventiv wirksam sind metakognitive Strategien, also die Bewusstmachung eigener Vorannahmen sowie eine strukturierte Perspektivenübernahme. Forschung zur Debiasing-Intervention zeigt jedoch, dass die Reduktion des Objektivitätsbias anspruchsvoll ist, da die Überzeugung von der eigenen Objektivität in vielen Aspekten selbst Teil der Verzerrung ist.

Literatur

Pronin, E., Lin, D. Y., & Ross, L. (2002). The bias blind spot: Perceptions of bias in self versus others. Personality and Social Psychology Bulletin, 28(3), 369–381.
Vallone, R. P., Ross, L., & Lepper, M. R. (1985). The hostile media phenomenon: Biased perception and perceptions of media bias in coverage of the Beirut massacre. Journal of Personality and Social Psychology, 49(3), 577–585.
Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220.


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