Cumulative redundancy bias

Menschen neigen dazu, einmal gewonnene Informationen nur schwer wieder loszulassen – selbst dann, wenn neue und relevantere Daten verfügbar sind. Dieser Mechanismus wird in der Psychologie als cumulative redundancy bias bezeichnet. Gemeint ist die Tendenz, bei der Bildung von Eindrücken oder Bewertungen bereits bekannte, aber letztlich redundante Beobachtungen weiterhin mitzuberücksichtigen, obwohl normativ gesehen nur die neuesten Informationen entscheidend sein sollten (Alves & Mata, 2019). In Experimenten zeigte sich, dass Personen Wettbewerbern, die früh in Führung gehen, mehr Vertrauen und Sympathie entgegenbringen, selbst wenn das Endergebnis identisch bleibt oder erst spät die entscheidenden Hinweise geliefert werden. Dieser Effekt tritt unabhängig von der Domäne auf – sei es bei Sportwettkämpfen, bei der Bewertung von Aktien oder im technologischen Wettbewerb – und führt sogar dazu, dass bei einem Gleichstand die früh führende Partei bevorzugt wird.

Im politischen Kontext gewinnt dieser Bias besondere Brisanz. Studien belegen, dass die sukzessive Veröffentlichung von Teilergebnissen bei Wahlen dazu führt, dass Kandidaten, die früh vorne liegen, als besonders glaubwürdig und chancenreich wahrgenommen werden, während spätere Führungswechsel Misstrauen hervorrufen. Ein Forscherteam um André Vaz konnte in sieben Experimenten zeigen, dass dieses Muster sowohl bei simulierten als auch bei realen Szenarien auftritt, darunter auch bei der US-Präsidentschaftswahl 2020. Dort mündete der Führungswechsel im Bundesstaat Georgia in massiven Vorwürfen angeblicher Wahlmanipulation, die in der „Stop the Steal“-Kampagne ihren Ausdruck fanden. Auffällig dabei ist, dass die parteipolitische Zugehörigkeit der Beobachter kaum eine Rolle spielte – entscheidend war allein die zeitliche Abfolge der veröffentlichten Ergebnisse (Vaz, Ingendahl, Mata, & Alves, 2025). Das Vertrauen in die Integrität der Wahl sinkt also vor allem dann, wenn der letztliche Sieger erst spät in Führung geht.

Dieses Festhalten an früheren Eindrücken verdeutlicht ein allgemeineres psychologisches Problem: Menschen fällt es schwer, einmal erworbene Überzeugungen oder Informationen zu revidieren, auch wenn sich diese als unzutreffend erweisen. Schon triviale Details, die zunächst plausibel erscheinen, können im Gedächtnis haften bleiben und spätere Urteile verzerren. In der Alltagswahrnehmung äußert sich dies in vielen Bereichen: Wir halten an alten Selbstbildern fest, auch wenn die Zeit uns längst verändert hat; wir bleiben politischen Einschätzungen verhaftet, obwohl sich internationale Konstellationen wandeln; wir neigen dazu, alte Gewissheiten mit Vehemenz zu verteidigen, statt sie flexibel zu hinterfragen. Wissenschaftliches Denken lebt zwar von der Revision und Korrektur überholter Hypothesen, doch im persönlichen und politischen Alltag bleibt dieser Schritt oft aus.

Besonders in Zeiten digitaler Medien, in denen Informationen fragmentarisch und in Echtzeit verbreitet werden, verstärkt sich diese kognitive Verzerrung. Ein einmal etablierter Eindruck – ob korrekt oder nicht – prägt nachhaltig das Vertrauen in Institutionen und Prozesse. Gerade im Kontext demokratischer Wahlen kann dies fatale Folgen haben: Aus anfänglichen Momentaufnahmen erwachsen Fehldeutungen, die sich in Verschwörungserzählungen verfestigen und gesellschaftliche Spannungen verschärfen. Zwar schlagen Forscher vor, Prognosen und Teilergebnisse restriktiver zu veröffentlichen oder ganz zurückzuhalten, doch auch dies birgt Gefahren: Geheimhaltung oder Zensur könnten ihrerseits Misstrauen befeuern. Damit bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Wege zu finden, wie Bürgerinnen und Bürger lernen können, frühzeitige Eindrücke kritisch zu hinterfragen und flexibel auf neue Informationen zu reagieren.

Literatur

Alves, H., & Mata, A. (2019). The redundancy in cumulative information and how it biases impressions. Journal of Personality and Social Psychology. Advance online publication.
Vaz, A., Ingendahl, M., Mata, A., & Alves, H. (2025, Juli 24). “Stop the Count!” – How reporting partial election results fuels beliefs in election fraud. Psychological Science. Advance online publication.


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