Unter Distress versteht man nach Selye (1976) den Zustand der Überlastung, wie z.B. Überforderung am Arbeitsplatz (= negativer Stress). Inwieweit Belastungssituationen zu negativem Stress werden, hängt zum einen von der Dauer der Belastung sowie den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten und Erfahrungen aus vergleichbaren Situationen ab, zum anderen von den wahrgenommenen Bewältigungsmöglichkeiten, d. h. der persönlichen Selbsteinschätzung. Besitzt man die Fähigkeiten und Fertigkeiten, den Anforderungen gerecht zu werden sowie die Möglichkeit, die freiwerdenden körperlichen Energien auch auszuleben, hat man es mit positivem Stress – Eustress –  zu tun.

In Abweichung von früheren Auffassungen betrachtet man heute Stress meist als negativen, unangenehm empfundenen Spannungszustand, dessen Folgen allerdings auch positiv ein können, etwa durch Erhöhung der Handlungskompetenz bei Bewältigung von Stresssituationen oder Erweiterung der Frustrationstoleranz in einer konkreten Situation.

Der gemeinsame Konsens aller Erklärungsversuche zu Distress besteht in einem Ungleichgewicht von Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten, wobei letztere aus objektiven Faktoren wie etwa die zur Verfügung stehenden Zeit, Arbeitsmitteln oder Kompetenzen, und subjektiven Faktoren wie Zeiteinteilung, Arbeitsorganisation oder Belastbarkeit bestehen. Eine zentrale Rolle spielt dabei vor allem die Bewertung einer Situation etwa als Überforderung, Einschränkung oder nicht handhabbar, wobei diese Stressoren bei den Menschen völlig unterschiedlich ausgeprägt sein können. Allein der Gedanke, nicht genügend Zeit für eine Aufgabe zu haben, löst im Körper mancher Menschen oft eine negative Stressreaktion aus, wobei dafür in erster Linie das Gehirn verantwortlich zeichnet, bei dem das erlebte Mangelgefühl evolutionär betrachtet als lebensbedrohlich abgespeichert ist, was auf die Instinktvergangenheit der Menschen als Jäger und Sammler zurückgeführt werden kann.

Belastungen am Arbeitsplatz sind daher nach Ansicht mancher Psychologen in vielen Fällen Einbildung, denn der meiste Stress am Arbeitsplatz ist allein gefühlter Stress. Wie oft hört man heute doch den Satz: „Ich bin gestresst!“ Es sind die eigenen Gedanken, die entscheiden, ob man eine Situation genießt (Eustress) oder ob sie einem Angst macht (Distress). Belastend ist nach Ansicht von Experten nicht so sehr die Wirklichkeit, sondern die Vorstellung davon, was in manchen Fällen nichts anderes bedeutet, dass wenn sich Menschen immerzu sagen, wie schlecht es ihnen geht, dann geht es ihnen auch schlecht. Menschen sind letztlich selbst verantwortlich für ihre negativen Gedanken.


Hinweis: Selten findet man auch die Schreibweise Dystress, wobei damit eine etwas andere Interpretation intendiert wird. Grundsätzlich drückt „dys-„, abgeleitet vom griechischen griechischen „dys=gestört“, in Zusammensetzungen mit Substantiven oder Adjektiven aus, dass etwas abweichend von der Norm oder krankhaft, übel, schlecht oder falsch ist, also wie etwa in Dystopie oder Dyskalkulie, während „dis“ vom lateinischen dis‎ „entzwei“ abgeleitet, in Zusammensetzungen mit Fremdwörtern aus dem Lateinischen die Bedeutung eines Gegensatzes wie in Disharmonie oder einer Trennung wie in Distanz hat, wobei es natürlich manchmal ebenfalls wie „dys-“ verneinend oder negativ konnotiert sein kann.



Ein Gedanke zu „Distress“

  1. erik simon

    Moin Herr Stangl!
    Ich habe heute auf der Suche nach der korrekten Schreibweise des Wortes Ihren Artikel gefunden. Bisher kannte ich nur Ihre Seite mit den Arbeitsblättern, die mir schon sehr gut gefallen hatte.
    Mit Ihrer Definintion (bzw. der von Seyle) stimme ich jedoch aktuell nicht überein (is‘ aber nu‘ auch kein Stress…) weil:
    -sich Masochisten wohl gut fühlen würden mit einem Chef, der sie mobbt
    -auch jemand, der sich einem Kriegsgeschehen durch Vermeidung/Flucht anpasst, trotzdem eher Unwohlsein empfindet.
    Vielleicht habe ich das in meinem jugendlichen Leichtsinn fehlinterpretiert, was Dys- und was Eu-Stress per definitionem aus psychologischer Sicht ist.
    Beste Grüße,
    erik s.
    PS: Als empathischer Mensch fand ich gerade die nachfolgende Veröffentlichung sehr interessant:
    https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0306453014001243

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