Totschlagargument

Ein Totschlagargument ist ein rhetorisches Mittel, das darauf abzielt, eine Diskussion abrupt zu beenden oder den Gesprächspartner mundtot zu machen, ohne sich sachlich mit dessen Position auseinanderzusetzen. Es handelt sich nicht um ein logisch zwingendes Argument, sondern um eine kommunikative Strategie, bei der der Diskurs durch emotionale, autoritäre oder abwertende Aussagen blockiert wird. Typischerweise setzen Totschlagargumente auf moralische Empörung, soziale Tabus oder unüberprüfbare Autoritätsbehauptungen, wodurch sie den Gesprächspartner in eine defensive Position drängen und eine inhaltliche Debatte verhindern. Häufige Formen sind zum Beispiel das Verweisen auf eine unantastbare Autorität („Das hat schon immer so funktioniert“), das moralische Diskreditieren einer Position („Nur ein schlechter Mensch würde so etwas sagen“) oder das Heraufbeschwören extremer Konsequenzen („Wenn wir das zulassen, bricht alles zusammen“). In der Argumentationstheorie gelten Totschlagargumente als informelle Fehlschlüsse, da sie den Anschein von Beweiskraft erwecken, aber inhaltlich wenig bis gar keinen Beitrag zur Wahrheitsfindung leisten (Walton, 1998). Psychologisch gesehen nutzen sie oft kognitive Verzerrungen wie den Bestätigungsfehler oder das Autoritätsbias, um Zustimmung zu erzwingen (Kahneman, 2011). In politischen oder gesellschaftlichen Debatten können Totschlagargumente besonders wirkmächtig sein, da sie Themen emotional aufladen und Gegner moralisch delegitimieren, was wiederum zu einer Polarisierung des Diskurses beiträgt (Habermas, 1992).

Eine ähnliche Dynamik zeigt sich bei der missbräuchlichen Anwendung der Standpunkttheorie, die ursprünglich betont, dass Erkenntnis immer in Abhängigkeit von sozialen Positionen und Machtverhältnissen entsteht. Diese Theorie, die auf Ludwik Flecks Arbeiten zur Entstehung wissenschaftlicher Tatsachen zurückgeht, macht deutlich, dass Fakten nicht einfach „vom Himmel fallen“, sondern in spezifischen sozialen Kontexten konstruiert werden (Fleck, 1935). Heute wird die Standpunkttheorie jedoch oft als rhetorisches Machtinstrument eingesetzt. In Diskussionen dient sie dann als Totschlagargument, indem die Aussagen des Gegenübers pauschal als Ausdruck von Machterhalt oder Machtstreben interpretiert werden. Logik, Wissen und empirische Fundierung werden in solchen Fällen nicht auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft, sondern als Instrumente politischer oder sozialer Interessen gedeutet. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom sachlichen Argument hin zu Machtstrategien, und eine offene, erkenntnisorientierte Debatte wird untergraben.

In Kombination verdeutlichen diese Perspektiven, wie Totschlagargumente und die instrumentalisierte Standpunkttheorie Diskussionen prägen, Debatten blockieren und die Konstruktion von Wissen in sozialen Kontexten beeinflussen. Sie zeigen zugleich die Notwendigkeit, zwischen sachlicher Argumentation und manipulativer Rhetorik zu unterscheiden, um Erkenntnisprozesse nicht durch Machtinteressen zu verzerren.

Siehe auch Killerphrasen.

Literatur

Fleck, L. (1935). Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Springer.
Habermas, J. (1992). Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Suhrkamp.
Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux.
Walton, D. N. (1998). The new dialectic: Conversational contexts of argument. University of Toronto Press.


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