Systemsprenger

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Ein Systemsprenger ist ein Kind oder Jugendlicher, seltener ein Erwachsener, der sich nicht in das bestehende Betreuungssystem, insbesondere das Jugendhilfesystem, integrieren lässt oder immer wieder aus diesem herausfällt. Der Begriff Systemsprenger beschreibt also eine Person, die das System „sprengt“ oder überfordert. Es handelt sich um Kinder oder Jugendliche, die aufgrund ihres Verhaltens, ihrer psychischen oder emotionalen Probleme, ihrer Gewalttätigkeit oder anderen Schwierigkeiten für das bestehende Hilfesystem schwer zu betreuen sind. Als Systemsprenger werden demnach Menschen in Pädagogik und Psychiatrie bezeichnet, für die es noch keine geeigneten sowie erfolgreich nachgewiesenen Hilfemaßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe gibt.

Der Begriff „Systemsprenger“ beschreibt demnach insbesondere im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Sonderpädagogik junge Menschen, die aufgrund massiv herausfordernder Verhaltensweisen sowie multipler Problemlagen die Kapazitäten und Interventionsmöglichkeiten des bestehenden Hilfesystems ausschöpfen oder überfordern.

Im Kern bezeichnen Systemsprenger Kinder und Jugendliche, die eine „Karriere“ durch verschiedene Institutionen (Pflegefamilien, Wohngruppen, Psychiatrien, geschlossene Unterbringungen) hinter sich haben, wobei jede Maßnahme aufgrund von Eskalationen, Regelverstößen oder mangelnder Passgenauigkeit vorzeitig beendet wurde. Dies führt zu einem sogenannten Drehtüreffekt oder einer „Abbruchspirale“, bei der die Betroffenen immer wieder neue Beziehungsabbrüche erleben, was wiederum ihr destruktives Verhalten als Bewältigungsstrategie verstärkt. Die pädagogische Forschung betont heute, dass nicht das Kind allein das „System sprengt“, sondern dass das Versagen in der Passung zwischen den individuellen Bedürfnissen des jungen Menschen und den starren Strukturen der Institutionen liegt. Typische Merkmale dieser Zielgruppe sind eine hohe Impulsivität, massive Aggression gegen sich selbst oder andere, Weglaufen, Schulverweigerung sowie eine tiefgreifende Bindungsstörung, die oft in frühkindlichen Traumatisierungen wurzelt. Ein klassisches Beispiel für eine Systemsprenger-Dynamik ist ein zwölfjähriges Kind, das aufgrund von gewalttätigen Übergriffen bereits aus fünf verschiedenen Wohngruppen ausgeschlossen wurde, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie als „nicht therapierbar“ gilt und in der Regelschule aufgrund von Fremdgefährdung suspendiert ist. Für solche Fälle werden oft Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuungen (ISE) oder individualpädagogische Projektmaßnahmen (wie z. B. Auslandsprojekte oder Stand-alone-Lösungen) initiiert, die fernab von Gruppenstrukturen auf eine radikale Beziehungsstabilität setzen. Die pädagogische Herausforderung besteht darin, trotz massiver Provokationen das Prinzip des „Nicht-Aufgebens“ zu verfolgen und den Teufelskreis aus Ablehnung und neuerlicher Eskalation zu durchbrechen. Kritiker des Begriffs mahnen an, dass die Bezeichnung stigmatisierend wirken kann, da sie die Schuld einseitig dem Individuum zuzuweisen scheint, weshalb in Fachkreisen oft alternativ von „jungen Menschen mit komplexem Hilfebedarf“ gesprochen wird.

Systemsprenger ist als Fachbegriff unklar definiert und umstritten, wobei er die Hilflosigkeit von Einrichtungen, vor allem der Jugendhilfe, der Schule, der Psychiatrie, der Behindertenhilfe sowie der Justiz widerspiegelt. Der Begriff dient im Diskurs eher dazu, auf das Phänomen aufmerksam zu machen und die Schwierigkeiten bei der Betreuung solcher Kinder oder Jugendlicher zu verdeutlichen. Systemsprenger können aufgrund ihres besonderen Problemverhaltens nur schwer in Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe respektive der Behindertenhilfe integriert werden, sondern werden entweder von Einrichtung zu Einrichtung durchgereicht oder sie ziehen sich ganz zurück, fallen aus dem sozialen Netz, werden obdachlos oder straffällig. Systemsprenger wechseln dabei häufig die Hilfen und die Hilfeorte und erfahren dadurch erneute Bindungsabbrüche, wodurch sich ein Ankommen in weiterfolgenden Maßnahmen sich daher als erschwert erweist.

Sowohl Kindergarten, Schule, Jugendamt, Ärzte, Therapeuten, aber auch das soziale Umfeld wie Familie, Freunde und Bekannte, können etwas bewegen, wenn ein Systemsprenger als Mensch mit wichtigen, relevanten Bedürfnissen gesehen wird und nicht nur das falsche Verhalten. Durch Akzeptanz, Anerkennung, Zuneigung und positivem Selbstwertgefühl kann ein Mensch sich weiter entwickeln und lernen, mit einer herausfordernden Lebenssituation positiv umzugehen.

Systemsprenger ist auch der Titel eines deutschen Filmdramas von Nora Fingscheidt aus dem Jahr 2019, in dem ein 9-jähriges Mädchen im Mittelpunkt steht, das als titelgebender Systemsprenger einen Leidensweg zwischen wechselnden Pflegefamilien, Aufenthalten in der Psychiatrie und Heimen und erfolglosen Teilnahmen an Anti-Aggressions-Trainings durchläuft. Die Protagonistin, ein Mädchen namens Benni, zeigt schwieriges und aggressives Verhalten und ist für das Jugendhilfesystem kaum zu kontrollieren, wobei der Film die Herausforderungen thematisiert, mit denen sowohl das Kind als auch die betreuenden Fachkräfte konfrontiert sind.

Literatur

Baumann, M. (2010). Kinder, die Systeme sprengen: Wenn Erziehung an ihre Grenzen stößt. Fallverstehen, Systemanalyse und pädagogische Perspektiven. Schneider Verlag Hohengehren.
Baumann, M. (2019). Systemsprenger: Wenn Erziehung an Grenzen stößt und wie wir dennoch handeln können. Beltz Juventa.
Lohner, E., & Stahlke, I. (2021). Systemsprenger: Ein Phänomen der Kinder- und Jugendhilfe zwischen Pathologisierung und pädagogischer Notwendigkeit. Springer VS.
Schleiffer, R. (2014). Der heimliche Wunsch, nach Hause zu dürfen: Bindungstheoretische Reflexionen über Systemsprenger. In: Erziehung & Unterricht, 164(3-4), 211-219.
Hättig, H. (2022). Pädagogik bei Verhaltensstörungen: Grundlagen und Strategien im Umgang mit herausforderndem Verhalten. Kohlhammer.
https://de.wikipedia.org/wiki/Systemsprenger (20-08-09)


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1 Gedanke zu „Systemsprenger“

  1. Es handelt sich dabei weniger um eine klinische Diagnose als vielmehr um eine interaktionelle Phänomenbeschreibung. Der Begriff wurde maßgeblich durch den Erziehungswissenschaftler Menno Baumann geprägt und popularisiert.

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